00:00:09 Frage: Emil Carlebach (EC) hat mit dem Buch «Zensur ohne Schere» ein unbekanntes Kapitel der Nachkriegsgeschichte geschrieben, war Redaktor der «Frankfurter Rundschau» (FR), war elf Jahre Gefangener in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald. Die Redaktion der FR bestand aus Sozialdemokraten, Kommunisten und christlichen Antifaschisten. Wie ist das zustande gekommen?
00:01:25 EC: Das war die siebenköpfige Chefredaktion der FR. 1945 haben die alliierten Besatzungsmächte die nationalsozialistischen Einrichtungen aufgelöst und übernahmen die Kontrolle.
00:02:15 Die Besatzungsmächte arbeiteten mit unterschiedlichen Methoden. In der US-amerikanischen Zone legten die jeweils zuständigen Ortskommandanten die Direktiven nach eigenem Gutdünken aus.
00:02:52 Es gab für die Gründung von demokratischen Zeitungen die Direktive von Dwight Eisenhower, dass Nazis und Kollaborateure nicht an der Leitung einer Zeitung beteiligt wurden. Wer nach dem 1. Januar 1935 in Deutschland etwas veröffentlicht hatte, galt als Kollaborateur, womit die meisten Journalisten von der Leitung einer Zeitung ausgeschlossen waren.
00:04:17 Die Direktiven sahen vor, dass die Zeitungen das gesamte antifaschistische Spektrum (also auch die Kommunist:innen) abdeckten.
00:05:02 EC traf 1945 nach der Rückkehr aus dem KZ Buchenwald in Frankfurt am Main auf US-amerikanische Presseoffiziere, welche die obige Direktive umsetzen wollten – sie besetzten die Leitung und Herausgeberschaft der FR mit drei Sozialdemokraten, drei Kommunisten (darunter EC) und einem Linkskatholiken.
00:06:25 Frage: Gab es keine Schwierigkeiten?
00:06:47 EC: Antikommunisten gab es bei US-Amerikanern ebenso wie unter den Deutschen, doch war es zu diesem Zeitpunkt unmöglich, jemanden abzulehnen, weil er Kommunist war, denn diese standen an der Spitze des antifaschistischen Widerstands.
00:07:49 Gegen EC wurde Gerüchte im Umlauf gebracht, er sei ein Handlanger der Nazis in Buchenwald gewesen, eine Schweizer Zeitschrift behauptete gar, er wäre ein führender Funktionär der NSDAP. Eine Untersuchung der US-amerikanischen Militärregierung kam zum gegenteiligen Schluss.
00:09:56 Später sollten Neonazis die Gerüchte gegen EC wieder im Umlauf bringen.
00:10:14 Als EC 1947 aus der FR rausgeworfen wurde, spielte das keine Rolle.
00:10:51 Frage: Um 1947 wurden Berufsverbote für Linke eingeführt?
00:10:58 EC: Ich war der letzte Kommunist in der US-amerikanischen Zone, der über eine Lizenz der Alliierten verfügte – mit meiner Entlassung ohne Begründung wurde allen verbliebenen Chefredaktionen klargemacht, Kommunisten haben in der Presse nichts zu suchen.
00:12:31 Frage: Wie waren die Bedingungen der journalistischen Arbeit in der unmittelbaren Nachkriegszeit?
00:13:20 EC: Schwierig – Wie damit umgehen, dass die US-Militärregierung ehemalige Nazis in wichtigen Positionen einsetzte, wenn man ihre Entscheide nicht kritisieren durfte. EC nennt ein Beispiel: Ein Nazi wurde zum Polizeipräsidenten von Frankfurt am Main ernannt.
00:17:00 Ein weiteres Beispiel: Die US-Militärregierung hatte ostdeutschen Fachleuten versprochen, dass sie bei einer Übersiedlung nach Westdeutschland doppelte Lebensmittelrationen erhielten.
00:17:57 Noch ein Beispiel: Ein Nazi wurde zum Chef der Bahnpolizei ernannt.
00:19:53 Frage: Nach dem Krieg kam es bald wieder zur Spaltung zwischen den Sozialdemokrat:innen und den Kommunist:innen?
00:20:38 In der ersten Zeit nach der Befreiung war die Idee einer einheitlichen Arbeiter:innenpartei bestimmend, in allen vier Besatzungszonen bildeten sich Einheitsausschüsse mit dem Ziel einer Zusammenführung.
00:21:55 Die Sowjetunion hat diese Entwicklung begünstigt, die Westmächte haben sie sabotiert und die Einheitsausschüsse schliesslich verboten.
00:22:19 EC war am Frankfurter Einheitsausschuss beteiligt, der zunächst illegal war.
00:23:21 Die erste, von der US-Militärregierung ernannte hessische Landesregierung organisierte gemeinsame Versammlungen von Sozialdemokrat:innen und Kommunist:innen, an einigen Orten wurden von der Basis Einheitsparteien gebildet.
00:24:21 Die britischen Besatzungsbehörden unterstützten den Antikommunisten und späteren SPD-Präsidenten Kurt Schumacher, der 1944 aus dem KZ Dachau entlassen wurde. Schumacher arbeitete aktiv gegen die Vereinheitlichungsbestrebungen.
00:26:18 EC kannte Schumacher aus seiner Zeit in Dachau – die Kommunisten im Lager hatten den invaliden Schumacher davor bewahrt, von den Nazis umgebracht zu werden.
00:27:43 Im Juni 1945 traf EC Schumacher in der Redaktion des FR: Schumacher erklärte, im kommenden dritten Weltkrieg werde die SPD auf der Seite des Westens stehen.
00:30:27 Ende der Aufnahme.