00:00:00 Musikalisches Intro
00:01:11 NB: In welchen Teilrepubliken ist dieser Nationalismus am stärksten entwickelt?
00:01:30 Es gibt viel von diesem emotionalen Nationalismus, niemand kann dies bestreiten, in Kosovo und in ganz Serbien
00:01:50 NB: Findet man in Kosovo in der Bevölkerung echte Sympathie mit diesen Tendenzen?
00:01:50 Dass es uns nicht gelungen ist, in den letzten fünf oder sechs Jahren das Kosovo-Problem zu lösen, ist ein Hinweis darauf, dass sie Unterstützung finden. Das Grundproblem in Kosovo ist, dass es ein Stück armes Asien in Europa ist. Slowenien hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg schneller entwickelt, es besteht ein Nord-Süd-Graben in Jugoslawien. Wenn es einen Streik in den 70er-Jahren in einer Fabrik gab, zahlte man einfach und kein Nationalismus fasste Fuss. Jetzt kann man den sozialen Frieden nicht mehr erkaufen. Folglich gibt es keinen sozialen Frieden mehr. Ein weiterer Aspekt ist die Korruption. Beispiel "Agrokomerc". Jahrelange Bilanzfälschungen, hohe Schulden (Millionenbeträge) vertuscht, 63 Banken haben nun finanzielle Schwierigkeiten. In Slowenien sagen die Leute, seht, was im Süden passiert. Im Süden leiden Belegschaften der Agrokomerc-Filialen und niemand hilft
00:07:02 NB: Die jugoslawische Armee spielt seit Tito eine moralische und ideologische Rolle für die Einheit. Nun kursierten Gerüchte über einen Militär-Putsch?
00:07:43 LK bestätigt die Rolle der Armee und die kaum wahrscheinliche militärische Intervention. Wenn Generäle Stellung nehmen zu Skandalen und fehlhaften Institutionen, heisst das nicht, dass sie einen Putsch organisieren. Putsche werden, das weiss man doch, zumeist nicht von Generälen aber von Obersten inszeniert
00:10:44 Jugoslawen suchen nach neuen gesellschaftlichen Organisationsformen. Gibt es eine Glasnost auf jugoslawisch?
00:11:15 LK: Auf allen Ebenen laufen Diskussionen und Infragestellungen. Der Agrokomerc-Skandal wäre früher nicht aufgeflogen. Ein Witz kursiert: Napoleon sagt zu Stalin, wenn ich deine Zeitungen gehabt hätte, dann hätte niemand von meiner Niederlage bei Waterloo erfahren. Ein vielschichtiger, neuer, demokratischer Diskurs und verschiedenste zivile Organisationen mischen sich ein
00:16:22 NB: Du redest von Linken, sind keine dieser Gruppen rechts?
00:16:29 LK: Die klare Unterscheidung von links und rechts befindet sich in einer Mutation
00:17:42 LK: Ich sehe für die nächsten Monate, zwei Jahre, die Notwendigkeit gegen eine Allianz von etatistischen Sozialisten und nationalistischem Populismus zu kämpfen. Denn das könnte passieren. Lev schildert auch die Schwierigkeit dieser Auseinandersetzung
00:20:59 Musik
00:23:18 NB: Unser Gespräch begann wirtschaftlich, aber du arbeitest auch ideologisch. Ich hatte einen Professor aus Ljubljana, der sagte mir, dass er es vorzog in die Schweiz zu kommen, weil in Jugoslawien alle bei Entscheiden mitreden können. Ich schliesse daraus dass es ein starkes demokratisches Bewusstsein in Jugoslawien gibt aber wirtschaftlich verschlechtert sich die Lage. Die ausländischen Investoren wollen Profite sehen und vielleicht wollen sie das Land auch spalten, weil Slowenien interessanter für sie ist. Gibt es genügend Solidarität und Einsicht, dass die verschiedenen Nationalitäten Jugoslawiens zusammenbleiben müssen um das beste in ihrer Situation zu machen, ihrer Blockfreiheit, ihrer Vielfalt, ihrem föderativen Staat?
00:25:01 LK: Wenn die globalisierte Wirtschaft Krisen verzeichnet, wird es auch in Jugoslawien schwierig. Er spricht über die Rolle des IWF und den eventuellen zentralistischen Fantasien.
00:28:05 NB: Übergang zum Gespräch mit Paul Parin, Brigitte und Thomas Busch
00:29:21 Brigitte Busch stellt Lev Kreft vor. ER ist nicht der einzige, es gibt auch andere, die eine sehr kritisch Haltung haben aber auch offen sind
00:30:35 Paul Parin: Weite Teile der Bevölkerung haben eine Fähigkeit, sich durchzuwursteln. Anders als in den meisten Staaten des realen Sozialismus sind in Jugoslawien trotz Parteizeitung und nicht ganz freier Presse nonkonforme und lebendige Stimmen präsent
00:33:10 NB: Entwickelt sich die zivile Gesellschaft eher Richtung Demokratie oder in Richtung populistischer, konservativer Orientierung?
00:33:41 Brigitta Busch: Die neuen sozialen Bewegungen sind z.T. sehr stark. Sie haben durchgesetzt, dass keine Atomkraftwerke gebaut werden. Hauptargumente sind Umweltschutz und man will mit dieser Technologie nicht abhängig werden, weder von der UdSSR noch von der Bundesrepublik Deutschland. Streiks und viele Diskussion darüber, was geändert werden kann
00:35:58 Thomas Busch: Lev Kraft betonte den Unterschied zwischen Polen mit einer Zentralmacht und Jugoslawien mit föderierter Machtverteilung
00:37:39 NB kommt auf die von Leo beschriebene mögliche Allianz zwischen nationalistischen, konservativen Kreisen und dem aus der KP gewachsenen sozialistischen Etatismus zu sprechen
00:39:13 PP: Ich muss Lev Kreft recht geben. Dies Gefahr besteht
00:42:17 NB kommentiert, er finde in Westeuropa keine Spuren einer neuen linken Bewegung, trotz der Affirmation von Lev Kreft, der sich eher an der westeuropäischen neuen Linken orientieren möchte
00:43:27 PP: Die 68er-Studentenbewegung wurde von Tito brutal niedergeschlagen, danach gab es eine Abwendung von der Politik und heute erneut eine Öffnung zu marxistischem Gedankengut was auch in der Streikbewegung z.T. zum Ausdruck kommt
00:45:36 NB: Generationenproblem. Junge kritisieren den Tito Monumentalismus
00:46:03 Verschiedene, trotzdem hoffnungsvolle und sympathische Einschätzungen zum Thema "Wohin treibt Jugoslawien?"
00:50:02 Musik zum Schluss
00:52:43 Ende der Sendung