Datenbank Bild + Ton

mehr Suchoptionen…Hilfe

FERL, 11.02.1989, Gesprächsauszug mit Friedrich Dürrenmatt, Themen: Medienpolitik und -diktatur, Technologie und Mensch. Zudem das Verhältnis von Österreich zum Nationalsozialismus. Teilnehmende: Friedrich Dürrenmatt, Nicholas Busch, Kathi Hahn Lindenmaier


Objekt nur auf Anfrage verfügbar
SignaturF 1063-037A
BestandF_1063 Nachlass Christoph Lindenmaier (1953-2009) [TON]
Bestandesbeschrieb

Christoph Lindenmaier (1953-2009) war ein Schweizer Radiopionier. Er hinterlässt wichtige Dokumente (Audios, Photos, schriftliche Unterlagen) zur Geschichte der schweizerischen und europäischen Community Medien. Der Bestand enthält Radiosendungen, Unikate (respektive Originalaufnahmen) und kommerzielle vertriebene Musikaufnahmen, die im Rahmen von Solidaritätskampagnen des Comité européen pour la défense des réfugiés et immigrés (C.E.D.R.I), der Fédération européenne des radios libres (FERL) und der Anti-Apartheid Kampagne von Radio LoRa frei zur Verfügung gestellt wurden. 2022 schenkte die Witwe Kathi-Hahn-Lindenmaier den Nachlass von Christoph Lindenmaier dem Schweizerischen Sozialarchiv. Im gleichen Jahr lancierte Hannes Lämmler, langjähriger Freund und Zeitzeuge, ein Memoriavprojekt für die Erhaltung und Erschliessung der Audios mit dem offiziellen Titel "Christoph Lindenmaier, Radio Pirat aus Leidenschaft: Alternative Medienprojekte und internationale Solidarität, Demokratie und Medien im Übergang von analog zu digital". Lämmler sorgte für die Erschliessung der Aufnahmen. Das Nachlassprojekt begleiteten ausserdem Thomas und Brigitte Busch-Windhab, Klaus Hinkeldein und Helmut Peissl.

Christoph Lindenmaier (1953-2009) war ein Schweizer Radiopionier. Er hinterlässt wichtige Dokumente (Audios, Photos, schriftliche Unterlagen) zur Geschichte der schweizerischen und europäischen Community Medien. Der Bestand enthält Radiosendungen,… — mehr...

Abstract037 A) Friedrich Dürrenmatt, Gesprächsauszug vom 11.02.1989, Themen: Medienpolitik und -diktatur, Technologie und Mensch, zudem das Verhältnis von Österreich zum Nationalsozialismus. Teilnehmende: Friedrich Dürrenmatt, Nicholas Busch, Kathi Hahn Lindenmaier. Die Transkription ist zusammenfassend und nicht wortgetreu .
Urheber
  1. Radio LoRa, Zürich
Personen
  1. Dürrenmatt, Friedrich (1921-1990)
Objektträger
  1. Kompaktkassette
Detailinformation
Die Transkription ist zusammenfassend und nicht wortgetreu.

00:00:05 Nicholas Busch (NB): Kann man die Technik dafür verantwortlich machen, wie die Menschen sie einsetzen - oder ist es umgekehrt?

00:00:48 Friedrich Dürrenmatt (FD): Jede Sache hat einen doppelten Aspekt, einen gefährlichen und einen natürlichen. Jede Technik ist Teil der menschlichen Evolution. Beispiel: Vom Auge und Sehen zur Fotografie, Film, Astrophysik. Heute explodieren die technischen Möglichkeiten. Die Frage laute: Ist der Mensch ihnen gewachsen? Technologie ist Versuchung, Beispiel Television.

00:04:12 NB: Konzentration und Kommerzialisierung im Medienbereich – eine Gefahr für die Demokratie?

00:04:19 FD: Eine riesige Gefahr. Die Medien beherrschen immer mehr Bereiche. Medienprogramme brauchen viel Geld, sind immer stärker von Geldgebern abhängig. Wer am meisten Geld hat, kauft sich ein ganzes System. Das ist auch politisch sehr gefährlich. Da muss man sich fragen: Wer macht die Politik? Plötzlich kommen Mediendiktatoren zur Macht. Die Verquickung von Medien und Wirtschaft ist neu. In der Antike gab es einfach den Redner, der war an seine Stimmkraft gebunden. Oder die Verquickung mit Religion, wie in Amerika mit den Predigern.

00:06:44 KHL: Fernsehshows.

00:06:47 FD: Ich schaute in einem Stadion eine Show mit Billy Graham an, die auf vielen Kanälen ausgestrahlt wurde, Massenbekehrung von Tausenden.

00:07:38 NB: Die Kommerzialisierung im Radio- und Fernsehbereich empfinden wir als absolute Bedrohung. Werden sich alternative Stimmen in Europa noch hörbar machen können? Mit der Aufgabe des Staatsmonopols und Zunahme der Kommerzsender ist die Bedrohung noch gewachsen.

00:08:10 FD: Sender kommen immer stärker unter das Diktat der Zuhörerzahlen. Anstatt Alternativprogramme zu unterstützen, fördert man, wie Spaltpilze, gleiche Programme. Man sollte Sender subventionieren, die keine Reklame senden. Es herrscht Ideenlosigkeit, zum Beispiel auch in der Kulturpolitik. Der Staat sollte das Radiowesen bedachen, wie er es beim Bildungswesen tut: Diesen und jenen Gruppierungen die Möglichkeit geben, sich zu äussern.

00:11:13 NB: Weiteres Thema unseres Gesprächs: Wie sieht Friedrich Dürrenmatt Österreich?

00:11:21 FD: In Österreich ist die Vergangenheit zum Tabu erklärt worden. Die Österreicher waren nie Nazi, und sie waren doch Nazi, und man hat nie eine Grunddiskussion geführt: Was ist Österreich? Ein zusammengekrachtes Gebilde, das sehr künstlich geworden ist. Die Zerstörung von Österreich-Ungarn war wahrscheinlich ein Blödsinn. Man hätte eine grosse demokratische Macht aufbauen können.

00:13:17 KHL: Im Sinne eines Zusammenschlusses?

00:13:23 FD: Aber es ist alles missglückt. Dabei kamen von Österreich viele Impulse, Kunst, Technik, Kultur. Aber dazu gehört irgendwie das Chaos. Und das Völkergemisch. Der Österreicher, ein reiner Arier – da sehe ich eher ein Hirsch, ein Reh, eine Gämse. Nationalbewegungen in Österreich haben etwas Provinzielles, ähnlich wie bei den Schweizern. Aber wenn ein Deutscher "Vaterland" sagt, wird es mir immer schlecht. Ich sehe den Nationalsozialismus als eine Art übertriebenen Patriotismus. Patriotismus betrifft nicht den Intellekt, sondern das Gefühl. Auch Rassismus ist ein patriotisches Gefühl. Gefühle kommen aus dem Stammhirn, und das Stammhirn ist das Tier. Sie zielen auf das Tier im Menschen. Und man kann sie ungeheuer steigern, das ist gefährlich. In Österreich habe ich bei Nationalbewegungen kein unheimliches Gefühl. Nicht etwa, dass mir diese Dinge sympathisch sind, aber die Österreicher sind so…

00:18:20 KH: …gemütlich?

00:18:31 FD: Aber diese Gemütlichkeit ist etwas Perfides. In Österreich hat man schon das Gefühl, ständig Dolche im Rücken zu haben.

ZitationsvorschlagTonaufnahme: Radio LoRa, Zürich/F 1063-037A
Hinweise auf unvollständige oder fehlerhafte Objekt- und Bildinformationen nehmen wir gerne entgegen. Senden Sie uns mit folgendem Link via E-Mail ihre