Die Transkription ist zusammenfassend und nicht wortgetreu.
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00:05:00 Friedrich Dürrenmatt (FD): Der Österreicher, ein reiner Arier – da sehe ich eher ein Hirsch, ein Reh, eine Gämse. Es ist etwas ganz Komisches. Und diese Nationalbewegungen in Österreich haben etwas wahnsinnig Provinzielles. Man nimmt es ja nicht gefährlich. In Deutschland werden sie gefährlich. Mir läuft es jedes Mal kalt über den Rücken, wenn der Kohl Vaterland sagt. Ich habe das dem Bahr gesagt, der sass da und wir schauten zu, Honecker, ich neben Bahr, und dann sagte der Sprecher, da kam der Honecker und Kohl und dann bliesen sie, also die Soldaten, und die bliesen das Deutschlandlied. Und dann sagte der Radiosprecher, unter den Klängen der dritten Strophe des Deutschlandliedes, Einigkeit und Freiheit, dann sagte ich dem Bahr, Sie Bahr, sind Sie sicher, dass die Kerle die dritte Strophe geblasen haben, ich habe das Gefühl, die haben die erste Strophe geblasen. Dann sagte Bahr: Das ist jetzt komisch, dass Sie das sagen, ich höre auch immer Deutschland, Deutschland über alles. Das kommt ganz automatisch. Aber der sagte, die haben die dritte Strophe geblasen. Ich meine, das ist auch so typisch. Macht einem immer Angst, wenn ich das Deutschlandlied höre. Oder empfinden Sie das anders?
00:02:28 Nicholas Busch (NB): Nein, ich empfinde das auch schon, aber ich glaube, die nächsten Generationen schon nicht mehr.
00:02:37 FD: Ja sicher. Aber ich finde es nur so typisch für die Deutschen .... Ich finde überhaupt, das schreibe ich heute, für mich ist der ganze Nationalsozialismus eine Art des übertriebenen Patriotismus. Das geht alles auf patriotische Gefühle. Und Rassismus ist auch ein patriotisches Gefühl. Das heisst, es sind alles Gefühle, die nicht den Intellekt, sondern das Gefühl betreffen. Das ist rein eine gefühlsgefährliche ... und Gefühle kann man ungeheuer steigern. Es geht auf das Stammhirn, und das Stammhirn ist das Tier. Es zielt nichts auf die Hirnrinde, sondern alles aufs Tier im Menschen zurück. Und das ist natürlich unheimlich. Wenn ein Liechtensteiner ein wahnsinniger Liechtensteiner Patriot ist, ist mir das ziemlich Wurst, und ich lache. Aber wenn ein Deutscher Vaterland sagt, da wird’s mir immer schlecht. Aber bei den Österreichern finde ich es irrsinnig provinziell, etwas ähnlich wie bei den Schweizern. Der Schweizer ist auch so ein komischer Nationalist. In der Schweiz ist es aber sehr gemildert durch einen gewissen Humor. Zum Beispiel an der 1. August-Feier, da müssen sie Reden halten und können dann nicht reden. Ich finde, der Schweizer Nationalismus geht mehr ins Groteske hinein. Das ist ein anderes Gefühl, das... ich möchte dann nicht dort in dieser Gegend leben.
00:05:02 Kathi Hahn-Lindenmaier (KHL): Ja, aber für Österreich sagt man ja auch, zum Beispiel, der Klerikal-Faschismus, der Austrofaschismus, wird gemildert durch Schlamperei. Das ist typisch österreichisch. Aber auf der anderen Seite: Gerade diese patriotischen oder eher eben deutschnationalen Gefühle, die Österreicher eigentlich ablehnen, und die eben mit diesem Stammhirn, dem Tier im Menschen arbeiten, durch plumpe Manipulation, mit den Urängsten, gerade auf denen baut so jemand wie der Haider auf.
00:05:33 FD: Ja natürlich, aber Österreich – ich weiss nicht, was da alles möglich ist, weil das Land ist ja noch geteilt, wenn ich an Südtirol denke, oder wenn ich denke, da war so ein Bombenleger, der Norbert Burger, der ist immer mit dem gekommen. Der schien da in bester österreichischer Gesellschaft, als Tiroler muss man ein Bombenleger... wie der Bayer ein Dackel haben. In Österreich habe Ich nicht das unheimliche Gefühl...nicht etwa, dass mir diese Dinge sympathisch sind, aber die Österreicher sind so – die sind so ...
00:06:37 KHL: ...gemütlich?
00:05:39 FD: Also die Österreicher Gemütlichkeit ist etwas sehr Perfides. In Österreich hat man schon das Gefühl, man hat ständig Dolche im Rücken. Es ist eine merkwürdige Mischgesellschaft. Die leben natürlich wahnsinnig vom Klatsch. Ich habe einmal in Wien inszeniert, aber ich sagte, nie wieder. Das war also wie Wolkenschieberei... das ist also schwer zu formen. Und dann sind sie unter den Zorn von (Thomas) Bernhard geraten, der wettert da auf sein Österreich nieder, das ist, wie wenn die Juden unter den Zorn von Jahwe geraten wären. Das ist wahnsinnig, dieser Bernhard, der leidet an der Welt. Da kam sein Fernsehfilm in Spanien, alles katholisch, und die Vögel die fliegen auch nicht mehr richtig. Die sind schon angesteckt von dieser Luft. Das stinkt natürlich, die sind ja nicht gelüftet, die Priester, die waschen sich ja nicht. Haben sie schon einen Priester gesehen, der sich wascht? Dieses Katholische... das ist doch frustriert. Das ging zwei Stunden so. Immer die gleichen Tiraden. Absolut verrückt. Echt aber verrückt. Ich glaube, in Österreich wird man verrückt.
00:09:11 KHL: Ich als Österreicherin finde, es gibt in Österreich eine gewisse Polarisierung, die hat es seit dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie gegeben. Einerseits doch eine sehr starke Arbeiterbewegung, eine Sozialdemokratie, was für Februar 1934 doch bedeutet hat, eine bewaffnete Auflehnung gegen das Aufkommen von Faschismus. Und auf der anderen Seite sehr stark der Klerikalismus, Adel, und dann eben auch sehr stark die ganze fünfte Kolonne vom Anschluss, also von der Anschlussbewegung, die dann diesen schlamperten Ausdruck Faschismus ersetzt hat durch dieses sehr viel effizientere deutsche System. Und mir stellt sich in der jetzigen politischen Situation die Frage, wie weit dadurch das Österreich auch so ein Bild hat von seinen schönen Seiten, seinen gemütlichen Seiten, wie weit wird sich da so jemand wie ein Haider, der da im Schatten von Waldheim hochkommt, nicht verharmlost. Er wird immer so geschildert als ein dynamischer, demagogischer Politiker – demagogisch sagt man schon nicht mehr - man sagt einfach, der dynamische Politiker, dem ab und zu ein Ausrutscher passiert. Aber in Wirklichkeit basiert der auf einer Tradition, die noch sehr lebendig ist, aus einer wirklich noch nicht bewältigten Vergangenheit. Diese ganzen alten Neonazis, die sind ja noch da. Und gerade solche Leute wie Haider, die bauen auf dieser Tradition auf und gegen sie sogar noch weiter.
00:10:53 FD: Ja sicher. Ich frage mich nur: Wie wirkt das über Österreich hinaus? Österreich ist so etwas wie ein schwarzes Loch. Die Frage ist, wie solches aus so Kleinstaaten hinauswirken kann. Die Schweiz ist auch ein Kleinstaat, und sie spielt in Deutschland auch keine besondere Rolle. Dabei ist die Schweiz doch gut für die Steuerflüchtlinge und sie ist natürlich ganz eine andere wirtschaftliche Grossmacht. Aber Österreich kann das ja auch werden. Inwiefern, was wird die EG, wie kommt das denen... Österreich von der Schweiz aus zu beurteilen... ich bin sehr gerne in Österreich. Kärnten kenne ich gar nicht. Ich kenne nur Wien. Dann habe ich eine Verlegerin, die Feltrinelli, die hat also ein ganzes Tal. Ganz grotesk, das gibt es gar nicht in der Schweiz. Es ist ja ganz menschenleer, dieses Österreich, also die Alpen da. Die Feltrinelli hat ein Haus, da sind nichts als Hirsche, halbe Köpfe schauen einen an, und Bärenfelle, und unter den Fenstern sind Fuchsfelle, und Gämsen, diese Feltrinellis haben dort fast ein Dorf, und dann alle Abschussdaten. Und irgendwo ist ein Adler, und der hält noch einen Hasen in den Fängen, und das hängt alles herum. Und da kann man also stundenlang im Auto fahren, nichts. Die hat also ein ganzes Tal.
00:13:27 KHL: Wir haben dieses Gespräch unter anderem auch gemacht, weil wir von der FERL, der Europäischen Föderation Freier Radios, in Wien jetzt am 18. Februar eine erste Radiosendung machen, eine öffentlich zugängliche, von einem nicht kommerziellen Radio.
00:13:52 FD: Das kommt aber nicht ins Radio, unser ganzes Gespräch da, ich meine Feltrinelli und so.
00:14:03 NB + KHL: Nein, nein.
00:14:10 FD: Was Sie sagen, das begreife ich, aus der österreichischen Perspektive. Für mich ist die Frage, inwieweit das hinausstrahlt. In Deutschland ist natürlich eine viel grössere Gefahr, weil ich dort die Gefahr des latenten gefährlichen Deutschlands gar nicht etwa vorüber sehe.
00:14:58 NB: Es ist natürlich mit einer unwahrscheinlichen wirtschaftlichen Macht verbunden. Und ausserdem, was vielleicht auch ist, Deutschland wurde gezwungen, auf einer kosmetischen Ebene, diese Entnazifizierung durchzuführen. Und man hat immer den Eindruck bei deutschen Politikern, auch der grossen Parteien, sie sagen etwas, und man spürt, dass sie im Herzen eigentlich noch etwas ganz anderes denken, was man im Moment nicht sagen darf, und manchmal rutscht es einfach heraus.
00:15:24 FD: Es ist einfach so, sagen wir mal, wenn sie so einen (Alfred) Dregger hören, die wollen natürlich... was ist der Krieg? Und auch in Österreich habe ich da viel gemerkt: Der Krieg war irgendwie eben doch die grosse Zeit. In der Vergangenheit verlieren ja die Schrecken, und merkwürdigerweise wird das dann die Heldenzeit, man hat viel durchgemacht und man ist durchgekommen. Sagen wir mal, wenn man das heute, ich habe letzthin wieder den Film «Im Westen nichts Neues» gesehen. Wenn man denkt, es ist ja gegen keinen anderen Film derartig gepöbelt worden. Warum? Weil das den Soldaten, den Paul Bäumer, der Angst hat - das gab es nicht, das wird alles verdrängt. Das ist ja ganz unvorstellbar. Heute sieht man Filme einfach so an und... Wir haben natürlich vergessen, was Krieg ist. Die Schweiz wusste es sowieso nicht. Es gab da einige bittere Dinge über den Krieg, wenn ich denke den Kubrick-Film «Wege zum Ruhm», der ist in der Schweiz verboten worden, weil Frankreich ihn verboten hat. Das war eine Episode im ersten Weltkrieg, wo ein Bataillon gestraft wurde, weil es nicht mehr angriff, aus Feigheit, es wurden dann einfach drei Personen ausgewählt und erschossen. Und der Kubrick hat einen tollen Film darüber gedreht. Der wurde von Frankreich verboten und von der Schweiz auch. Das ist auch so typisch. Das war 1959 oder so. Und in Deutschland haben die dieses Gefühl, das darf doch nicht... Da sagt der Dregger, ja, wir haben noch gegen den Kommunismus gekämpft. Ich sage immer den Deutschen, ja Himmelherrgott, die Atombombe wurde gegen euch gebaut. Wenn Hitler einige Monate länger gewesen wäre, wäre die auf Berlin gefallen. Das realisiert man gar nicht. Die Atombombe wurde aus Angst vor Hitler gebaut, nicht aus Angst vor den Japanern. Und den Japanern, das ist das Unheimliche, hat sie sofort das Schuldgefühl genommen. Die Japaner diskutieren nie über Schuld. Das sind total die schuldlosesten Menschen. Und das ist doch das Unheimliche. Nicht, was heisst, der Mensch will sich doch irgendwie rechtfertigen, und jetzt kommen die Österreicher, die haben natürlich mitgemacht. Auch bei den Konzentrationslagern, da waren sie auch Wärter. Die haben eigentlich alles mitgemacht. Sie waren Soldaten. Und jetzt kommt der Waldheim, er ist ein typischer Fall. Bei den Österreichern, die wollten ja zum grossen Teil den Anschluss. Und diese Verdrängung, man sei dann befreit, es kommt also vielmehr Lügen und so hinein. So wie wir Schweizer sagen, der Hitler hat nicht gewagt, uns anzugreifen. Ja wir haben dafür für Hitler gearbeitet. So dumm war er wahrscheinlich nicht, uns angreifen zu wollen. Die Tunnels brauchte er für den Transport des Kriegsmaterials, Kohle und Stahl mussten nach Oberitalien, die hatten ja keins. Also gut, das sind alles andere Sachen. Aber sofort entsteht eine Legende. Und die Legende, die in Österreich entstand, ist ebenso eine besonders nicht wahre, und dann ... es ist, bei keiner Partei stimmt es genau.
00:20:11 KHL: Das ist richtig. Als Österreicherin denke ich auch in diese Richtung, weil – ich habe vorhin gesprochen von einer grossen Polarisierung. Ich komme aus einer Familie, die war im Widerstand, und die waren in den KZs, die waren dort umgekommen, die Hälfte meiner Familie waren Juden, ich spüre es natürlich ganz anders. Diese Polarisierung hat es gegeben, in Österreich. Und jetzt, wie müssen sich diese Widerstandskämpfer vorkommen, wenn jetzt das offizielle Österreich oder das, was von Österreich in der Welt bekannt ist, ob es ein Waldheim ist, ein Haider oder die Neonazis, das ist jetzt halt auch sehr persönlich von meiner Seite.
00:20:46 FD: Die Österreicher und die Juden, die waren ja immer, ich meine, man muss auch nie vergessen, dass der Nationalsozialismus auch eine eminente österreichische Bewegung war. Und der Herr Schicklgruber. Wenn ich denke an Juweger (?) und an solche Figuren. Das waren ja die grossen, die politisch grossen antijüdischen Bewegungen sind in Österreich. Und die Kirche spielt eine grosse Rolle, die Juden als Gottesmörder. Ich glaube, der österreichische Katholizismus ist besonders schlimm.
00:21:48 KHL: Ich wollte noch einmal auf die Europäische Federation freier Radios FERL (Fédération européenne des radios libres, gegründet 1986) kommen, ein Zusammenschluss nicht kommerzieller Radios, die versuchen, sich auf der Ebene von Meinungsfreiheit und Meinungsäusserung das Recht zu verschaffen, neben den kommerziellen, die immer mehr einbrechen in verschiedensten europäischen Ländern, und neben dem staatlich rechtlichen Rundfunk, sich einen Platz zu verschaffen. Wo sie wirklich denen das Wort geben, die auch noch was zu sagen haben, Leuten, die sonst nicht die Möglichkeit hätten, sich über die Medien auszudrücken.
00:22:23 NB: Bei der FERL sind jetzt mehrere hundert meist kleinere Radios dabei, das geht von Frankreich bis Griechenland, Portugal, Spanien, die Schweiz natürlich auch.
00:22:45 KHL: Da gibt’s einige wenige nicht kommerzielle Radios, in Zürich, im Aargau. Früher in Bern das Radio Förderband, das ist dann wieder unter die Fuchtel gekommen von den kommerziellen, Radio 25, Schawinski.
00:23:08 NB: Jedenfalls jetzt ist es so, dass in Österreich genau die Situation entsteht, dass das Staatsmonopol massiv in Frage gestellt ist durch die Kommerzsender. Und es ist jetzt schon so, dass übrigens in Deutschland situierte Sender nach Österreich hineinsenden.
00:23:25 FD: Das schlimme ist. Natürlich, nehmen sie mal die deutschen Sender. Es ist ja so, dass die immer mehr unter das Diktat kommen, wieviel Prozent zuhören. Die Kommerzsender machen ja das gleiche langsam wie die offiziellen, ARD, ZDF. Das ist ja das Verrückte, anstatt dass es Alternativprogramme gibt, fördert man wie Spaltpilze gleiche Programme. Das heisst, der eigentliche Sender, der eine ganz andere Radiokultur machen könnte, der fällt dadurch unter den Tisch. Dann kann er es nur machen, wenn er nicht kommerziell ist. Und das ist diese Zwangslage. In Amerika sah ich sehr viel. Da hat jede Universität einen Sender. Und die machen sehr gute Interviews. Sie sind ganz primitiv in Garagen oder so untergebracht. Aber die werden gehört und die machen einfach Musik und dazwischen laden sie Professoren ein und die sprechen eine Stunde oder so. Aber die sind ganz anders, die sind ungeheuer verbreitet. Und die werden von der Universität aus gemacht und die legen Schallplatten auf und fertig. Also ganz anders. Und die sind auch von ganz wenigen Leuten betrieben. Aber hier baut man sofort eine Institution auf und sofort hat man wahnsinnig viel Geld nötig.
00:25:40 KHL: Allerdings gibt es das in Europa auch. Es gibt sowohl diese Universitätsradios und es gibt diese freien nichtkommerziellen Radios, die eben versuchen, erstens einmal, denen das Wort zu geben, die es nicht haben. Zum Beispiel Minderheiten, zum Beispiel Ausländer in verschiedenen europäischen Ländern. Und die FERL setzt sich eben dafür ein, dass dieser Sektor Gesellschaftsradios auch einen Platz bekommt.
00:26:14 NB: Es gibt bereits jetzt mehrere hundert Radiostationen, die existieren und senden.
00:26:26 FD: Wo und wann, um welche Tageszeit?
00: 26:30 NB: Zum Beispiel der Sender, für den wir arbeiten, der mit Longo maï zusammenhängt, Radio Zinzine, der sendet 24 Stunden.
00:26:40 FD: Die Schwierigkeiten beim Radio ist es, wen erreicht es und wer hört. Wer hat Zeit, zu hören. Ich habe zum Beispiel keine Ahnung, wie ich einen Sender suchen sollte. Ich brauche den Radio zum Beispiel ausschliesslich für Musik. Da habe ich drei Tasten. Und ich höre Musik erst so vor dem Zubettgehen. Zwei oder drei Uhr nachts. Und die Nachrichten am Radio will ich hören, während ich esse. Oder ich schaue nach – manchmal kommt auf 2 ein interessanter Vortrag, dann höre ich den. Das heisst, ich bin informiert, was will ich hören. Einen privaten Sender, weiss ich gar nicht wie, ich nehme an Kurzwelle?
00:28:07 NB: Nein, UKW, alle diese Sender senden auf UKW. Die kann man eben nur dann empfangen, wenn man in der Region ist.
00:28:16 FD: Ja eben. Die Frage ist, inwiefern ist ein Radiosender effektiv? Wer hört ihn? Das ist sehr wichtig.
00:28:25 NB: Wobei eben durch die Schaffung der FERL hat es nun angefangen...
00:28:36 FD: Ja, aber das ist eben für die, die sich interessieren. Für die Gemeinde. Sie haben also mit dem Radio – ich frage jetzt einfach, weil ich kein solcher Beteiligter bin – Sie schaffen ein solches Radio. Jetzt – wo ist der Sender?
00:28:52 NB: Jetzt soll eben in Österreich das Recht erkämpft werden, dort einen ersten solchen Sender aufzubauen. Im Moment gibt es diese rechtliche Möglichkeit noch gar nicht. Es geht darum, zuerst einmal, überhaupt dieses Recht zu erkämpfen, dass neben den staatlichen, den öffentlich-rechtlichen Sendern und den privaten, kommerziellen Sendern, die jetzt bald dazukommen werden – das wird sich kaum vermeiden lassen – dass zumindest rechtlich nicht sämtliche Schranken geschlossen werden, dass auch andere, alternative Sender, egal wie klein, ein Anrecht haben auf einen Wellenbereich. Und die Erfahrung hat eben gezeigt... In Frankreich zum Beispiel gibt es dieses Recht. Und das Leben für diese kleinen Sender ist sehr schwer, eben aus Finanzgründen. Es ist die Qualität, die ist sehr unterschiedlich, das wissen wir, aber wir meinen: Jetzt geht es darum, in Europa die rechtlichen Grundlagen zu schaffen, dass nicht auf lange Zeit hinaus die Möglichkeit für solche Alternativ-Sender verbaut ist. Und Sie haben es selber gesagt: Es gibt die Möglichkeit, mit relativ geringen finanziellen Mitteln, einen Sender zu betreiben.
00:30:16 FD: Jaja. Als ich eine Zeit lang in Los Angeles war, war ich erstaunt, die Studios waren in Hütten, in Baracken, und das war sehr interessant. Die Hauptsender senden hauptsächlich für die Amerikaner, die lassen das Radio ja immer laufen, hauptsächlich auch für Autofahrer und so. Aber das sind also die Universitäten, die das machen, und die sind wahnsinnig lebendig.
00:30:57 NB: Das gibt es jetzt auch in Europa, mit unterschiedlicher Qualität.
00:31:05 FD: Ich kann ja noch eine Flasche Wein holen. Was haben wir für Zeit?
00:31:21 NB: Wir veranstalten im August einen grossen Kongress, wo Medienschaffende, Journalisten und eben diese Radiostationen, diese freien Sender, sich treffen, und über dieses Thema, also Rettung einer gewissen Kommunikationsfreiheit im Hinblick auf Europa 92, diskutieren. Wenn man sich jetzt nicht für eine rechtliche Organisation wehrt, die es ermöglicht, im legalen Rahmen zu senden, dann ist die Sache auf ewig respektive für sehr lange Zeit verbaut.
00:32:06 KHL: Es geht uns auch darum, dass man nicht nur innerhalb der Produzenten von Information oder Kultur bleibt, sondern auch den Dialog hergestellt, in denen, die eigentlich Informationsträger wären oder die Kulturträger wären, und die also eigentlich ein Medium brauchen würden. Auf diesem Kongress soll es also ein Austausch werden, zwischen denen, die die Möglichkeit zur Verfügung stellen, das Medium zu benützen und denen, die es benützen wollen und die etwas zu sagen haben. Der Kongress findet im August statt, in Südfrankreich, in unserer Longo maï-Kooperative in Limans, und dazu wollten wir auch Sie herzlich einladen.
00:32:47 FD: Ich muss schauen, ob ich...
00:32:51 NB: Wir wollen sie ja schon lange einmal auf unsere Kooperative einladen.
00:32:54 FD: Ich muss dieses Jahr wahnsinnig arbeiten. Ich stecke voller Manuskripte, und deswegen war auch mein Verleger gerade da...
00:33:09 KHL: Hat er geschimpft?
00:33:11 FD: Das nicht. Aber er meinte, ich hätte soviel Manuskripte, die er gerne drucken wolle. Und ich drücke mich immer etwas. Aber es ist ein sehr angenehmer Verleger, aber ich muss wieder etwas herausgeben.
00:33:34 NB: Wir fänden es wirklich sehr wichtig, wenn Sie bei einer solchen Veranstaltung, wo sich die «andere Kultur» trifft, von Portugal bis Dänemark, dabei sein könnten. Weil - wir nehmen das sehr ernst, diese Drohung der Medienmonopolisierung.
00:34:02 FD: Ja natürlich. Es ist politisch ernst. Das politische ist einfach darum, weil durch die Medien kommt eine... in Frankreich ist es ja ganz schlimm auch, kommt eine Macht, kommen einzelne zur Macht, da kommen plötzlich Mediendiktatoren zur Macht. Das ist eben das Verrückte. Und diese neuartige Verquickung von Medien und Wirtschaft ist eben toll. Das ist eine ganz neuartige Verbindung. Das gabs in der Antike nicht. Da gabs einfach den Redner. Der war an seine Stimmkraft gebunden. Aber jetzt, in Amerika ist es ja ganz grotesk, wenn Sie an die Prediger denken, die dann mit Religion machen...
00:35:07 KHL: Fernsehshows.
00:35:10 FD: Ja, Wahnsinn. Ich war einmal in einem riesigen Stadion bei Los Angeles. Sie machen sich keine Vorstellung. Auf allen Dings wurde das ausgestrahlt. Ich ging dann hin und schaute mir das an. Wahnsinnig, diese Show, was da für Menschen auf die Bühne kamen... Da wird plötzlich eine Massenbekehrung von tausenden Leuten veranstaltet, plötzlich ist alles in rotes Licht getaucht, und bald in gelbes...
00:36:06 NB: Also wir laden nicht den Billy Graham ein zum Kongress, sondern wir möchten Sie einladen.
00:36:15 FD: Ja nein, ich sage nur... Was die für eine Kraft machen. Die kaufen ganze Sender auf. Wahlkampf geht dadurch, wer kann sich am meisten Sendeminuten leisten. Was das kostet, das ist wahnsinnig.
00:36:40 KHL: Wir wollen sie neben dem Kongress noch dazu einladen, ob wir Sie als Kulturvertreter zum Patronatskomitee zählen dürfen für eine Föderation freier, nicht kommerzieller Radios, ob Sie bereit wären, da mitzumachen.
00:37:04 FD: Klar, das kann ich schon.
00:37:07 NB: Das ist für uns im Moment sehr wichtig, gegenüber den europäischen Instanzen, sagen zu können, dass wir patroniert von Vertretern des europäischen Kulturlebens sind.
00:37:27 KHL: Danke schön. Wir haben zeitlich jetzt wirklich überzogen.
00:37:30 FD: Das macht gar nichts.