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Gespräch aufgezeichnet am 11.11.1984: Widerstand gegen die Stilllegung der Zechen in der Region Limbourg in Belgien


Objekt nur auf Anfrage verfügbar
SignaturF 1063-070
BestandF_1063 Nachlass Christoph Lindenmaier (1953-2009) [TON]
Bestandesbeschrieb

Christoph Lindenmaier (1953-2009) war ein Schweizer Radiopionier. Er hinterlässt wichtige Dokumente (Audios, Photos, schriftliche Unterlagen) zur Geschichte der schweizerischen und europäischen Community Medien. Der Bestand enthält Radiosendungen, Unikate (respektive Originalaufnahmen) und kommerzielle vertriebene Musikaufnahmen, die im Rahmen von Solidaritätskampagnen des Comité européen pour la défense des réfugiés et immigrés (C.E.D.R.I), der Fédération européenne des radios libres (FERL) und der Anti-Apartheid Kampagne von Radio LoRa frei zur Verfügung gestellt wurden. 2022 schenkte die Witwe Kathi-Hahn-Lindenmaier den Nachlass von Christoph Lindenmaier dem Schweizerischen Sozialarchiv. Im gleichen Jahr lancierte Hannes Lämmler, langjähriger Freund und Zeitzeuge, ein Memoriavprojekt für die Erhaltung und Erschliessung der Audios mit dem offiziellen Titel "Christoph Lindenmaier, Radio Pirat aus Leidenschaft: Alternative Medienprojekte und internationale Solidarität, Demokratie und Medien im Übergang von analog zu digital". Lämmler sorgte für die Erschliessung der Aufnahmen. Das Nachlassprojekt begleiteten ausserdem Thomas und Brigitte Busch-Windhab, Klaus Hinkeldein und Helmut Peissl.

Christoph Lindenmaier (1953-2009) war ein Schweizer Radiopionier. Er hinterlässt wichtige Dokumente (Audios, Photos, schriftliche Unterlagen) zur Geschichte der schweizerischen und europäischen Community Medien. Der Bestand enthält Radiosendungen,… — mehr...

Abstract070 A) Interview mit Désiré Dylst, zentrale Figure des Minenarbeiterkomitees von Limbourg - Sprache deutsch. Das Minenarbeiterkomitee war ein aktivistisches Zentrum des Widerstandes angesichts der kompromitierten Trägheit der etablierten Gewerkschaften im Kampf gegen die Stillegung der Zechen. DD war ein gerissener, kleiner Mann in der Tradition des Till Eulenspiegels. Seine Lieblingsgeschichte: wie sie gegen den Polizeieinsatz hoch zu Ross in der nahen Kugellagerfabrik zehntausende von kleinen Kugeln abholten und diese vor den berittenen Polizeimannen streuten.
Urheber
  1. Radio LoRa, Zürich
Objektträger
  1. Kompaktkassette
Detailinformation

00:00:05 Aufnahme setzt ein

00:00:07 Frage: Wir wollen über die Zechen in der Region Limbourg und ihre Stilllegung reden. Wie würdest du dich vorstellen?

00:00:37 Dylst: Wir machen, was wir wollen, mit den Möglichkeiten, die wir haben

00:01:01 Frage: Erzähl davon, was in Limbourg passiert ist, woraus euer Kampf besteht und wie die Politik der Regierung aussieht

00:01:14 Dylst: Limbourg liegt im Norden Belgiens

00:01:47 Kinderreiche Familien, der Grossteil katholisch und arbeitslos

00:02:04 Der Kohleabbau begann Anfang des 20. Jhs. Ab 1910 waren im Norden Limbourgs sieben Zechen in Betrieb. Der Süden Limbourgs ist landwirtschaftlich geprägt

00:02:47 Im 19. Jh. war die Saison- und Wochenarbeit in Frankreich, Deutschland und den Niederlanden wichtig

00:03:39 Limbourg ist besonders: Es gibt nur Kohlegruben. Eine andere Industrie fehlt – aus politischen Gründen

00:05:02 Limbourg ist arm, heute sind 25 % der jungen Leute arbeitslos. Die EWG hat Limbourg zu einem unterentwickelten Gebiet erklärt

00:05:43 Der Kohleabbau brachte viel Beschäftigung, aber auch viele Kranke. Heute sind von sieben Zechen noch fünf offen, zwei wurden stillgelegt

00:06:10 Die belgische wie die europäische Politik verlangte die Stilllegung der Zechen, auch aufgrund des Standorts der Kraftwerke und der energieintensiven Stahl- und Chemieindustrie

00:08:03 Im Süden Belgiens wurden ebenfalls Zechen stillgelegt

00:08:29 Das Directoire de l'industrie charbonnière beschloss 1964 gegen den Protest der betroffenen Bevölkerung die Stilllegung der Zeche in Houthalen

00:10:13 1966 wurde die Zeche in Zwartberg stillgelegt, in der 4000 Arbeiter beschäftigt waren, erneut kam es zu Protesten – bei Auseinandersetzungen gab es zwei Tote, 14 Schwer- und 59 Leichtverletzte, als die Gendarmerie auf Geheiss der belgischen Regierung in die Menge schoss

00:10:59 Dank des militanten Kampfs der Grubenarbeiter von 1966 wurde in der Folge davon abgesehen, weitere Zechen stillzulegen (bspw. in Eisden)

00:12:05 Heute ist die Stilllegung der Zechen in Winterlsag und Waterschei geplant. Die Hälfte der betroffenen Grubenarbeiter sind 20 bis 25 Jahre alt, sie sind wichtig für den Widerstand

00:12:53 Frage: Was ist heute in Limbourg los?

00:13:09 Dylst: Wir haben im August 1984 zur Bildung einer breiten Front gegen die Stilllegung aufgerufen

00:13:52 Von der Stilllegung wären in Winterslag 3000 und in Winterschei 4000 Grubenarbeiter betroffen. Dazu kommen mehrere Tausend in Nebenbetrieben Beschäftigte

00:14:19 Die Stadt Genk wurde besetzt, der Bahnhof, das Ratshaus. Am Markt wurde zur Solidarität aufgerufen

00:15:05 Es gab zudem mehrere Proteststreiks

00:15:21 Auf Plakaten wird die Lokalpolitik dazu aufgerufen, die Stilllegungen zu verhindern

00:16:04 An der breiten Front sind Bauern, Geschäftsleute, Gewerkschaften und Parteien aller Couleur beteiligt

00:17:02 Der Bahnhof, das Ratshaus und wichtige Kreuzungen von Hasselt wurden besetzt und in den Zechen gestreikt, worauf die Regierung 1500 Gendarmen, Wasserwerfer und mit Maschinengewehren bestückte gepanzerte Fahrzeuge schickte

00:18:15 In der nächsten Zeit finden Gespräche statt. Sollten diese nicht erfolgreich sein, werden wir streiken. Die Vorfälle von 1966 könnten sich wiederholen

00:19:25 Frage: Was war am 31. Oktober?

00:19:37 Dylst: Der Bau eines neuen Luftschachtes wurde angekündigt – ein Ablenkungsmanöver, um den Widerstand zu brechen. Der Widerstand der Grubenarbeiter wird für parteipolitische Manöver missbraucht

00:21:28 Frage: Hat sich in den letzten 20 Jahren die öffentliche Haltung zugunsten des Kampfs gegen die Stilllegungen gewendet?

00:21:57 Dylst: Wir konnten klarmachen, dass 20'000 direkt und 40'000 indirekt Betroffene ihren Arbeitsplatz verlieren werden

00:22:22 Frage: Wie organisiert Ihr Protestaktionen vor Ort?

00:22:36 Dylst: Die Grubenarbeiter verteilen nicht bloss Flugblätter, sie besetzen die ganze Stadt, stellen die Verkehrsampeln auf rot. Die Polizei kann bloss zuschauen

00:23:43 Frage: Ihr werdet vor Ort unterstützt?

00:24:01 Dylst: Ja. Das Produkt von 20 Jahren Mobilisierung

00:24:15 Moderation: Man muss konsequent sein. Vielen Dank für das Gespräch.

00:24:29 Aufnahme setzt aus

ZitationsvorschlagTonaufnahme: Radio LoRa, Zürich/F 1063-070
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