Peter Saladin, Jurist, Bern
00:02:05 Ich heisse Peter Saladin, bin in Basel aufgewachsen, habe in Basel studiert, wohne aber seit 25 Jahre jetzt in Bern und fühle mich hier auch ganz zuhause. Ich bin Dozent für Staatsrecht, Verwaltungsrecht und Kirchenrecht an der Uni Bern und komme natürlich durch den Beruf sehr rasch immer wieder auf so Fragen, die die Allgemeinheit betreffen, zu allen möglichen politischen Fragen, auch zu Fragen zum Beispiel der Energiepolitik, von der Kernenergiepolitik und andrem. Ich habe mitarbeiten können in einer eidgenössischen Expertenkommission zur Revision des Atomenergiegesetz und bin dort eigentlich so richtig reingekommen, in die Problematik der ganzen Energiepolitik. Ich habe dann vor ein paar Jahren mit einem jüngeren Kollegen zusammen, dem Dr. Christoph Senger, ein Seminar durchgeführt an der Uni Bern, zum Thema "Rechte künftiger Generationen". Und im Laufe dieses Seminars hatte eine Arbeitsgruppe, also eine Gruppe von Studenten, die Idee, eine Charta "Die Rechte künftiger Generationen" vorzuschlagen. Und der Christoph Senger und ich haben dann nach dem Seminar die Ergebnisse zu einem Buch zusammengefasst, das dann auch erschien, und "Rechte künftiger Generationen" heisst. Und im Zentrum des Buches steht jetzt nicht mehr die Charta, sondern eine "Erklärung der Rechte künftiger Generationen". Das ist das Buch.
00:03:41 Frage 2: Warum das Buch?
00:04:05 Ich habe mich selbst hintendrein ein paar Mal gefragt, warum wir eigentlich damals auf das Thema gekommen sind, das Seminarthema "Rechte künftiger Generationen". Und ich glaube für uns alle war die Einsicht massgebend, dass wir heute in einer ganz neuen Zeit drinstehen. In einer Zeit, wo es der Mensch zum ersten Mal möglich gemacht hat, die Menschheit zu vernichten, wo es der Mensch möglich gemacht hat, vielleicht das ganze Leben auf der Erde zu vernichten, wo wir unsere ganze Umwelt grossräumig, langfristig und zum Teil irreversibel verändern, d.h. in einer Art und Weise, dass wir es nicht mehr zurücknehmen können. Und aus der Überlegung heraus sind wir dann dazu gekommen zu sagen, wenn wir schon als Menschheit heute in der Lage sind, unsere Umwelt und vielleicht unser Leben so langfristig und vielleicht irreversibel zu belasten und zu verändern, und damit auch unsere Nachkommen bis in fernste Generationen hinein zu belasten, dann tragen wir auch eine Verantwortung dafür. Dass wir das nicht mehr als nötig machen, dass wir uns sehr genau überlegen, wie wir unsere Umwelt verändern, wir tragen Verantwortung dafür, dass eben auch unsere Nachkommen auch noch zu einem menschenwürdigen Leben kommen. Und diese Überlegung war eigentlich am Anfang des Seminars über die Rechte der künftigen Generationen. Und wir möchten mit der Erklärung dieser Rechte dazu beitragen, dass eben auch unsere Nachkommen, die Kinder der Kinder der Kinder, dass die zu einem menschenwürdigen Leben noch kommen.
00:05:45 Frage 3: Wäre Kernenergie ein Fall für die Rechte künftiger Generationen, wird man ihnen hier gerecht?
00:06:12 Ich glaube, es gibt eine ganze Reihe von Bereichen, wo wir die Umwelt so belasten, dass unsere Nachkommen, wenn wir so weitermachen, wie wir es heute machen, sehr stark geschädigt, oder eben in ihren Rechten beeinträchtigt werden könnten. Vielleicht ein paar Beispiele: der Boden ist an vielen Orten schon so belastet von Schwermetallen und von andrem, dass die Fruchtbarkeit des Bodens auf lange Sicht in Frage gestellt ist. Oder das Stichwort Wald, wenn einmal der Bergwald nicht mehr da ist, könnte es Jahrhunderte dauern, bis der Wald wieder aufgeforstet ist, und seine heutigen Funktionen wieder wahrnehmen kann, wenn es überhaupt möglich ist, Gebirgswald wieder richtig aufzuforsten. Aber wir haben solche Bereiche natürlich auch dort, wo sich Grosstechnologie angesiedelt hat, und zum Beispielgrad im Zusammenhang mit der Atomtechnologie. Atomkraftwerke erzeugen bekanntlich radioaktive Abfälle, und diese Abfälle müssen beseitigt oder mindestens irgendwo aufgehoben werden, so, dass eben die nachfolgenden Generationen nicht übermässig davon belastet werden. Es sind ja nicht nur Abfälle, im übrigen, radioaktive Abfälle, die von den Kernkraftwerken kommen, und mit denen wir uns herumschlagen müssen, sondern es sind auch radioaktive Abfälle aus Spitälern und allen möglichen andern Industrien und Dienstleistungsbetrieben. Aber jedenfalls die ganze Atomtechnologie erzeugt Abfälle, die Abfälle können Jahrtausende lang aktiv bleiben, und wir müssen für eine Abfallbeseitigung oder Abfallbewältigung sorgen, die eben unsere Nachkommen nicht übermässig belastet
00:08:01 Frage 4: Strom ist das ganze Leben?
00:09:30 Ich bin kein Experte in energiepolitischen Fragen und schon gar nicht in energietechnischen Fragen, aber ich habe mich in verschiedenen Zusammenhängen mit Energiepolitik als Jurist beschäftigt und da ist mir etwas deutlich geworden. Es gibt heute, und ich glaube, das ist unbestritten, es gibt heute Möglichkeiten, die Verschwendung von Energie, die wir heute betreiben, so zu reduzieren, dass der Energieverbrauch nicht, oder jedenfalls nicht schwerwiegend ansteigen müsste, ohne dass dadurch Wohlstandsverlust resultieren müsste. Obwohl vielleicht auf längere Frist müsste man sich dann überlegen, ob nicht vielleicht schon unser Wohlstand irgendwie heute schon fast ein wenig an die Grenzen stösst und ob wir nicht auch hier etwas zurücknehmen müssten, aber vorderhand, für die nächste Zeit geht es glaube ich schlicht drum, dass wir probieren, unsere Energie so sinnvoll und so intelligent zu nutzen, dass keine Verschwendungen stattfinden, und dann glaube ich, müssen wir nicht einmal Wohlstandsverlust in Kauf nehmen.
00:10:40 Frage 5: Verantwortung der Wissenschaft?
00:12:13 Ich kenne eine ganze Reihe von Wissenschaftern aus allen möglichen Disziplinen, die sich heute bewusst sind, dass sie Verantwortung tragen, und zwar eben nicht nur Verantwortung tragen für die Art und Weise, wie sie ihre Forschung durchführen, oder auch für die Auswahl ihrer Forschungsthemen, sondern Verantwortung tragen ein Stück weit auch für das, was mit ihrer Forschung Resultaten passiert. Natürlich kann man sagen, wenn der Wissenschaftler irgendeine Forschungsarbeit zu Ende geführt hat, dann hat er seinen Teil getan, und dann ist es Sache anderer Leute, von Politikern oder auch von Industriekapitänen, diese Forschungsresultate zu verwenden, und dann auch in einer sinnvollen Art und Weise zu verwenden. Aber ich glaube, wenn man so argumentiert und so denkt, dann macht man es sieh einfach. Ich glaube heute sollte eben jeder Wissenschafter, bevor er irgendein Forschungsprojekt in Angriff nimmt, sich überlegen, ob, falls er zu bestimmten Ergebnissen kommen sollte, in der Arbeit, ob dann mit denen Ergebnissen Missbrauch getrieben werden könnte, oder ob ein grosses Risiko bestehe, dass auch Missbrauch damit getrieben werden könnte. In dem Sinn glaube ich, hat heute tatsächlich jeder Wissenschafter Verantwortung, ein Stück weit eben auch dafür, was dann später mit seinen Ergebnissen passiert. Ich glaube, das Verantwortungsbewusstsein breitet sich aus.
00:13:40 Frage 6: Wie könnte so eine Charta auf die Politiker übergreifen?
00:15:29 Es ist sicher so, dass es auch heute noch so und so viele Wissenschafter gibt, die nichts wissen wollen, von einer solchen Art Verantwortung, wie ich sie jetzt vorher beschrieben habe. Und ich glaube ganz allgemein, dass wir heute in unserer zivilisatorischen und vor allem auch unserer technischen Entwicklung an der Grenze angekommen sind, wo man sich sagen muss, es reicht nicht mehr, sich auf das Verantwortungsgefühl des einzelnen zu verlassen, dass er eben mit seinem Wissen wirklich nur etwas sinnvolles und nichts gefährliches oder missbräuchliches anfängt. Ich glaube, es braucht tatsächlich auch rechtliche Vorschriften, und zwar auf ganz verschiedenen Gebieten. Es braucht nach meiner Meinung z. Bsp. gesetzliche Bestimmungen, die sagen, dass die Forschungsfreiheit, also die Forschungsfreiheit des Einzelnen Forschers, so zu forschen wie es ihm richtig erscheint, dass die Forschungsfreiheit gewisse Grenzen hat, z. Bsp. eben Grenzen in der Anerkennung der Würde des Menschen und der Natur, die den Menschen umgibt. Und wenn ich jetzt zurückkomme auf die "Rechte zukünftiger Generationen" so wollen wir ja damit einen Versuch machen, sozusagen auf oberster rechtlicher Ebene auf der verfassungsrechtlichen Ebene, gewisse fundamentale Rechte des Menschen zu verankern, und zwar eben nicht nur des heutigen Menschen, sondern auch des künftigen Menschen. Im Grunde genommen sind das gar keine anderen Rechte als die, die wir heute schon für uns beanspruchen. Auch wir wollen ja z. Bsp. gutes Trinkwasser haben, auch wir wollen einigermassen schöne Natur um uns herum haben, wir wollen gesunde Wälder haben, aber es scheint mir immer mehr, dass es nötig ist heute, ausdrücklich in der Verfassung und dann auch in der Gesetzgebung zu verankern, dass eben auch unsere Nachkommen ein Recht darauf haben, alle diese Naturgüter in der nötigen Menge und in der nötigen Qualität vorzufinden.
00:17:35 Frage 7: Muss man dann nicht die Natur vor den Menschen schützen? Utopien?
00:19:29 Wir machen uns keine Illusionen, Christoph Senger und ich, die "Rechte der künftigen Generationen" ins geltende Recht aufzunehmen, also irgendwie in der Verfassung eine oder mehrere Bestimmungen zu statuieren, dass auch unsere Nachkommen bestimmte Grundrechte haben sollen. Da wird es politische Widerstände geben, man wird schon ganz bös dafür kämpfen müssen. Die Frage ist natürlich, ob das reiche, und ob man nicht die Natur noch besser schützen müsste, als sie heute schon geschützt ist. Man kann sagen, und Sie haben das selber gesagt, dass es früher drum ging, den Menschen vor der Natur zu schützen. Heute ginge es eigentlich eher drum, die Natur vor dem Menschen zu schlitzen. Und ein ganz wichtiger Schritt ist natürlich nun die Umweltschutzgesetzgebung. Die ist noch relativ jung, und etwas besonders an unserer Umweltschutzgesetzgebung scheint mir zu sein, dass es in diesem Gesetz nicht nur darum geht, den Menschen zu schützen, d. h. die Umwelt im Interesse des Menschen, sondern dass es auch darum geht, die Umwelt selber, die natürlich Umwelt selber zu schlitzen. Also sozusagen die Umwelt als eigenständige Grosse. Und ich glaube, das ist ein Weg, den wir noch viel konsequenter beschreiten müssen.
00:19:56 Ich habe in einem anderen Zusammenhang und mit einem anderen jüngeren Kollegen, dem Dr. Jürg Leimbacher über die Idee schon nachgedacht, und auch schon darüber publiziert, ob nicht sogar die Natur also die Tiere und die Pflanzen mit Rechten ausgestattet werden sollten. Heute ist es so, dass Tiere und Pflanzen Sachen sind, rechtlich gesprochen, und die stehen dem Menschen, Subjekt, grundsätzlich zu seiner freien Verfügung. Und jetzt die Frage für uns, ob man nicht umdenken sollte, ob man nicht sagen müsste, dass die Tiere und Pflanzen Rechte haben sollten, denn auch Tiere und Pflanzen haben eine Würde, eine eigene Würde, sicher nicht die gleiche wie der Mensch, aber doch eine Würde, und ob es dann nicht adäquat wäre, diese Würde auszudrücken, indem man auch den Tieren und Pflanzen Rechte zuerkennen würde. Das ist vielleicht nicht einmal so entscheidend, aber wichtig scheint mir jedenfalls, dass wir eben Tiere und Pflanzen und die ganze Umwelt wegen ihr selbst, im eigenen Interesse und nicht nur wegen den Menschen schützen. Und nur so glaube ich, kommen wir dazu, dass z. Bsp. das Artensterben aufhört. Der Mensch hat ja angefangen in den letzten Jahrzehnten, Tiere und Pflanzenarten auszurotten, in einem Tempo, wie es, glaube ich vorher noch nie auf der Erde passiert ist. Und wir dürfen uns schlicht nicht mehr leisten, noch weitere Arten auszurotten. Und ich glaube, ein wichtiges Denkinstrument zur Verhinderung des Artensterbens könnte eben grad das sein, dass wir die Natur, die Tiere und Pflanzen in ihrer eigenen Würde wahrnehmen.
00:22:39 Frage 8: Gäbe es christliche Grundlagen?
00:23:12 Christoph Senger und ich haben unser Buch aus einer christlichen Glaubenshaltung heraus geschrieben. Ich habe vorher von der Verantwortung gesprochen, die wir dafür haben, dass auch unsere Nachkommen ein menschenwürdiges Leben führen können. Diese Verantwortung kann man verschieden begründen. Man kann sie philosophisch begründen, man kann sie theologisch begründen, man kann sie auch, und besonders, wie mir scheint, christlich begründen aus der christlichen Botschaft heraus begründen. Da stossen wir allerdings auf eine Schwierigkeit. Es gibt den berühmten Satz aus dem Alten Testament, "Macht euch die Erde untertan", und um den Satz, da bin ich ganz überzeugt, ist sehr viel Missbrauch betrieben worden. Man hat sich von allen Seiten auf diesen Satz berufen, und man hat gesagt, es steht ja sogar in der Bibel, der Mensch kann machen und soll machen mit der Natur, was ihm passt. Ich glaube, und bin nicht der Einzige, der das glaubt, es gibt viele christliche Theologen, die daran gearbeitet haben, dass das ein ganz grundlegendes und verhängnisvolles Missverständnis ist. Die Meinung derer, die diesen Satz damals formuliert und aufgeschrieben haben, war sicher nicht, dass der Mensch die Erde sich untertan machen solle, um sie zu zerstören, sondern die Meinung war möglicherweise, dass der Mensch gegenüber der Natur in eine besondere Rolle gesetzt hätte werden sollen, und zwar einerseits in die Rolle dessen, der Tiere jagen kann, der Pflanzen ausgraben und essen kann, anderseits aber auch in die Rolle dessen, der Sorge tragen soll zur Natur, also ebenso eine ausbeutende wie auch eine bewahrende Funktion wurde dem Menschen zugelegt. Und es kommt etwas anderes dazu: Damals, für den damaligen Menschen, also vor vielen Jahrhunderten, war die Natur natürlich noch eine grosse Gefahr, in verschiedener Hinsicht. Es gab wilde Tiere, und es gab alle möglichen schlimmen Naturereignisse, die den Menschen bedroht haben. Und mit dieser biblischen Auslage hat wohl auch gesagt werden sollen, dass sich der Mensch gewissermassen nicht unterkriegen lassen solle durch diese Natur, sondern dass er eben so herausgehoben war aus der übrigen Natur, dass er in den beiden Rollen, die ich vorher erwähnt habe, über ihr stehen kann. Aber eben, die bewahrende Funktion war sicher auch mitgedacht, und wir haben heute, glaube ich, eben allen Anlass, diese bewahrende Funktion in den Vordergrund zu stellen.
00:25:52 Frage 9: Ist die Wirtschaftlichkeit erst neuerdings so zentral bei der Gesetzgebung?
00:27:28 Es ist sicher so, dass wir heute auch insofern in einer neuen Zeit stehen, als, allerdings ist diese Zeit nicht ganz neu, man kann sie ziemlich genau zurückdatieren auf das Ende des 16. und den Anfang des 17. Jahrhunderts, also insofern eine neue Zeit, als das naturwissenschaftliche, technische Denken und in Verbund gewissermassen, mit dem Denken, auch das ökonomische Denken eine ganz unerhört dominierende Rolle spielt. Und ich glaube, man kann schon sagen, dass der heutige Mensch in verschiedener Hinsicht vor allem ein Homo-Ökonomikus ist, also ein wirtschaftlicher Mensch, ein Mensch, der teilnimmt am Wirtschaftsleben und der in vielen Belangen eben wirtschaftlich denkt. Und es ist vielleicht schon so, dass die Übermacht des naturwissenschaftlichen, technischen und in dem Zusammenhang auch wirtschaftlichen Denkens etwas Neues ist von unserer Zeit, wobei wie gesagt diese neue Zeit zurückgeht auf ein paar Jahrhunderte. Und jetzt spürt man eben durchaus, dass auch wieder ein anderes Denken kommt, ein ethisches Denken. Das hat es allerdings nicht leicht, es muss sich gewissermassen durchkämpfen eben durch die Wälder von ökonomischen Prinzipien, von naturwissenschaftlichen Gesetzen, aber immerhin ist es doch zu beobachten, und ich glaube, ist es zu beobachten aus einem einfachen Grund, nämlich weil mehr und mehr Bürger und Bürgerinnen eben sehen, dass wir mit unserem bisherigen naturwissenschaftlichen, technischen und ökonomischen Denken an Grenzen anstossen. Grenzen, wo es dann irgendwo hintendran kein vernünftiges Weiterleben mehr gibt.
00:29:13 Natürlich gibt es auch andere Argumente dafür, weshalb man jetzt nicht einfach die Atomenergie weiterfördern soll, wie man sie in den 50iger und 60iger Jahren gefördert hat, man merkt, dass man auch in grosse ökonomische Schwierigkeiten hineinkommt. Und es ist natürlich durchaus begrüssenswert, dass sich gewissermassen ethische und ökonomische Argumente verbünden, um gewisse übermässige Förderungsprogramme zu stoppen und wieder auf ein realistisches Mass zurückzubinden. Man muss gewissermassen heute die Verbündeten suchen, wo man sie findet.
00:29:52 Frage 10: Eintreten der Frauen in die Diskussion als Signal?
00:31:38 Ich glaube, einen wesentlichen Anteil an diesem Umdenken haben die Frauen, die zum Glück mehr und mehr in die Politik eintreten, auch in die Wissenschaft eintreten, in alle möglichen Bereiche des gesellschaftlichen Lebens eintreten. Ich hoffe allerdings, dass es noch mehr Frauen geben wird, in all diesen Bereichen. Ich sehe allerdings auch eine kleine Gefahr da drin, dass die Männer, die das beobachten, sagen, das ist wunderbar, jetzt haben wir die Frauen, und es ist jetzt Sache der Frauen, eben Intuition ins Spiel zu bringen, Emotion ins Spiel zu bringen, und die Männer können sich dann erst recht auf das beschränken, was sie vielleicht in der letzten Zeit gemacht haben, nämlich auf das rationale, vielleicht auch auf das ökonomische, auf das wissenschaftliche. Ich glaube es wäre eben im Gegenteil ganz wichtig, dass sich die Männer darauf besinnen würden, dass sie ja eben auch eine emotionale Seite haben, dass sie auch Emotionen in sich haben, dass sie schliesslich auch ein ganzer Mensch sein sollten, der alles einschliesst, und der sich nicht beschränkt auf einen bestimmten Teil, z. Bsp. eben auf den Intellekt, auf die Vernunft. Also ich glaube, es wäre wichtig, dass jetzt eine Art gegenseitiger Beeinflussung stattfinden würde, zwischen Männern und Frauen. Noch viel mehr als es bis jetzt der Fall gewesen ist.
00:33:03 Frage 11: Zusammenfassung
00:34:15 Ich heisse Peter Saladin, bin in Basel aufgewachsen, habe dort auch studiert und lebe jetzt seit 25 Jahren in Bern. Ich bin verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder. Ich bin Dozent an der Uni Bern für Staatsrecht, Verwaltungsrecht und Kirchenrecht, und als Dozent für diese Gebiete bin ich in ganz verschiedenen Zusammenhängen mit ganz verschiedenen Aspekten von unserer Politik und eben mit unserm politischen Recht, dem Verfassungsrecht in Berührung gekommen. Ich habe z. Bsp. einmal mitwirken können in einer Expertenkommission des Bundes für die Revision des Atomenergiegesetzes, und habe mich dann dort ein wenig einarbeiten müssen in die ganze Problematik der Kernenergie und der Energiepolitik überhaupt. An der Uni Bern habe ich mit einem jüngeren Kollegen, dem Dr. Christoph Senger zusammen vor ein paar Jahren ein Seminar durchgeführt, zum Thema "Rechte künftiger Generationen". Und im Laufe dieses sehr intensiven Seminars hatte eine Gruppe von Studenten die Idee, eine "Charta der Rechte künftiger Generationen" vorzuschlagen. Christoph Senger und ich haben dann nach dem Seminar die Ergebnisse zusammengefasst zu einem Buch, das erschien auch im Buchhandel, das ist das Buch "Rechte künftiger Generationen".
00:35:58 Und in diesem Buch probieren wir jetzt, diese Erklärung, wir sagen jetzt Erklärung, nicht mehr Charta, die Erklärung der Rechte unserer Nachkommen ins Zentrum zu stellen, und auch zu begründen, weshalb wir dazu gekommen sind, zu begründen, weshalb wir uns überhaupt mit dem Thema befasst haben.
00:39:13 Schlussbemerkung
00:36:43 Ich möchte nochmal sagen, mit dem Buch über die "Rechte künftiger Generationen", mit der Idee einer Erklärung solcher Rechte, und mit der Forderung, dass solche Rechte in unsere Rechtsordnung aufgenommen werden, ausdrücklich anerkannt werden, möchten wir einen Beitrag dazu leisten. dass unsere Nachkommen zu einem menschenwürdigen Leben kommen. Ich möchte es vielleicht so formulieren: Ich möchte selber ganz persönlich, wenn ich mal nicht mehr lebe, aus einer anderen Welt heraus, den Kindern und den Kindern der Kinder noch gut in die Augen schauen können.
00:37:25 Frage 13: Strom ist das ganze Leben?
00:38:21 Ja, ich finde es absolut erschreckend, dass man sagen kann, Strom ist das ganze Leben. Also wenn unser ganzes Leben nur noch aus Strom besteht, und mit Dingen, die wir mit Strom anfangen können, dann ist das ein armseliges Leben. Und ich glaube, es zeigt sich eigentlich gerade da drin deutlich, eben diese Abspaltung eines Teils des Menschen. Es zählt gewissermassen nur noch das, was sich wirtschaftlich verwerten lässt, es zählt nur noch, was man konsumieren kann, und alles das, was mit der Innerlichkeit des Menschen zu tun hat, das verschwindet irgendwie. Also ich glaube, das ist sehr symptomatisch, eben für die Aufspaltung des Menschen, und insofern kann man sagen, zeigt es eben auch deutlich die Schizophrenität, die wir heute haben.
00:42:36 Ende V-56-Saladin
Walter Wildi, Prof. für Geologie Uni Genf, Eidg. Kommission für nukleare Entsorgung
00:42:40 Vielleicht ein Aspekt ist auch noch wichtig für die Geologen und für die Wissenschaft im Allgemeinen, das ist, dass in dieser Endlagerungsfrage zum ersten Mal, und das wird in Zukunft mit allen Abfallproblemen mehr und mehr passieren, dass Wissenschafter eigentlich nicht mehr konstruktiv arbeiten, sondern, dass sich Wissenschafter hauptamtlich damit beschäftigen, das Unheil, das andere angerichtet haben, wenn man das so sagen kann, wieder irgendwie zu begleichen. Und ich glaube, psychologisch wird das auf die Wissenschaft in den nächsten Jahren grossen Einfluss haben. Der Wissenschafter ist nicht mehr der Pionier, der Neuland entdecken geht, der Wissenschafter ist unterdessen auch der, der die Strasse wischen geht, d.h. der den Dreck zusammenschäufelt, den andere produzieren. Das gibt den ganzen Wissenschaften einen viel weniger heroischen Anstrich.
00:43:50 Fredi: Technisch machbar, wirtschaftlich tragbar?
Denken die Studenten auch so?
00:45:38 Ich glaube, dass schon heute die Studenten und die nächste Generation irgendwie von Anfang an den Reflex hat, den vielleicht unsere Generation sich hat aneignen müssen, d.h. den Reflex, vielleicht sich ein wenig zu überlegen, was sind die Konsequenzen von dem, was ich mache, und das ist irgendwie schon, das ist vielleicht das Schöne an diesem Beruf, dass man das feststellen kann, aber das ist eindeutig vorhanden.
00:48:23 Ende V-56-Wildi