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Archiv Lindenmaier, Aufnahme vom 01.11.1997, erster Teil: Andreas Buro, Mitgründer des Grundrechtekomitees, spricht zu Pazifismus nach 1945, Ostermarschbewegung bis 1969, Sozialistisches Büro 1970er-Jahre


Objekt nur auf Anfrage verfügbar
SignaturF 1063-058A
BestandF_1063 Nachlass Christoph Lindenmaier (1953-2009) [TON]
Bestandesbeschrieb

Christoph Lindenmaier (1953-2009) war ein Schweizer Radiopionier. Er hinterlässt wichtige Dokumente (Audios, Photos, schriftliche Unterlagen) zur Geschichte der schweizerischen und europäischen Community Medien. Der Bestand enthält Radiosendungen, Unikate (respektive Originalaufnahmen) und kommerzielle vertriebene Musikaufnahmen, die im Rahmen von Solidaritätskampagnen des Comité européen pour la défense des réfugiés et immigrés (C.E.D.R.I), der Fédération européenne des radios libres (FERL) und der Anti-Apartheid Kampagne von Radio LoRa frei zur Verfügung gestellt wurden. 2022 schenkte die Witwe Kathi-Hahn-Lindenmaier den Nachlass von Christoph Lindenmaier dem Schweizerischen Sozialarchiv. Im gleichen Jahr lancierte Hannes Lämmler, langjähriger Freund und Zeitzeuge, ein Memoriavprojekt für die Erhaltung und Erschliessung der Audios mit dem offiziellen Titel "Christoph Lindenmaier, Radio Pirat aus Leidenschaft: Alternative Medienprojekte und internationale Solidarität, Demokratie und Medien im Übergang von analog zu digital". Lämmler sorgte für die Erschliessung der Aufnahmen. Das Nachlassprojekt begleiteten ausserdem Thomas und Brigitte Busch-Windhab, Klaus Hinkeldein und Helmut Peissl.

Christoph Lindenmaier (1953-2009) war ein Schweizer Radiopionier. Er hinterlässt wichtige Dokumente (Audios, Photos, schriftliche Unterlagen) zur Geschichte der schweizerischen und europäischen Community Medien. Der Bestand enthält Radiosendungen,… — mehr...

Abstract058 A) Andreas Buro ( * 15. August 1928 in Berlin, † 19. Januar 2016 in Grävenwiesbach) war ein deutscher Politikwissenschaftler und bis zu seinem Tod eine einflussreiche Persönlichkeit der deutschen Friedensbewegung. Er spricht über Pazifismus 1945 bis Mitte 1950er-Jahre; Ostermarschbewegung bis 1969, Sozialistisches Büro und die 1970er-Jahre.
Urheber
  1. Radio LoRa, Zürich
Objektträger
  1. Kompaktkassette
Detailinformation

00:00:00 Aufnahme setzt ein – Andreas Buro (AB)

00:00:15 FSF: Ihr habt Euch im Gegensatz zu anderen Gruppierungen in Deutschland lange über Wasser gehalten

00:00:40 AB: Ich beginne mit einem Rückblick auf die Nachkriegszeit. (West-) Deutschland stellte sich der militaristischen Vergangenheit zum Trotz in der Zeit von 1945 bis Mitte der 1950er-Jahre als eine pazifistische Nation dar

00:02:30 Der NATO-Beitritt Westdeutschlands machte dem ein Ende

00:03:31 Ende der 1950er-Jahre haben wir in Braunschweig eine Bundeswehrausstellung besucht und wurden beschimpft

00:04:05 Der Pazifismus der unmittelbaren Nachkriegszeit war eine Trotzreaktion auf die Kriegsschuld

00:04:56 In dieser Phase spielte die ausserparlamentarische Friedensbewegung keine grosse Rolle. Es gab Kampagnen gegen die erneute Aufrüstung, wichtig war hier die Kommunistische Partei Deutschlands KPD, die 1956 verboten wurde

00:05:27 Ab der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre wird aus der Friedensbewegung eine Bewegung gegen die nukleare Aufrüstung aus Angst vor einem künftigen Atomkrieg

00:06:12 Die politische Opposition – Sozialdemokratische Partei Deutschlands SPD, Gewerkschaften, evangelische Kirche, humanistische Liberale – organisierte die Kampagne «Kampf dem Atomtod»

00:07:04 Die SPD unter Herbert Wehner sprang aus wahltaktischen Gründen ab und vollzog auf dem Bad Godesberger Parteitag von 1959 einen Schwenk nach rechts. Die SPD- und Gewerkschaftsbasis hatte damit Mühe

00:09:08 Damit begann die unabhängige Ostermarschbewegung. 1960 wurden mehrtägige Ostermärsche von vier norddeutschen Städten zum NATO-Stützpunkt Bergen-Hohne organisiert, sie richteten sich gegen die Aufrüstung in Ost und West. Die Organisator:innen stammten aus Kreisen der Kriegsdienstverweigerer und aus der Tradition der Deutschen Friedensgesellschaft

00:12:07 AB erzählt von einem dieser ersten vier Ostermärsche – auf dem Land war man feindlich eingestellt, die Springerpresse titelte: «Sexorgien bei Ostermarsch»

00:14:15 In Bergen-Hohne versammelten sich rund 1000 Personen. Die westdeutschen Medien diffamierten die Demonstrant:innen als Kommunist:innen und Agenten der Sowjetunion, aber auch in der Deutschen Demokratischen Republik DDR wurden sie als naive Idealist:innen verspottet

00:15:36 Die Ostermärsche wurden dennoch populär. 1961 fanden sie in ganz Westdeutschland statt, Organisationen der Arbeiter:innenbewegung, kirchliche und bürgerliche Kreise schlossen sich an, ebenso der Friedensrat der DDR

00:17:40 AB war der erste Bundesgeschäftsführer der Ostermarschbewegung, Hans-Konrad Tempel der Sprecher (später abgelöst durch AB)

00:18:49 Die Ostermarschbewegung richtete sich gegen die Aufrüstung in Ost und West, was interne Probleme und Machtkämpfe verursachte

00:20:29 Die schlimmsten Diffamierungen stammten nicht von Rechten, sondern von der SPD

00:21:54 Aus der Ostermarschbewegung entstand eine breite, unabhängige und ausserparlamentarische Friedensbewegung

00:23:46 Die Bewegung weitete sich thematisch aus: Vom «Ostermarsch der Atomwaffengegner» über die «Ostermarschkampagne für Abrüstung» zur «Kampagne für Demokratie und Abrüstung»

00:24:34 1969 endete die Ostermarschbewegung: Der sowjetische Einmarsch in die Tschechoslowakei spielte eine Rolle, wichtiger war aber, dass man Ende der 1960er-Jahre zur Erkenntnis gelangte, dass die ganze Gesellschaft verändert werden muss (und nicht nur punktuell verbessert werden kann)

00:25:54 Ab 1968/69 gab es eine Auffächerung der politischen Arbeit in mehrere gesellschaftliche Teilbereiche. Die Ostermarschbewegung brach nicht zusammen, sie veränderte sich. Sie fragte danach, welche Art von Sozialismus man anstreben wollte

00:27:10 Nach der Auflösung der Ostermarschbewegung wurde 1969 in Offenbach das Sozialistische Büro (SB) gegründet, das die Zeitschriften «Links», «Express», «Widersprüche» und weitere Publikationen herausgab

00:29:05 Die Zeitschrift «Links» wurde weit bis in die Sozialdemokratie hinein gelesen

00:29:54 In den 1970er-Jahren bis zum NATO-Doppelbeschluss von 1979 gab es kaum noch eine nennenswerte Friedensbewegung

00:30:48 Die sozialliberale Koalition aus SPD und der Freien Demokratischen Partei FDP führten das Berufsverbot für Linke ein. Gegen dieses veranstaltete das SB unter dem Slogan «Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt» den Pfingstkongress 1976 in Frankfurt am Main

00:33:26 Das SB führte eine Auseinandersetzung mit Roten Armee Fraktion RAF, die über einige Sympathien verfügte

00:34:30 FSM: Die Befürwortung war stark

00:34:35 AB: Sie war sehr stark. Das SB hat sich offen von der RAF distanziert, AB hat eine Veranstaltung mit Oskar Negt organisiert, um gegen die RAF zu agitieren

00:37:10 In den 1970er-Jahren entfalteten sich eigenständige Basisbewegungen und Bürger:inneninitiativen, in diesen fanden sich die Friedensbewegten wieder

00:38:15 Der NATO-Doppelbeschluss von 1979 wurde rasch als Bedrohung erkannt. Innert weniger Monate bildeten sich in Westdeutschland hunderte von friedensbewegten Gruppen, die bis etwa 1983 aktiv blieben

00:40:56 Im SB gab es Streit. Es bildete sich eine Gruppe, die ein dogmatisches Programm vertrat, während die in unterschiedlichen Teilbereichen tätigen Arbeitsgruppen sich verselbständigt hatten

00:42:57 Aus dem SB entstand 1979 eine an der Einhaltung der Menschenrechte orientierte Gruppe: das Komitee für Grundrechte und Demokratie. Das SB war nur noch publizistisch tätig und spielte in Bewegungen keine Rolle mehr

00:44:16 FSM: Das SB verlor an Bedeutung?

00:44:43 AB: Ja. Das Komitee für Grundrechte und Demokratie entwickelte sich hingegen zu einer politischen Organisation

00:46:54 Aufnahme bricht ab

ZitationsvorschlagTonaufnahme: Radio LoRa, Zürich/F 1063-058A
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