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Radio LoRa,23.03.1986: Nach der grossen Debatte im Nationalrat gegen die Geflüchteten, die grosse Debatte im LoRa für die Geflüchteten ua. mit Flüchtlingskaplan Cornelius Koch


Objekt nur auf Anfrage verfügbar
SignaturF 1063-082
BestandF_1063 Nachlass Christoph Lindenmaier (1953-2009) [TON]
Bestandesbeschrieb

Christoph Lindenmaier (1953-2009) war ein Schweizer Radiopionier. Er hinterlässt wichtige Dokumente (Audios, Photos, schriftliche Unterlagen) zur Geschichte der schweizerischen und europäischen Community Medien. Der Bestand enthält Radiosendungen, Unikate (respektive Originalaufnahmen) und kommerzielle vertriebene Musikaufnahmen, die im Rahmen von Solidaritätskampagnen des Comité européen pour la défense des réfugiés et immigrés (C.E.D.R.I), der Fédération européenne des radios libres (FERL) und der Anti-Apartheid Kampagne von Radio LoRa frei zur Verfügung gestellt wurden. 2022 schenkte die Witwe Kathi-Hahn-Lindenmaier den Nachlass von Christoph Lindenmaier dem Schweizerischen Sozialarchiv. Im gleichen Jahr lancierte Hannes Lämmler, langjähriger Freund und Zeitzeuge, ein Memoriavprojekt für die Erhaltung und Erschliessung der Audios mit dem offiziellen Titel "Christoph Lindenmaier, Radio Pirat aus Leidenschaft: Alternative Medienprojekte und internationale Solidarität, Demokratie und Medien im Übergang von analog zu digital". Lämmler sorgte für die Erschliessung der Aufnahmen. Das Nachlassprojekt begleiteten ausserdem Thomas und Brigitte Busch-Windhab, Klaus Hinkeldein und Helmut Peissl.

Christoph Lindenmaier (1953-2009) war ein Schweizer Radiopionier. Er hinterlässt wichtige Dokumente (Audios, Photos, schriftliche Unterlagen) zur Geschichte der schweizerischen und europäischen Community Medien. Der Bestand enthält Radiosendungen,… — mehr...

AbstractLoRa Sonntagsgipfel 23.3.1986 : Ausgeschafft, abgeschafft, geschafft, Gespräche, Informationen, Interviews zum Thema Ausschaffung; Nach der grossen Debatte im Nationalrat gegen die Geflüchteten heute die grosse Debatte im LoRa für die Geflüchteten, denn gegen Fremdenhass und Rassismus muss jede:r einzelne etwas unternehmen.
Urheber
  1. Radio LoRa, Zürich
Objektträger
  1. Kompaktkassette
Detailinformation

00:00:00 Aufnahme setzt ein – Jingle

00:00:42 Musik

00:00:52 Ausgeschafft, abgeschafft, geschafft

00:01:15 Gespräche, Informationen, Interviews zum Thema Ausschaffung

00:01:40 Musik

00:01:59 Musik

00:05:13 Musik endet

00:05:15 Moderation

00:05:49 Nach der grossen Debatte im Nationalrat gegen die Geflüchteten heute die grosse Debatte im LoRa für die Geflüchteten. Gegen Fremdenhass und Rassismus muss jede:r einzelne etwas unternehmen

00:07:27 Vorstellungsrunde: Tscherina von Moos, Gotthard Klingler, Cornelius Koch (kath. Geistlicher), Hannes Reiser (CEDRI), Holger Weisswange

00:08:53 Es reicht nicht, gegen Deportationen zu sein, man kann aktiv werden im Rahmen der Aktion «Asylbewerber als Gäste»

00:11:03 Stellungnahme des schweizerischen Asylkomitees zur Debatte im Nationalrat von dieser Woche: «Um 45 Jahre zurückversetzt – geistiger Notstand im Nationalrat»

00:12:03 90 Prozent der Nationalrät:innen haben keine Ahnung davon, wie die tägliche Arbeit mit Geflüchteten aussieht, wie ein Asylverfahren abläuft, was bereits gesetzlich abgedeckt ist, etc.

00:12:49 Nur 17 Prozent der Asylgesuche werden bewilligt

00:13:06 Vertreter:innen der Hilfswerke waren schockiert über das grassierende Unwissen im Nationalrat

00:13:44 Beispiel eines Falls: In Graubünden wurde ein legal anwesender Asylsuchender verhaftet, man versuchte ihn zu deportieren (das konnte verhindert werden) – der Nationalrat hat nun die Ausschaffungshaft beschlossen

00:16:30 Das Wissen von Nationalrät:innen ist beschränkt, wenn es um Migrationsfragen geht, die meisten interessieren sich gar nicht dafür

00:17:03 Die meisten Nationalrät:innen sitzen in mehreren Verwaltungsräten und haben deswegen gar keine Zeit, sich über politische Themen zu informieren

00:18:38 Die Frage der Geflüchteten geht uns an, nicht die Politiker:innen, denn schliesslich wohnen sie bei uns, sie sind unsere Nachbar:innen, sie arbeiten mit uns, wir müssen hier mitreden können

00:19:20 Im Nationalrat diese Woche eine Anfrage von Valentine Friedli betr. die Waffenlieferungen an die Türkei und die Deportation von Kurd:innen – Antwort des Bundesrats: Schweiz werde weiter Waffen an die Türkei und liefern Kurd:innen seien in der Türkei nicht verfolgt

00:21:11 Im Nationalrat wurde beschlossen, die Grenze dichtzumachen

00:22:22 Beschluss: Wer illegal ins Land kommt, soll deportiert werden, in Grenznähe würden dafür Lager errichtet

00:22:55 Es wird einige wenige Grenzübergänge geben, wer als Geflüchtete:r einreist, muss sich dort registrieren und wird in Lagern eingesperrt, bis über das Asylgesuch entschieden wurde – wer anderweitig einreist, kann kein Gesuch stellen

00:24:45 Der Bundesrat kann nun jederzeit per Notrecht entscheiden, die Grenzen vollständig zu schliessen

00:26:20 Was ist an Gegenbewegung dazu gelaufen?

00:27:04 Im Alltag etwas mit Geflüchteten unternehmen, es gibt eine «andere» Schweiz (im Gegensatz zur «offiziellen»), die solidarisch ist

00:27:38 Hinweis auf die Zeit Ende der 1930er-/Anfang der 1940er-Jahre und die Doppelbödigkeit der «offiziellen» Schweiz

00:29:20 Im August 1942, als die Schweiz die Grenzen schloss, entstand eine kirchlich geprägte Freiplatzaktion

00:29:46 Das Beispiel von Paul Grüninger und anderen

00:30:26 Das Kantonsparlament von St. Gallen hat 1985 die Rehabilitation von Grüninger u.a. mit der Begründung abgelehnt, damit würde der illegale Widerstand gegen die heutige Flüchtlingspolitik legitimiert

00:32:26 Die heutige Flüchtlingspolitik wird mit ähnlichen Argumenten bekämpft wie jene in den 1940er-Jahren

00:34:09 Ende August 1942 fand im Hallenstadion Oerlikon die Jahresversammlung der ref. Jungen Kirche mit Bundesrat Eduard von Steiger statt, der die Grenzschliessung rechtfertigte («Das Boot ist voll»), was Proteste auslöste

00:38:20 Moderation: Hinweis auf das Sendungsthema und de Aktion «Asylbewerber als Gäste»

00:39:39 Anruf einer Hörerin: Habe Kontakt mit chilenischen und türkischen Geflüchteten. Der Grossteil der heute anerkannten Asylsuchenden sind kaum legal über die Grenze gekommen

00:40:25 Antwort: Heute ist es noch so, dass Geflüchtete nicht bestraft werden dürfen, wenn sie illegal einreisen – die Neuregelung dient dazu, die Anzahl der Asylsuchenden zu beschränken

00:41:16 Der Bundesrat hat nach dem Putsch in Chile 1973 die Visumspflicht für Chilen:innen eingeführt, dasselbe nach dem Putsch in der Türkei 1980

00:41:59 Frage an die Hörerin: Woher hat sie den Kontakt zu Geflüchteten?

00:42:16 Antwort Hörerin: Über einen Radioaufruf, Chilen:innen mit Übersetzungen zu helfen. Ist beteiligt am Aufbau eines Treffpunkts für türkische Frauen in Zürich

00:44:12 In den Medien wird über jeden Furz der fremdenfeindlichen Nationalen Aktion NA berichtet, aber nichts über das alltägliche Engagement von ganz normalen Leuten zur Unterstützung von Geflüchteten

00:46:40 Anruf der Hörerin endet

00:47:40 Anruf eines Hörers: Erzählt, dass er vor drei Jahren [1983] im Militär in Grenznähe (St. Luzisteig) die Abwehr von Migrant:innen üben musste (Identifikation, Festnahme, Internierung in Lagern)

00:48:47 Hinweis auf ein Manöver unter Ernst Cincera im Graubünden: Tausende Geflüchtete kommen in die Schweiz und die einheimische Bevölkerung bereitet einen Aufstand vor («Rote Ratten von Maloja»)

00:50:51 Hörer: Man könnte die Deportierten auf Plakaten mit Namen und Foto bekannt machen, ihnen ein Gesicht geben

00:53:14 Wichtig ist der Austausch von Ideen, wie man die herrschende Schweigemauer durchbrechen kann

00:54:01 Frage an Hörer: Wer hat die Übung organisiert?

00:54:19 Antwort Hörer: Weiss den Namen nicht mehr

00:54:42 Die Aussicht, im Militär zu üben, wie man gegen Geflüchtete vorgeht, dürfte die Freude am Militärdienst nicht grösser machen

00:55:09 Hörer: Bei der Übung wurde der humanitäre Charakter hervorgehoben

00:56:26 Anruf endet

00:56:29 Moderation: Hinweis auf das Sendungsthema und Rückblick

00:57:19 Die Freiplatzaktion für Geflüchtete aus Chile 1973/74 war eine Reaktion, denn der Bundesrat nahm 200 in Chile ansässige Ausländer:innen auf und behauptete dann, aus Chile wolle gar niemand fliehen

00:58:38 Nach dem Putsch wurde versucht, Geflüchtete aus Chile aufzunehmen, doch der Bundesrat blieb hart, weshalb kirchliche Kreise die Aufnahme von Geflüchteten durch Kirchen, Gemeinden und Privatpersonen organisierten

00:59:57 Eine Delegation besuchte Chile, um mit kirchlichen Kreisen Kontakt aufzunehmen, um ein Ausreisenetz via Argentinien und Italien aufzubauen

01:00:36 Die ersten fünf Geflüchteten kamen auf dem Genfer Flughafen an, Jean Ziegler sorgte dafür, dass sie nicht wieder deportiert werden – der Bundesrat entschied, ihnen provisorisch Asyl zu gewähren, und führte zugleich die Visumspflicht für Chilen:innen ein

01:03:21 Ein Fazit der Freiplatzaktion von 1973/74: Der Bundesrat blieb hart und parlamentarische Versuche, diese Haltung aufzuweichen, scheiterten, und darauf eine öffentliche Empörung

01:04:23 Heute sind wir in einer ähnlichen Situation: Die parlamentarische Phase ist vorbei, nun wird die Bevölkerung reagieren, so wie 1942 und 1973/74

01:06:33 Jede:r soll das Recht haben, Geflüchtete bei sich aufzunehmen, letzteres kann auch eine persönliche Bereicherung sein

01:07:35 Im Vorwort zum Buch «Flüchtlingspolitik am Ende?» hat Adolf Muschg geschrieben, die Art und Weise, wie wir mit Fremden umgehen, hat Auswirkungen auf unsere eigene Freiheit

01:08:53 Wenn die Würde und Freiheit der Geflüchteten zerstört wird, dann ist über kurz und lang auch unsere eigene Freiheit in Gefahr

01:09:24 Politische Verhärtungen betreffen zunächst die Schwächsten in der Gesellschaft

01:10:26 Mit der Freiplatzaktion für die Chilen:innen wurde erreicht, dass 3000 Menschen aufgenommen wurden, was auch innenpolitisch gut war, denn das Engagement hat zu einer Demokratisierung der Gesellschaft beigetragen

01:12:21 Der chilenische Bischof Tomás González war im vorletzten «Sonntagsgipfel» zu Besuch und hat über ein geplantes Treffen von Exilchilen:innen im argentinischen Río Gallegos informiert – dieses Treffen beginnt heute, es wird die Rückkehr in ein Chile ohne den Diktator Augusto Pinochet diskutiert

01:14:33 Moderation: Hinweis auf das Sendungsthema

01:16:20 Der Bundesrat hat nach einer rassistischen Medienkampagne unter Führung des «Blick» den Deportationsstop für Tamil:innen nach Sri Lanka aufgehoben, kurz danach kündigte Bundesrätin Elisabeth Kopp an, dass ebenso Kurd:innen in die Türkei deportiert würden

01:18:32 Gestern [22.3.1986] fand in Basel ein Treffen zur Frage der Deportation von Kurd:innen in die Türkei statt – Hinweise zu den Teilnehmenden

01:21:07 Die Türkei hat im letzten Jahr erfolgreich erreicht, dass eine Staatenklage gegen sie im Europarat zurückgezogen wird, womit ihr als NATO-Frontstaat im Nahen Osten ein Persilschein ausgestellt wurde

01:23:00 Alltag in Kurdistan: Verbot der Sprache, Zwangsumsiedlungen in den Westen, Kriegsrecht, Aufbau von regimetreuen Dorfmilizen, Entsendung von Militär und Sondereinheiten, Folterzentren, Massenprozesse etc.

01:25:45 Die Türkei hat eine Abteilung für Operationen und Antiterrorkampf geschaffen, die dem Amt für Spezialkriegsführung untersteht und auch im Ausland tätig ist

01:26:35 Vor etwa einem Jahr trat in der Türkei ein sog. Reuegesetz in Kraft, in dessen Rahmen Kronzeugen und Agenten rekrutiert werden

01:28:54 In dem Zeitpunkt, da sich in Kurdistan ein bewaffneter Widerstand regt, beginnt die Schweiz, ihre Zusammenarbeit mit dem türkischen Militärregime zu vertiefen und behauptet, Kurd:innen seien nicht gefährdet und können deshalb deportiert werden

01:29:46 Moderation: Hinweis auf das Sendungsthema

01:30:24 Hinweis auf die Zürcher Freiplatzaktion

01:30:57 Moderation: Hinweis auf das Sendungsthema

01:31:21 Zum Schluss ein Bericht über ein Gespräch mit dem Chicagoer Pfarrer Michael McConnell von der US-amerikanischen Sanctuary-Bewegung (Kirchenasyl), die sich v.a. um Geflüchtete aus El Salvador und Guatemala kümmert

01:37:30 Es gibt mittlerweile eine europäische Koordination zur Unterstützung der Geflüchteten

01:38:41 Moderation: Verabschiedung

01:39:42 Ende der Aufnahme

ZitationsvorschlagTonaufnahme: Radio LoRa, Zürich/F 1063-082
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