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Band Nr. V53, Video-Protokoll: "Der Grüne Berg", Peter Hug: Historiker (Universität Bern), (1990, Fredi Murer)


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SignaturF 9103-53
BestandF_9103 Dokumentation DER GRÜNE BERG [VIDEO]
Bestandesbeschrieb

Die Nationale Genossenschaft zur Beseitigung radioaktiver Abfälle (NAGRA) plante Ende der 1980er im "Wellenberg" bei Wolfenschiessen im Kanton Nidwalden ein Endlager. Fredi M. Murer dokumentierte in seinem Film "Der grüne Berg" (1990) den Widerstand der Bevölkerung und die politischen Aushandlungsprozesse. Der Film wurde 2025 digitalisiert und restauriert. In diesem Zusammenhang wurde auch das S-VHS-Kassetten vorhandene Rohmaterial der Interviews digitalisiert. Der Bestand Dokumentation DER GRÜNE BERG umfasst 57 Interviews, die Fredi M. Murer 1989 und 1990 mit der betroffenen Bevölkerung, Vertretern der NAGRA, Widerstandsgruppen, Politiker:innen und Wissenschaftler:innen führte. Das Material wurde im Rahmen eines Memoriav-Projekts und der Unterstützung des Kantons Nidwalden (Amt für Kultur) digitalisiert. Als Basis für die Erschliessung dienten schreibmaschinengeschriebene Transkripte von 1990 (oft ins Hochdeutsche übertragene Wortprotokolle), die orginal wiedergegeben werden. Zur besseren Orientierung im digitalen File wurden sie mit Timecodes versehen und mit einem Abstract ergänzt.

Die Nationale Genossenschaft zur Beseitigung radioaktiver Abfälle (NAGRA) plante Ende der 1980er im "Wellenberg" bei Wolfenschiessen im Kanton Nidwalden ein Endlager. Fredi M. Murer dokumentierte in seinem Film "Der grüne Berg" (1990) den Widerstand… — mehr...

AbstractPeter Hug, Historiker Uni Bern, Experte im Export von Atomtechnologien in Drittweltländer. Zwar präsentierte man die Schweizer Atomforschung ab 1945 offiziell als friedliche „Gewähr“ für Fortschritt, doch tatsächlich war die 1945 gegründete Studienkommission für Atomenergie unter Paul Scherrer heimlich dem Militär unterstellt und verfolgte den Bau einer Atombombe. Mit Arbeitsbeschaffungs Krediten und einer massiven Täuschung des Parlaments floss ab 1946 ein Vielfaches des ETH Budgets in Forschung, die streng nach Militärstrafgesetz geheim gehalten wurde. Erst 1954 gelang die Einfuhr von Uran, worauf 1955 die Reaktor AG Würenlingen entstand, um Natur-Uranreaktoren zu entwickeln. Ein Projekt, das 1959 von BBC und 1967 von Sulzer zwecks unüberwindbaren Schwierigkeiten und finanzieller Defizite aufgegeben wurde.
Die Elektrizitätswerke hatten sich bis 1964 konsequent gegen AKW Bau gewehrt, ehe sie unter politischem Druck plötzlich im Ausland Reaktoren bestellten. Parallel verbreitete der Zivilschutz mit Ausstellungen, Schulwettbewerben und Haus zu Haus Anleitungen die allzu einfache und verharmlosende Botschaft, Atomtechnik sei unbedenklich, und versprach Atom Heizöfen und Atommüll Briketts. Das Atommüllproblem war von Scherrer bereits 1945 als ungelöst erkannt worden, diente aber lange als Argument für weitere Forschungsgelder, bis es erst Ende der 1960er politisch thematisiert wurde. Die Gründung der Nagra 1978 und die nachträgliche Verankerung der „Gewähr“ im Atomgesetz folgten dieser verzögerten öffentlichen Debatte. Ohne die militärisch motivierte Aufbauarbeit und die anschliessende Propaganda, hätten weder Industrie noch Behörden 1964 AKWs so widerstandslos importieren und betreiben können. Heute zeigt sich, wie Staats , Militär und Wissenschaftsinteressen über Jahrzehnte eine Infrastruktur schufen, die gesellschaftliche Kontrolle und kritische Auseinandersetzung weit hinter sich liessen.
Urheber
  1. Murer, Fredi M.
Copyright
Schlagwörter
  1. Umwelt
  2. Umweltpolitik (allgemein)
  3. Abfallwirtschaft
  4. Abfalllagerung
  5. Lagerung radioaktiver Abfälle
Geopolitik
  1. Europa
  2. Schweiz
  3. Nidwalden
Periode
  1. Neuzeit
  2. 20. Jh.
  3. 1951-2000
  4. 1981-1990
  5. 1989
  1. Neuzeit
  2. 20. Jh.
  3. 1951-2000
  4. 1981-1990
  5. 1990
Verleger
  1. Murer, Fredi M.
Objektträger
  1. bewegtes Bild
  2. Video
  3. S-VHS
Sprache
  1. schweizerdeutsch
Detailinformation
Peter Hug, Historiker, Uni Bern

00:01:12 Also ich heisse Peter Hug, ich bin Assistent am historischen Institut hier an der Uni Bern. Ich komme eigentlich von der 3. Welt- und nachher Friedensbewegung her und habe mich in dem Zusammenhang vor allem mit dem Export von Atomtechnologie in Drittweltländer beschäftigt, und das hat mich zur Frage gebracht, wie kommt eigentlich die Schweiz überhaupt in die Lage, über das Knowhow, über das Wissen über solche Technologie zu verfügen. Ich habe nachher meine Lizarbeit über das Thema der Geschichte der Atomtechnologie-Entwicklung in der Schweiz geschrieben, habe dort die Frage untersucht, wie eigentlich die Vorgeschichte aussieht dieser 5 AKWs, die heute in Betrieb sind, und ob da ein Zusammenhang bestehen könnte zwischen diesem Knowhow bei der Industrie.

00:02:15 Ich bin da nachher auf seltsame Fakten gestossen. Ganz am Anfang stand eigentlich die Gründung der Studienkommission für Atomenergie, 1945, unmittelbar nach Hiroschima und Nagasaki. Im Militärdepartement tauchte die Forderung auf, das müssten wir auch haben. Es ging also ganz klar um die Bombe. Man hat zuerst mit einem Etikettenschwindel aus Arbeitsbeschaffungsgeldern eine halbe Mio. gesprochen, kurz darauf mit einer massiven Belügung des Parlaments einen Kredit von 16 Mio., was ein mehrfacher Betrag des damaligen ETH-Budgets darstellte, so zum Vergleich.

00:02:58 Kobelt, der damalige Chef des Militärdepartements sagte dem Parlament, es sei rein friedlich. Tatsächlich hatte er seine Unterschrift gegeben für eine geheime militärische Richtline für die Studienkommission für Atomenergie… wo in Artikel 3 ganz klar steht, die Studienkommission für Atomenergie solle die Schaffung einer schweizerischen Bombe oder anderer geeigneter Kriegsmittel, die auf dem Prinzip der Atomenergie beruhen, anstreben.

00:03:39 Dass die Wissenschafter mitmachten, ist rückblickend gesehen schon sehr erstaunlich, umso mehr, als nachher in der ebenfalls vertraulichen Verordnung des Bundesrats für die Studienkommission bestimmt wurde, "… dass die begünstigten Forscher, welche durch die SKA unterstützt werden, nur mit Genehmigung des eidgenössischen Militärdepartements veröffentlicht werden dürfen." Die Wissenschafter wurden nachher, wie ich im Protokoll über die Verhandlungen dieser Studienkommission gefunden habe, dem Militärstrafgesetzbuch unterstellt: "… im Sinne des Artikel 86 des Militärstrafgesetzes, müssen alle Forschungsergebnisse geheim gehalten werden, welche der Dienstnehmer bei seiner dienstlichen Tätigkeit", es wurde also wissenschaftliche Forschung als dienstliche Tätigkeit bezeichnet, "insbesondere solche, welche die Landesverteidigung unmittelbar betreffen." usw. Der Artikel 86 des Militärstrafgesetzes hat eine Mindeststrafandrohung von einem Jahr Zuchthaus, falls man diese Bestimmungen verletzt.

00:05:00 Auf der Grundlage dieser, man könnte sagen, militärisch-wissenschaftlichen Allianz wurde ein gigantisches Forschungsprojekt gestartet, mit dem rein militärischen Ziel der Bombe.

Die Industrie kam erst 1954 dazu, als endlich gelungen war, Uran zu beschaffen; aus dem Ausland wurden 10 Tonnen Natururan importiert. was eine erstmalige Sache war, eigentlich, für einen Nicht-Atomwaffen-Staat, so etwas zu bekommen. Man gründete die Reaktor-AG 1955 in Würenlingen, welche das Projekt hatte, einen Natururan-Reaktor zu entwickeln, eine Technologie, die besonders geeignet ist für militärische Zwecke. Gleichzeitig wurde in Genf unten die "ATOMS FOR PEACE" Konferenz abgehalten vor der UNO, "Atome für den Frieden", eine riesige Kampagne. die die Aufgabe hatte, die sogenannte friedliche Nutzung im Atomzeitalter der Bevölkerung schmackhaft zu machen.

00:06:15 Schon sehr rasch erwiesen sich solche Hoffnungen als übertrieben. Die Reaktor-AG lief in gigantische Defizite hinein, obschon der Bund von Anfang an subventioniert hatte. Die Industrie, zum Beispiel BBC stieg bereits 1959 aus der Idee, einen eigenen Reaktor zu bauen, aus. 1960 schenkte man den ganzen Laden sogenannt dem Bund, damit der die ganzen Kosten übernehmen müsse, und man probierte nachher noch mit Lucens, einem Folgeprojekt nachher einen Prototyp eines Atomreaktors herzustellen. Aber die Schwierigkeiten erwiesen sich als derart unüberwindlich, dass 1967 auch Sulzer als letzte Firma aus dieser Idee ausstieg.

00:07:08 Das Spannende ist nun, dass über die ganze Zeit die Elektrizitätswirtschaft überhaupt nicht interessiert war. Sie schrieben im Gegenteil Briefe 1946, 1948 und auch später noch, wo sie den Bund aufforderten, mit dem Zeug aufzuhören. Sie haben mehrere Male massiv probiert, die Atomtechnologie-Entwicklung zu sabotieren, und noch 1963, als der Bund die Elektrizitätswirtschaft massiv aufgefordert hatte, jetzt doch endlich die Verheissungen vom Atomzeitalter zu erkennen, haben sie im 10-Werke-Bericht geschrieben: Nein, wir haben überhaupt keine Lust.
Um so überraschender war es dann 1964, dass plötzlich alle miteinander, die NOK, BKW, DOS, ihre AKW's "postet" haben, oder Absichtserklärungen abgegeben haben, sie wollten jetzt AKW's bauen. Zur grossen Enttäuschung vom Militärdepartement, von den Wissenschaftern, von den grossen Forschungseinrichtungen: Würenlingen, und andern Orten, haben sie aber die Technologie importiert, aus den USA Reaktoren "poschtet", später aus Deutschland, Kraftwerk-Union, usw.

00:08:35 Das lief völlig nebeneinander vorbei, aber man kann sagen, und das ist in meinen Augen vielleicht das Hauptergebnis von dem was ich hier gemacht habe, dass ohne diese Aufbauarbeit, die aus militärischer Absicht geleistet wurde, wo tausende von Wissenschaftern ausgebildet wurden, wo rund dreihundert Seiten Gesetzestext zum Beispiel formuliert wurden, wo jedes Departement seine Atomabteilung erhielt, wo in dem Sinn ein riesiger bürokratisch-wissenschaftlich-technischer Apparat geschaffen wurde, wo nicht zuletzt über den Zivilschutz die Bevölkerung vorbereitet wurde, alles dann als ungefährlich zu empfinden. Ohne diese riesige Vorarbeit wäre es der Elektrizitätswirtschaft nicht möglich gewesen, 1964 einfach jetzt ab Stange AKWs zu importieren, denn es ist etwas sehr kompliziertes, diese zu betreiben.

00:09:45 Was die Rolle des Zivilschutzes anbelangt, finde ich hier einen interessanten Artikel aus dem Jahr 1959 im Blättchen des Zivilschutzes, mit dem Titel: "Atommüll wird Mangelware", wo sie drin schreiben, wie man für die Vulkanisierung von Autoreifen Atommüll brauchen könne, für die Konservierung vieler Lebensmittel: "…selbstverständlich sind die bestrahlten, und dadurch nahezu unbegrenzt haltbar gemachten Lebensmittel völlig einwandfrei…" usw. und "…es sei deshalb völlig abwegig, vom "Atommüll" (in Anführungszeichen) zu reden, im Gegenteil, wir werden eines Tages in Form von Atom-Briketts in Spezialöfen zur Dauerheizung grosser Räume eine grosse Nachfrage danach entstehen. "Ein Atom-Brikett würde für mehrere Heizperioden ausreichen, seine Wärmeleistung wäre gut zu regeln und den Witterungsverhältnissen genau anzupassen. Der Atomheizofen befindet sich bereits in Entwicklung".
Man hat sich also vorgestellt, statt dass man also ein Holzöfeli in der Stube, so ein Atomöfeli hat und man dort den Atommüll hintun kann. Das steht im Zivilschutzheft, wie ich gesagt habe.
Es ist also ein überquellendes Füllhorn von technischen Möglichkeiten versprochen worden, wo jetzt die Idee -heisses Wasser zu machen- das ist eigentlich ein Reaktor, wo nachher eine Dampfturbine betreiben wird, - eine von den mindesten Vorstellungen und Verheissungen gewesen war. Man hat auch gesagt, dass man mit Plutonium-Tabletten im Tank Auto fahren könne, wo man zwei, drei Jahre nicht mehr nachtanken müsste usw.

00:11:50 Die Elektrizitätswirtschaft ist nach ihrem Meinungsumschwung nachher voll auf die Rede des Atomzeitalters eingeschwenkt, natürlich, hat sich die Verharmlosung, die vom Zivilschutz vorbereitet worden war, zu eigen gemacht, und die Risiken, die damit verbunden sind, wurden eigentlich erst sehr spät, eigentlich erst mit dem Bau der AKWs vor der Nase der Leute, ins Bewusstsein getreten. Eine riesige Verzögerung, 1970 die ersten grossen Unmutsäusserungen, 1975 dann die Besetzung des Geländes von Kaiseraugst, alles eigentlich 30 Jahre später, als wo das Zeug inszeniert wurde. Das gibt in dem Sinn eine Verlängerung von Wirkungsketten, dass etwas, was man 30 Jahre früher inszeniert hatte, erst dann später, erst dann gesellschaftlich als Problem erkannt wird. Das ist etwas, was dann auch den Historiker daran besonders interessiert.

00:13:06 Erst 1978 hat man dann im Atomgesetz die Atommüllfrage nachher eigentlich zum ersten Mal richtig erkannt, mit dieser "Gewähr", die da erbracht werden müsse, sonst müsse man die AKWs abstellen, aber noch heute ist ja von Gewähr überhaupt keine Rede, aber trotzdem geht es weiter, und das hat schon sehr viel mit diesen Institutionen zu tun, die da aufgebaut wurden, jetzt eben ausserhalb vom elektrizitätswirtschaftlichen Bereich.

(Bemerkung in Handschrift: schliesst an 56 an = früherkannt von Scherrer, aber verdrängt)

Frage 2: Weisst Du etwas von Leuten, die damals schon auf Gefahren hingewiesen haben?

00:14:07 Eigentlich ist es interessant zu sehen, wenn man diese Dokumente anschaut, dass Paul Scherrer, der unumstritten, eigentlich die ganz führende Figur war, er war Direktor des physikalischen Instituts der ETH Zürich, eine ganz überragende wissenschaftliche Kapazität, der dann auch die Präsidentschaft der Studienkommission für Atomenergie übernahm, welche die Bombe hätte machen sollen… dass er schon anlässlich der konstituierenden Sitzung der Studienkommission für Atomenergie 1945 auf das Atommüllproblem hingewiesen hatte, und gesagt hatte, es sei nicht gelöst, dass es uns grosse Probleme schaffen würde, dass wenn man einen Reaktor laufen lasse, da Plutonium entstehen würde, dass zahlreiche weitere Elemente entstehen würden, die strahlten wie verrückt, und wir wüssten noch nicht, was man damit machen könne, wir wüssten nur, dass es schaurig gefährlich sei. Das hatte er gesagt.

00:15:09 Aber in Wissenschaftlerkreisen hat man das dann nicht als eine Hemmung empfunden, jetzt weiterzufahren, sondern, man sagte dann, es sei eine spannende Aufgabe, da gäbe es etwas zu forschen. Man hat es nachher in diesem Sinn gewendet, zum Argument, um neues Geld herauszuholen, um Forschung machen zu können über diese Sache. In diesem Sinn ist in Wissenschafter kreisen das Problem als solches eigentlich sehr früh identifiziert worden, aber es ging wahnsinnig lange, bis man das in einer breiteren Öffentlichkeit erkannt hat.

00:15:45 Einer der ersten war wahrscheinlich der Max Thürkauf, einer der auch schon 1945, 1946 in diese Projekte der Studienkommission für Atomenergie eingespannt war, um Schwerwasserproduktion zu entwickeln. Er hatte dann nachher, mitte der 60iger Jahre massiv auf die "Büchse der Pandora" hingewiesen, die nicht dichtzuhalten sei. Aber er wurde nachher mehr oder minder als Spinner bezeichnet, kam in grösste Schwierigkeiten an seiner Universität, Basel, wurde mehr oder weniger gefeuert. Es ist schon eigentlich erst die AKW-Bewegung im heutigen Sinn, also eine Basisbewegung, die ausserhalb des Expertentums, diesem Expertenfilz, der da entstanden war, nachher angefangen hat, einzuklagen; laut, polemisch, mit wenig Wissen über die technischen Details, mit einem aber umso intensiveren menschlicheren Empfinden über den Wahnsinn, der da stattfindet, und angefangen hat, das einzuklagen. Aber es ist sehr spät erst dann so dahergekommen.

00:17:05 Frage 3: Einschätzung der Wissenschaftsgläubigkeit konfrontiert mit dem Widerstand?

00:17:35 Die Versprechung vom Atomzeitalter, die Hoffnungen, die damit verbunden waren, die haben sich ja dann doch ziemlich schnell verlaufen. Die ersten, die es merkten, war die Industrie, eben BBC schon 1959 ausgestiegen, nachher Sulzer 1967. Die merkten sehr schnell, dass das kommerzieller Wahnsinn ist, und die haben sich seither darauf beschränkt, auf den bereits entwickelten Technologien noch gewisse Exportgeschäfte zu machen, aber in neue Entwicklungen oder Forschung haben sie überhaupt nicht mehr investiert. In der Öffentlichkeit ist heute ein Problembewusstsein und auch ein Sachverstand in kleinen Gruppen entwickelt worden, der phänomenal ist, und häufig einfach doch das Sachwissen übersteigt von den Technikern, die doch mit einem sehr bornierten Bewusstsein sagen müssen, mit einem sehr speziellen Wissen aber ganz wenig und ohne zusammenhänge, nun hier das weiter betreiben.

00:18:45 Ich bin in dem Sinn eigentlich sehr optimistisch, nicht zuletzt auch von der wirtschaftlichen Seite her, weil es sich als sehr viel teurer und unwirtschaftlicher erwiesen hat, als man lange angenommen hatte. Aber das Problem bleibt natürlich bestehen, dass wir immer noch die Tatsache vor uns haben, was man die Verlängerung der Wirkungskette nennen könnte. Würenlingen haben wir immer noch, das Paul Scherrer Institut, wo 1’000 Wissenschafter mit einem nuklearen Schwerpunkt neue Technologien entwickeln, die zum Beispiel daran sind, einen Heizreaktor zu entwickeln, wo heute in der Öffentlichkeit noch sehr wenig Sensibilität dafür besteht, aber in 10 Jahren, wenn dann der Heizreaktor zu Stande kommen sollte, ist nachher bereits soviel investiert worden, Mia.-Beträge, soviel Wissenn so viel Verfilzung zustande gekommen zwischen den Technikern, dem Bund, Subventionen und politisch, dass es dann sehr schwierig sein wird, das aufzuhalten. Das ist auch so eine Schlussfolgerung, dass man eigentlich bereits die Forschung und Entwicklung einer öffentlichen Kontrolle unterstellen können müsste, um so etwas rechtzeitig zu bremsen. Also dort sind wir noch nirgends.

00:20:12 Das Problembewusstsein ist gross, was AKWs betrifft, ist aber sehr klein für das, was Wissenschaft und Technik heute an Problemen herstellen, die uns morgen beschäftigen werden. Um dieses zeitliche Auseinanderklaffen ein wenig zusammenstauchen zu können, müssten wir neue Instrumente schaffen, von einer Technologie-Folge-Abschätzung in die Zukunft hinein, woraus nachher auch politische Schlussfolgerungen gezogen würden.

00:20:06 Frage 4: Bist Du für den radikalen Ausstieg? Müllfrage, nationale Frage?

00:22:15 Was jetzt da die Atommüllfrage im Engeren anbelangt, gibt es ja da schon seit langem die Hoffnungen, dass man es dann irgendwie loswerde, grad der Verkauf einer Schwerwasserproduktionsanlage 1980, wogegen wir damals eine grosse Kampagne gemacht hatten, war verknüpft damit, dass die Argentinier dann so quasi als Gegenleistung den schweizerischen Atommüll abnehmen würden. Es haben entsprechende Verhandlungen mit China stattgefunden, um das Zeug in der Wüste Gobi endzulagern, es gibt auch entsprechende Verhandlungen mit dem südlichen Afrika. Es ist natürlich ein absoluter Wahnsinn, wenn man jetzt der 3. Welt unsere Folgeprobleme auflasten will, und die verantwortlichen Leute im Bundeshaus sind sich eigentlich der politischen Brisanz dieses Problemexports sehr bewusst. Sie würden damit indirekt zugeben, dass das Problem in der Schweiz nicht lösbar sei, etwas, das sie jetzt Jahrzehnte lang behauptet haben, und das wäre doch ein massives Eingeständnis der Nichtmachbarkeit des Endlagers.

00:23:42 Und es ist natürlich schon klar, dass, solange man derart ratlos ist, wie das bis heute der Fall ist, die Weiterproduktion von Atommüll derartig verantwortungslos ist, dass ich da zum Beispiel sagen muss, dass der sofortige Ausstieg das einzige, was noch zu einer Problemminimierung zum mindesten führen kann. Ich meine, wir haben jetzt so und so viele Tonnen Atommüll, irgendetwas müssen wir damit machen, aber diese Last darf auf gar keinen Fall noch irgendwie zunehmen.

00:24:21 Frage 5: Wohlstand der Bevölkerung?

00:25:35 Eigentlich von meinem Liz-Thema her, was ein Forschungsprojekt war, würde ich dieses Argument nicht gelten lassen, das immer sagt, entweder hätten wir den Fortschritt, den Wohlstand, es ginge uns immer besser, oder wir würden wieder zu Höhlenbewohnern, und müssten wahnsinnige Verzichte leisten, usw. Ich glaube eigentlich nicht an das Argument, denn man muss sehen, dass bis jetzt rund 4 Mia. Franken in die Forschung und Entwicklung der Atomenergie in der Schweiz investiert wurden, und jährlich noch ca. 100 bis 200 Mio. dazukommen. Das ist ein irrsinniger Einsatz, und die Alternativen sind seit langem bekannt.

00:26:35 Es gab schon Ende 50iger Jahre Sparprogramme. Es gab Sonnenenergieprogramme, die man aber total vernachlässigt hat, und ich meine, dass es innerhalb der Industriegesellschaft eine sehr breite Palette von Möglichkeiten hat und Schwergewichtslegungen, und dass man innerhalb der Industriegesellschaft total andere Lösungen hätte finden können, die zukünftige Generationen nicht belasten, die relativ geringe Wohlstandseinbussen bringen würden und doch sehr attraktiv wären. Dass ein derartiges Verschwendungsniveau, wie wir das heute haben nicht nur ökologisch nicht erwünscht ist, sondern auch lebensweltlich jetzt eigentlich nicht erwünscht ist, scheint mir selbstverständlich, aber das hat mit Wohlfahrt überhaupt nichts zu tun, eine derartige Verschwendungswirtschaft.

00:27:38 Aber das hängt eben meiner Ansicht nach sehr viel mit der Gesamtausrichtung der Technologie-Entwicklung zusammen, und wenn man weiss, dass nach wie vor, in den USA zum Bsp. mehr als die Hälfte der Gelder, die in Forschung und Entwicklung von neuen Technologien investiert werden, vom Pentagon herkommt, und es weltweit rund ein Viertel ist, von der Forschung und Entwicklung, die militärisch ist, dann muss man sehen, dass da eben Zusammenhänge bestehen, wo dann eben völlig falsche Schwerpunkte gelegt werden, jetzt auf ein bestimmtes Segment von Technologien. Militärs wollen Frontforschung, die wollen Extremtechnologien, die wollen auch Machttechnologien, wo also ein einziger über wahnsinnig weitreichende Wirkung entscheiden kann. Das ist ja das AKW, das ist es par Exellence, und small ist gar nicht beautiful bei den Militärs, nicht, und die Ausrichtung jetzt der Technologie-Entwicklung auf Extremtechnologien hängt in meinen Augen mit dieser Verschränkung zusammen, und da müsste endlich jetzt ein massiver Eingriff in die Ausrichtung der Forschung von der Entwicklung her stattfinden.

00:27:15 Frage 6: Verantwortung der Wissenschaft?

00:31:45 Also wenn man jetzt nach Verantwortung fragt, in dieser ganzen Palette von Kreisen, die da beteiligt sind, das sind die Wissenschafter, die ich nicht gleichsetzen würde mit den Technikern, nachher ist die Industrie, das Kapital in dem Sinn, nachher haben wir den Staat mit dem ganzen bürokratischen Hintergrund, und dann haben wir die Militärs; dann würde ich schon meinen, dass die Hauptbescherung eindeutig aus der wissenschaftlichen Entwicklung herausgekommen ist. Der Staat ist sehr schnell darauf aufgesprungen, weil er gemerkt hat, dass die Verheissung des Fortschrittes ihm eine neue Legitimation verschafft.

00:32:33 Man sieht das unter anderem an Indien, das ein wahnwitzig grosses Atomprogramm unterhaltet; und das dient einfach zur Legitimation von Indien als Staat, das sich einreihen kann in die Industrie-Nationen, unabhängig von allen Nützlichkeitserwägungen, es ist militärisch nutzlos, es bringt keinen Strom, es bringt überhaupt nichts. Aber trotzdem machen sie es, denn ein Staat, der das inszenieren kann, solche Wissenschaft, das ist ein grosser Staat.

00:32:57 Die Profitinteressen sind sehr kompliziert, im Allgemeinen würde ich sagen, seien sie viel minder, haben einen kleineren Anteil an der Verantwortung, als man normalerweise sagt.

00:33:08 Die Militärs sind sehr wichtig, denn sie haben viel Geld für die Wissenschaft. Aber der Hauptmotor kommt aus der Wissenschaft, davon bin ich eigentlich relativ überzeugt.

00:33:15 Jetzt die Frage, wie kann man das irgendwie kontrollieren? Das kommt direkt von der Verantwortung der Wissenschaft. "Die Wissenschafter müssen Verantwortung übernehmen." Es wird auch gesagt, man müsse interdisziplinärer arbeiten, eine Gesamtshow erhalten. In meinen Augen sind das beides Abwehrstrategien der Wissenschafter, die sagen: "Wir übernehmen jetzt die Verantwortung, wir fangen jetzt an, interdisziplinär zu arbeiten!" und damit sagen: "Redet uns ja nicht etwa drein!", die also damit verhindern wollen, dass eine politische, öffentliche, übergeordnete Kontrolle über die Arbeit des Experten, des Wissenschafters und auch des Technikers inszeniert wird. Und an diesem Nadelöhr vorbei gibt es in meinen Augen keine Lösungen, die verheben, denn der Wissenschafter ist immer in erster Linie dran interessiert, dass er weiterforschen kann, und häufig sind die Sachen, die Nobelpreis-trächtig sind, die besonders prestigeverheissend sind, genau die Frontbereiche der wissenschaftlichen Entwicklung, die besonders negative Auswirkungen haben, wenn sie in den gesellschaftlichen Raum hinaustreten.

00:34:45 Frage 7: Politiker, Ogi? Grosstechnologie und Demokratie?

00:36:36 Zur Frage, wie Grosstechnologie und Demokratie zusammenhängen, gibt es ein sehr schönes Zitat von Walter Boveri, wo er bei der ersten ordentlichen Generalversammlung der Reaktor-AG 1956 sagte: "Technische Entwicklung ist wohl eine Form von Zusammenarbeit, in ihrem Wesen ist sie jedoch immer undemokratisch!" Und da hat er in meinen Augen ein sehr wahres Wort gesprochen. Im Übrigen war zum Beispiel bis dann absolut keine Verfassungs- oder Gesetzesgrundlage, was man in der Schweiz da machte. Die Demokratie ist immer etwas, das eingeklagt werden muss, und das nachträglich kommt.

00:37:27 Und das ist eines der Hauptprobleme, die Zeitverzögerung, die sich da nachher ergibt. Die technische Entwicklung ist immer voraus, wenn sie dann in die Gesellschaft hineintritt, schafft sie Probleme, welche dann zuerst identifiziert werden müssen, es braucht eine neue Lobby, die von unten kommt, die das reklamiert, was jetzt da an neuen Gefahren käme, und dass man da etwas machen müsse, und nachher kommen erst nehe Verfahren, politische Verfahren, die irgendwie versuchen damit umzugehen. Nachher kommen immer wieder die Störfeuer der Experten, die sagen, "Wir haben alles im Griff", aber die Demokratie hinkt in dem Sinn immer hintendrein. Wobei das auch in anderen Bereichen eigentlich das gleiche ist. Also die Demokratie ist in meinen Augen immer ein nachträgliches Einklagen der Betroffenen, wo dann aber neue Verfahren entwickelt werden müssen, um das in den Griff zu bekommen. Der sogenannte verantwortliche Politiker, der Bundesrat, der Regierungsrat, das sind in meinen Augen nur Platzhalter in diesem Prozess, die einfach, wenn sie wiedergewählt werden wollen, wenn sie ihr Amt ausfüllen wollen, wie eine Schallplatte, die einen Kratz hat, immer wieder sagen müssen: "Ja wir haben alles im Griff!" Sie können ja nicht etwas anderes sagen, wenn sie ihren Platz ausfüllen wollen, aber sie spielen wahrscheinlich die kleinste Rolle in diesem ganzen Zirkus. Und umso vehementer muss von unten her auf die realen Probleme hingewiesen werden.

00:39:25 Aber es ist natürlich schon ein Problem für die Grosstechnologie, dass die Wirkungs-Folge-Zusammenhänge wahnsinnig aufgedröselt sind. Also wenn man hier etwas macht, zum Beispiel Strom konsumiert, dann wird das in Zusammenhang gesetzt mit dem AKW, und das AKW hat wieder einen riesigen Hintergrund an Wissenschaft, an Bürokratie, an Profitinteressen, und das hat wiederum einen geschichtlichen Hintergrund, und dann von dort nachher zum Politiker, der jetzt sagt, er trage die Verantwortung, ist nicht ein sehr weiter Weg.

00:40:09 Und dieses Aufdröseln stellt ganz neue auch ethische Probleme. Eine Nächsten-Ethik, wie sie in der Bibel steht, die eigentlich immer von der direkten Begegnung von dem der handelt und dem der etwas erfährt ausgeht; man dürfe jemand nicht töten, man dürfe nicht stehlen, nicht lügen, man müsse die Eltern achten usw., das ist immer in direkter menschlicher Begegnung, sind diese Gebote. Aber heute brauchen wir etwas völlig neues:
Eine Verantwortungs-Ethik, würde ich das nennen, die nicht mehr davon ausgeht, dass es in der direkten Begegnung schon die Wirkung hat von einer Handlung, sondern, dass es vermittelt ist, vor allem über die Grosstechnologie, über ganz viele Schritte, die vorausschauend diese Schritte erkennen können muss, und ein Stück Verantwortung nachher auch tatsächlich tragen können muss. Diese neue Ethik gibt es eigentlich erst in Ansätzen, Hans Jonas ist ein wichtiger Autor, andere, es gibt aber noch überhaupt keine politischen Instrumente, um so etwas realisieren zu können. Und da müsste man weitergehen, in meinen Augen.

00:71:32 Frage 8: "Strom ist das ganze Leben" woher kommt das?

00:42:56 Also wenn du jetzt diese Inserate der Elektrizitätswirtschaft anschaust, mit dem Spruch: "Strom ist das ganze Leben", dann fällt mir schon sofort ein, das was vor 30 Jahren einfach unter dem Titel "Atomzeitalter" an Verheissungen in die Welt gesetzt worden ist. Man hat damals wirklich eigentlich etwas völlig absurdes und uneinsichtiges gesagt, nämlich, dass jetzt eine unter ganz verschiedenen Technologien einfach derart ins Zentrum gestellt wurde, und gesagt wurde, eben, "Atomzeitalter", also wie das "christliche Zeitalter", also etwas ganz neues, das jetzt da in die Welt hinein komme, und jetzt alles revolutionieren werde, man sagte auch die "dritte industrielle Revolution", also ein gleicher Innovationsschub in der Wirtschaft, in der Gesellschaft, wie das zum Bsp. mit einer Stahl- oder Chemieindustrie der Fall war. Item diese ideologische Aufblasung einer Technologie findet in meinen Augen immer dort statt, wo besonders gefährliche und auch besonders militärträchtige Technologien da sind. Nicht vergeblich versucht man auch vom "Weltraum-Zeitalter" zu sprechen. Und die Elektrizitätswirtschaft, wenn sie jetzt diese Inserate macht, versucht in meinen Augen, an diese Rede vom Atomzeitalter, die man heute nicht mehr führen kann, anzuknüpfen, und wieder eine Grosstechnologie, die zunehmend als bedrohlich empfunden wird, jetzt durch eine Überhöhung und durch ein aufgeblasenes positives Gegenbild als besonders zentral und unentbehrlich nachher darzustellen.

00:45:12 Eben wie übrigens in meinen Augen auch in der Gentechnologie und auch mit einer Polarisierung. Also an dieser berühmten Konferenz von (Asyloma?) 1972 die die Gentechnologen einberiefen, und ein wahnsinnig schwarzes Bild an die Wand malten, also alles Gefahren, die mit Gentechnologie verbunden sind, haben die Gentechnologen selber formuliert, also Klonung und Eingriffe in die Erbmasse…, sagten sie, das sei alles ganz schlecht, "aber wir haben es im Griff, wir haben die Risiken erkannt, wir machen das Gegenteil daraus, und das wird uns aber dann in ganz neue Dimensionen hineinführen", und dann kam die ganze Rede, wie das eben wieder das überquellende Füllhorn von Möglichkeiten bieten würde, wie wenn nachher dann quasi die Existenz der Menschheit davon abhängen würde, dass man jetzt das Fach da belege.


00:46:25 Frage 9: Zivilschutz?

00:48:30 Also in meinen Augen hat in der ganzen Geschichte der Atomtechnologie-Entwicklung in der Schweiz der Zivilschutz eine ganz zentrale Rolle gespielt, und zwar dort, als es wirklich darum ging, am Ort von jedem Bürger, von jeder Bürgerin selber, von jedem einzelnen, dort wo er arbeitet, dort wo er zuhause ist, wo er zu tun hat, wo er Lebensmittel einkauft und konsumiert, ihm einzuhämmern, wie problemlos das Nukleare sei. Wo mit ganz einfachsten Verhaltensanweisungen, ein wenig putzen, ein wenig bürsten, ein wenig abdecken, ein paar Treppenstufen hinunter in den Keller gehen, eigentlich die Gefahr schon gebannt werden könne.

00:49:30 Dies wurde mit einem irrsinnigen Aufwand verbreitet. Mit Ausstellungen, die sich auch an Kinder wendeten, man schrieb zum Beispiel auch Zeichnungswettbewerbe aus, welche im Kanton Wallis und Fribourg von der Erziehungsdirektion verordnet wurden in sämtlichen Schulklassen, wo man das versuchte, in die Köpfe hinein zu trimmen, wie unbedenklich das alles sei. "Es ist eine grosse Gefahr!", das hat man gesagt, man muss ja schliesslich die Leute motivieren, tätig zu werden, aber man hat nachher sofort gesagt, "Wenn ihr das und das mach, zusammen mit dem Zivilschutz, dann ist das Problem gelöst". Und diese Lebenslüge, diese riesige Verharmlosung der Gefahren, hat wahrscheinlich zu einer Verzögerung des Widerstandes gegen das Zeug geführt, und ist noch heute eine der verschiedenen Strategien dieser Vogel-Strauss Politik, die wir täglich erleben.

00:50:37 Frage 10: Hat die Verharmlosung jetzt inzwischen eine Korrektur erfahren im Zivilschutz?

00:50:50 Eine Korrektur kommt in meinen Augen eigentlich so zustande, dass eigentlich erst seit einer relativ kurzen Zeit, nämlich seit anfangs 80iger Jahre jetzt tatsächlich eine grosse Mehrheit der zivilschutzpflichtigen Männer in Kurse eingezogen worden. Und diese Leute werden jetzt in diesen Kursen mit diesem Blödsinn konfrontiert, und ich glaube, das ist die beste Antipropaganda gegen den Zivilschutz, die wir haben, diese Kurse, die auf einem derart niedrigen Niveau sind, wo derart unflexibel immer noch die alten Sprüche verbreiten, wo einfach der Wissenstand auch in der breiten Öffentlichkeit an einem ganz andern Ort ist, und dass man das überhaupt nicht mehr abkauft. Und jetzt auch an der Urne, wo der Zivilschutz an den verschiedensten Orten einen Denkzettelbekommen hat, indem diese Bunkerprojekte gleich scharenweise abgelehnt werden vom Stimmbürger und der Stimmbürgerin.

00:53:13 In dem Sinn bin ich eigentlich sehr optimistisch, aber der Zivilschutz selber reagiert mit Abwehr, mit Beharren auf den alten Sprüchen, was mir als Gegner eigentlich nur nützen kann, denn er wird ganz schnell noch den letzen Kredit verlieren, den er noch hatte.

00:52:51 Frage 11: Zusammenfassung

00:52:57 Also die heutigen fünf AKWs haben eine Vorgeschichte, die eigentlich zurückgeht auf Hiroschima und Nagasaki. Unmittelbar nach dem Atombombenabwurf der USA auf die beiden japanischen Städte, wurden innerhalb des Militärdepartements Stimmen laut, die sagten: "Das müssen wir auch haben!" Und schon im November 1945 wurde die sog. Studienkommission für Atomenergie gebildet, deren Präsident Paul Scherrer war, ein ETH-Professor mit einer ganz grossen wissenschaftlichen Kapazität. Und mit einem Ettikettenschwindel sind aus Arbeitsbeschaffungsgeldern die ersten grossen Investitionen getätigt worden. Man musste nachher vor das Parlament, weil das Finanzdepartement nicht bereit war, ohne einen 15 Parlamentsbeschluss mitzumachen. Und der damalige Chef des Militärdepartements, der Kobelt hat auf den Knien praktisch die Parlamentarier beschworen, es gehe nur um die friedliche Nutzung, sogenannt, der Atomenergie. In Tat und Wahrheit hatte er im Februar 1946 die geheimen militärischen Richtlinien für die Studienkommission für Atomenergie unterzeichnet, die ihr den klaren Auftrag erteilt hatte, die schweizerische Atombombe zu erforschen und möglich zu machen.

00:54:35 Auf dieser Grundlage war ca. 10 Jahre lang gearbeitet worden. Es war eine Art militärisch-wissenschaftliche Allianz, die erstmals dann 1954, als man zum ersten Mal eine grössere Menge Uran importieren konnte, nachher die Industrie dazu trat, und ihre Profitinteressen anmeldete. Auf Betreiben von Walter Boveri, dem Verwaltungsratspräsidenten der BBC wurde nachher die Reaktor AG gegründet, in Würenlingen, die das Ziel hatte, einen eigenen schweizerischen Natururan-Reaktor zu entwickeln, eine Technologie, die militärisch besonders interessant ist.

00:55:23 Eigentlich merkte man dann schon sehr schnell an den irrsinnigen Kreditüberschreitungen, dass das Projekt eine Schuhnummer zu gross war für einen Kleinstaat, wie das die Schweiz ist, und die BBC stieg bereits 1959 endgültig aus dem Projekt aus. 1960 schenkte man den ganzen Laden sogenannt dem Bund, das heisst, der Bund musste seitdem allein die Kosten tragen der Forschung und Entwicklung der Atomenergie, mit einer Ausnahme: Sulzer wollte noch ein Folgeprojekt in Lucens, in einer Felskaverne, wo nachher 1969 durch einen grösstmöglichen Unfall, einer totalen Kernschmelzung das sich selber stillegte, und das strahlt jetzt seither fröhlich vor sich hin.

00:56:25 Aber auf dieser Grundlage wurde dieser riesige wissenschaftliche, bürokratische, industrielle Apparat, Filz aufgebaut, wo nachher die Elektrizitätswirtschaft, die bisher völlig unbeteiligt war, an diesem Prozess, und mehr als desinteressiert, also immer wieder versucht hat, zu sabotieren, sogar, nachher 1964 völlig überraschend, und damals auch als Folge eines massiven politischen Druckes vom Bundesrat her, nachher plötzlich auf die Idee einstieg, sie wolle jetzt auch AKWs, die gepostet hat im Ausland, was eine grosse Enttäuschung war für die Industrie. Und zwar grad alle miteinander, also 10 AKW-Optionen, und sogar richtige Bestellungen sind in diesem 1964 dann gekommen, und das wäre nicht denkbar gewesen ohne diese Vorgeschichte, denn dort wurde diese wissenschaftlich-bürokratische Infrastruktur nachher geschaffen worden, wo nachher die Elektrizitätswirtschaft darauf aufbauen konnte.

00:57:39 Frage: Atommüll?

00:57:54 Interessanterweise ist jetzt, was das Atommüllproblem anbelangt, dass von Anfang an völlig bekannt gewesen ist in den Wissenschafterkreisen. Also der Paul Scherrer hat an der konstituierenden Sitzung der Studienkommission für Atomenergie mit aller Deutlichkeit auf das Atommüllproblem hingewiesen, und hat gesagt: "Das ist nicht gelöst, also wenn man einen Reaktor in Betrieb setzt, dann entsteht Plutonium, es entstehen zahlreiche weitere künstliche Elemente, die strahlen wie verrückt, und wir haben keine Ahnung, was man damit machen soll." Das hat er gesagt, aber er hat es nachher gewendet als ein neues Argument, um eigentlich noch weitere Forschungsgelder lockermachen zu können. Er hat gesagt: "Das ist ein Problem, wenn ihr uns weitere Forschungsgelder zur Verfügung stelle, dann werden wir das schon lösen. Und so hat sich das dann hingezogen, und real gemacht hat man eigentlich überhaupt nichts, aber man hat einfach immer gesagt: "Wenn wir genug Kredit bekommen, dann bekommen wir das dann schon in Griff." Aber eigentlich erst sehr spät, ich würde sagen, erst ab ende 60iger Jahre ist das nachher ein politisches Problem geworden, wo man in der Öffentlichkeit nachher auch als solches erkannt hat, und man reklamiert hat, man sollte da etwas machen.

00:59:25 Frage Nagra? Die Nagragründung kommt sehr spät, oder mindestens eine grössere Tätigkeit der Nagra und jetzt als Bedingung jetzt für den Betrieb von AKWs wurde das ja dann erst 1978 nachher ins Atomgesetz eingefügt.

01:00:27 Ende V-53

ZitationsvorschlagVideo: Murer, Fredi M./F 9103-53
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