00:00:00 Aufnahme setzt ein – Andreas Buro (AB)
00:00:15 FSF: Ihr habt Euch im Gegensatz zu anderen Gruppierungen in Deutschland lange über Wasser gehalten
00:00:40 AB: Ich beginne mit einem Rückblick auf die Nachkriegszeit. (West-) Deutschland stellte sich der militaristischen Vergangenheit zum Trotz in der Zeit von 1945 bis Mitte der 1950er-Jahre als eine pazifistische Nation dar
00:02:30 Der NATO-Beitritt Westdeutschlands machte dem ein Ende
00:03:31 Ende der 1950er-Jahre haben wir in Braunschweig eine Bundeswehrausstellung besucht und wurden beschimpft
00:04:05 Der Pazifismus der unmittelbaren Nachkriegszeit war eine Trotzreaktion auf die Kriegsschuld
00:04:56 In dieser Phase spielte die ausserparlamentarische Friedensbewegung keine grosse Rolle. Es gab Kampagnen gegen die erneute Aufrüstung, wichtig war hier die Kommunistische Partei Deutschlands KPD, die 1956 verboten wurde
00:05:27 Ab der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre wird aus der Friedensbewegung eine Bewegung gegen die nukleare Aufrüstung aus Angst vor einem künftigen Atomkrieg
00:06:12 Die politische Opposition – Sozialdemokratische Partei Deutschlands SPD, Gewerkschaften, evangelische Kirche, humanistische Liberale – organisierte die Kampagne «Kampf dem Atomtod»
00:07:04 Die SPD unter Herbert Wehner sprang aus wahltaktischen Gründen ab und vollzog auf dem Bad Godesberger Parteitag von 1959 einen Schwenk nach rechts. Die SPD- und Gewerkschaftsbasis hatte damit Mühe
00:09:08 Damit begann die unabhängige Ostermarschbewegung. 1960 wurden mehrtägige Ostermärsche von vier norddeutschen Städten zum NATO-Stützpunkt Bergen-Hohne organisiert, sie richteten sich gegen die Aufrüstung in Ost und West. Die Organisator:innen stammten aus Kreisen der Kriegsdienstverweigerer und aus der Tradition der Deutschen Friedensgesellschaft
00:12:07 AB erzählt von einem dieser ersten vier Ostermärsche – auf dem Land war man feindlich eingestellt, die Springerpresse titelte: «Sexorgien bei Ostermarsch»
00:14:15 In Bergen-Hohne versammelten sich rund 1000 Personen. Die westdeutschen Medien diffamierten die Demonstrant:innen als Kommunist:innen und Agenten der Sowjetunion, aber auch in der Deutschen Demokratischen Republik DDR wurden sie als naive Idealist:innen verspottet
00:15:36 Die Ostermärsche wurden dennoch populär. 1961 fanden sie in ganz Westdeutschland statt, Organisationen der Arbeiter:innenbewegung, kirchliche und bürgerliche Kreise schlossen sich an, ebenso der Friedensrat der DDR
00:17:40 AB war der erste Bundesgeschäftsführer der Ostermarschbewegung, Hans-Konrad Tempel der Sprecher (später abgelöst durch AB)
00:18:49 Die Ostermarschbewegung richtete sich gegen die Aufrüstung in Ost und West, was interne Probleme und Machtkämpfe verursachte
00:20:29 Die schlimmsten Diffamierungen stammten nicht von Rechten, sondern von der SPD
00:21:54 Aus der Ostermarschbewegung entstand eine breite, unabhängige und ausserparlamentarische Friedensbewegung
00:23:46 Die Bewegung weitete sich thematisch aus: Vom «Ostermarsch der Atomwaffengegner» über die «Ostermarschkampagne für Abrüstung» zur «Kampagne für Demokratie und Abrüstung»
00:24:34 1969 endete die Ostermarschbewegung: Der sowjetische Einmarsch in die Tschechoslowakei spielte eine Rolle, wichtiger war aber, dass man Ende der 1960er-Jahre zur Erkenntnis gelangte, dass die ganze Gesellschaft verändert werden muss (und nicht nur punktuell verbessert werden kann)
00:25:54 Ab 1968/69 gab es eine Auffächerung der politischen Arbeit in mehrere gesellschaftliche Teilbereiche. Die Ostermarschbewegung brach nicht zusammen, sie veränderte sich. Sie fragte danach, welche Art von Sozialismus man anstreben wollte
00:27:10 Nach der Auflösung der Ostermarschbewegung wurde 1969 in Offenbach das Sozialistische Büro (SB) gegründet, das die Zeitschriften «Links», «Express», «Widersprüche» und weitere Publikationen herausgab
00:29:05 Die Zeitschrift «Links» wurde weit bis in die Sozialdemokratie hinein gelesen
00:29:54 In den 1970er-Jahren bis zum NATO-Doppelbeschluss von 1979 gab es kaum noch eine nennenswerte Friedensbewegung
00:30:48 Die sozialliberale Koalition aus SPD und der Freien Demokratischen Partei FDP führten das Berufsverbot für Linke ein. Gegen dieses veranstaltete das SB unter dem Slogan «Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt» den Pfingstkongress 1976 in Frankfurt am Main
00:33:26 Das SB führte eine Auseinandersetzung mit Roten Armee Fraktion RAF, die über einige Sympathien verfügte
00:34:30 FSM: Die Befürwortung war stark
00:34:35 AB: Sie war sehr stark. Das SB hat sich offen von der RAF distanziert, AB hat eine Veranstaltung mit Oskar Negt organisiert, um gegen die RAF zu agitieren
00:37:10 In den 1970er-Jahren entfalteten sich eigenständige Basisbewegungen und Bürger:inneninitiativen, in diesen fanden sich die Friedensbewegten wieder
00:38:15 Der NATO-Doppelbeschluss von 1979 wurde rasch als Bedrohung erkannt. Innert weniger Monate bildeten sich in Westdeutschland hunderte von friedensbewegten Gruppen, die bis etwa 1983 aktiv blieben
00:40:56 Im SB gab es Streit. Es bildete sich eine Gruppe, die ein dogmatisches Programm vertrat, während die in unterschiedlichen Teilbereichen tätigen Arbeitsgruppen sich verselbständigt hatten
00:42:57 Aus dem SB entstand 1979 eine an der Einhaltung der Menschenrechte orientierte Gruppe: das Komitee für Grundrechte und Demokratie. Das SB war nur noch publizistisch tätig und spielte in Bewegungen keine Rolle mehr
00:44:16 FSM: Das SB verlor an Bedeutung?
00:44:43 AB: Ja. Das Komitee für Grundrechte und Demokratie entwickelte sich hingegen zu einer politischen Organisation
00:46:54 Aufnahme bricht ab