00:00:06 Hannes Lämmler (HL): Ihr Buch «Zensur ohne Schere» behandelt die Geschichte der Frankfurter Rundschau (FR) nach dem 2. Weltkrieg .
00:01:37 Emil Carlebach (EC): «De facto die amerikanische Besatzungspolitik vom Antifaschismus zum Antikommunismus 1945 bis 1947.» Biografie: 1914 in Frankfurt am Main in deutsch-jüdischer Mittelstandsfamilie geboren. Zusammenbruch Kaiserreich, Weimarer Republik und Machtübertragung an Hitler erlebt. Ab 17 Jahren Antifaschist im Widerstand, elf Jahre Gefängnis und Konzentrationslager. 1945 bis 1947 Herausgeber und Chefredaktor der Frankfurter Rundschau. Nach Justizmord an Sacco und Vanzetti in Amerika 1927 Lektüre sozialistischer und nationalökonomischer Literatur. 1931 Kommunistischer Jugendverband Deutschlands (KJVD). Beitritt in freie Gewerkschaft. Widerstandsgruppe mit anderen jungen Menschen. 30. Januar 1933 kapitulierte Gewerkschaftsführung, rief auf, Hitler zu huldigen.
00:17:15 EC: Hitler wurde Reichskanzler. EC inzwischen auch Mitglied KPD. «Wir dachten, Hitler würde ebenfalls gestürzt werden und dann werde endlich der Sozialismus kommen».
00:18:05 Nicholas Busch (NB): Vorbereitungszeit, bevor Hitler an die Macht kam?
00:18:35 EC: 1931 Weimarer Republik existierte de facto nicht mehr. Reichskanzler Heinrich Brüning erliess mit Unterschrift von Reichspräsident Paul von Hindenburg Gesetze und löste Parlament auf. Wahlen waren nur noch da, um Wahlkämpfe zu führen. Bürgerliche Wähler liefen Zug um Zug zur Nazipartei NSDAP über.
00:19:40 EC: Chauvinistische Propaganda. Alle Parteien gaben dem Versailler Vertrag (Friedensvertrag vom Juni 1919 nach 1. Weltkrieg zwischen Deutschem Reich und Frankreich, Grossbritannien, USA und Verbündeten) die Schuld an der Wirtschaftskrise. An der Krise sind die Juden schuld, sagten die NSDAP, die Deutschnationalen und die Deutsche Volkspartei. Die katholische Zentrumspartei zwar nicht, sie sagte aber, man müsste eine Lösung für die Judenfrage finden. Es gab sechs Millionen Arbeitslose, viele liefen zur NSDAP über. Oder sie erkannten die Gefahr und gingen zu den Kommunisten. Die KPD nahm zu und die SPD ab. Die von der SPD kommandierte Polizei ging stets brutaler gegen die Kommunisten vor. Weimarer Republik: Polizei und Reichswehr haben 30'000 Arbeiter, meist Kommunisten, ermordet. «Für uns, die das erlebten, war die sozialdemokratische Staatsmacht der Hauptfeind. Denn sie waren es, die unsere Genossen ermordet haben.»
00:21:25 EC: Es war ein Bürgerkrieg. Die Nazis, finanziert von Schwerindustrie und Banken, haben leerstehende Fabriken und Schulen gemietet und zu Kasernen für ihre SA gemacht, Nacht für Nacht Strafexpeditionen gegen Arbeiterviertel.
00:23:00 NB: Eine Art Privatarmee des Grossunternehmertums?
00:23:05 EC: 400'000 Mann, im deutschen Reich, vor 1933.
00:23:12 NB: Wie ist es möglich, dass diese Privatarmee geduldet wurde?
00:23:16 EC: Sie wurde von denselben Kräften toleriert und geschützt, die sie finanziert haben. Im meinem Buch «Hitler war kein Betriebsunfall. Hinter den Kulissen der Weimarer Republik. Die programmierte Diktatur» findet man mehr dazu. Die Definition von Faschismus von Georgi Dimitroff: Der Faschismus ist die Herrschaft der brutalsten Fraktion der Bourgeoisie.
00:25:05 NB: Wie war es möglich, dass so viele Angehörige auch der Arbeiterklasse auf die Faschisten reinfallen konnten?
00:25:30 EC: In der Weimarer Republik, ab 1919, war neben Antikommunismus auch die Feindschaft gegen die Siegermächte des 1. Weltkriegs Staatsdoktrin. «Wer jahrelang arbeitslos ist, immer nur Versprechungen kriegt und kein Geld mehr hat, schreit nach dem starken Mann, der endlich alles regelt.» Es heisst immer, die Weimarer Republik sei kaputtgegangen, weil es 32 Parteien gab. Am Schluss gab es jedoch nur noch vier: SPD, KPD, Katholische Zentrumspartei und NSDAP.
00:27:00 EC: In den Werkszeitungen der Kohle- und Zechenbetriebe wurde bereits 1931 aufgefordert, die NSDAP zu wählen. Das ging in jeden Arbeiterhaushalt. Auch heute nicht uninteressant: Die Wirtschaftspolitische Gesellschaft in Frankfurt am Main, Mitglieder waren grosse Betriebe und Banken, haben schon 1931 von Hindenburg verlangt, mit der roten Tyrannei, der SPD-Regierung, endlich Schluss zu machen und dem Führer der stärksten nationalen Bewegung die Reichskanzlerschaft zu übergeben. Der Brief an Hindenburg ist im Buch von EC abgedruckt. Seit 1947 gibt es die Wirtschaftspolitische Gesellschaft wieder – es ist die Gründerorganisation der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
00:28:42 NB: Die damals regierende SPD, etwa in Preussen oder Hessen, wusste ja um diese Hetze des Grossunternehmertums?
00:29:07 EC: Die SPD-Führung hat mindestens seit 1. August 1914 «blind bis zum Selbstmord die Wünsche derer erfüllt, die man so schön die Wirtschaft nennt, der Grossindustrie und der Grossbanken, und sie hat auf der anderen Seite nur noch einen Feind gekannt, die Kommunisten».
00:30:10 EC: Der SPD-Reichstagsabgeordnete Wilhelm Högner, nach 1945 bayrischer Ministerpräsident, schildert in seinem Buch «Flucht vor Hitler», dass am 17. Mai 1933, drei Monate nach dem Reichstagsbrand, die SPD im Reichstag für den Führer und Reichskanzler gestimmt hat, in der Hoffnung, von Hitler in die deutsche Arbeitsfront übernommen zu werden.
00:31:55 NB: Diese Hoffnung war real?
00:32:01 EC: SPD-Vorsitzender Otto Wels hat damals, als schon hunderte Sozialdemokraten eingesperrt oder erschlagen waren, vor dem Parteivorstand gesagt: Bis jetzt hat jede deutsche Reichsregierung die SPD gebraucht.
00:34:20 NB: Eine übergrosse Autoritätsgläubigkeit der Arbeiterschaft gegenüber eigenen Führern?
00:34:42 EC: Der Kadavergehorsam wurde seit dem Alten Fritzen (Friedrich II, ab 1740 König in Preussen) dem ganzen Volk eingebläut. Bundeskanzler Helmut Schmidt holte Mittelstreckenraketen ins Land und hat dem Parteitag anschliessend den entsprechenden Beschluss kommandiert.
00:37:33 HL: Rolle der Medien?
00:37:55 EC: Zum Prozess gegen SA- und SS-Männer, die einen polnischen Landarbeiter ermordet hatten (Mord von Potempa 1932), schrieben die Hamburger Nachrichten, die deutschen Richter müssten begreifen, dass es sich nicht um einen Edelmenschen handelt, sondern um einen polnischen Untermenschen.
00:38:43 NB: Das erinnert heute an die Türkei, wo faschistische Banden ebenfalls schon vor Machtübernahme durch die Generäle mit Polizei und Armee zusammengearbeitet hatten.
00:39:00 EC: Die SA kriegte ihre Waffen von der schwarzen Reichswehr. Die Reichswehr war aufgrund des Versailler Vertrags von 1919 auf 100'000 Mann beschränkt. Ihre Führung baute aber von Beginn an eine illegale schwarze Reichswehr auf, aus welcher viele SA- und SS-Führer hervorgegangen sind, praktisch die Kader der Faschisten.
00:39:32 NB: Personelle Identität zwischen Reichswehr und SA/SS
00:39:38 EC: Die schwarze Reichswehr wurde gedeckt von der Regierung. Reichskanzler Brüning hatte 1930/31 erreicht, dass SPD-Führung und SPD Minister einverstanden waren mit einem Mobilmachungsplan für einen Krieg gegen Polen.
00:42:14 NB: Zurück zu 1933, zu deiner Verhaftung.
00:42:19 EC: «Wir waren Draufgänger, es war eine Mischung aus illegalem Kampf und Lausbubenstreichen. Wir wussten zwar, dass wir mit dem Tod rechnen mussten, aber das war für uns nicht das Entscheidende. Wir hatten die Illusion: Der Faschismus kann sich nicht halten.»
00:45:28 NB: Beim Kapp-Putsch 1920 gab es eine Einheitsfront. Warum war das nach 1930 nicht mehr möglich?
00:45:51 EC: Kapp-Putsch war in einer Zeit revolutionärer Unruhe. Zwei Jahre nach Ende des Weltkriegs war die Republik war noch nicht stabilisiert, die Arbeiter noch nicht integriert «Der durchschnittliche Arbeiter war ein demobilisierter Soldat, der nicht selten noch sein Gewehr zuhause oder sein Maschinengewehr vergraben hatte.»
00:46:27 NB: Und der noch damit umgehen konnte?
00:46:30 EC: Wir wollen ja eine sozialistische Republik, sagten auch Ebert, Scheidemann und Noske (SPD-Führer in Weimarer Republik) und liessen Revolutionäre zusammenschiessen. Band Ende.