Dr. Martin Walter, Arzt, Grenchen
00:02:10 Martin Walter: In der GK, das ist die "Gesamtschweizerische Konferenz für die Stilllegung der Atomanlagen" sind wir, das ist ein Büro, da hocken die Atomgegner-Organisationen einmal oder zweimal, einmal im Monat zusammen, und besprechen, was jetzt dann mit der Initiative läuft und so, und dort gab es einmal ein Thema: Kann man sich darauf einigen, dass man ab sofort fordern solle, einen Stopp für Bewilligungen für die Nagra, also, dass die Nagra sofort aufhören solle zu bohren und zu forschen, nämlich solange, bis sämtliche Atomanlagen stillstehen.
Da sagte ich, das könne man nicht, das ist für mich nicht möglich, das sei nicht denkbar. Wir haben bisher so viel produziert an Müll und an Abfall, dass diese Forderung für mich politisch unmöglich ist. So ging es.
00:03:10 Fredi: Also eine Notwendigkeit!
00:03:13 Diese Notwendigkeit drängt sich uns auf, das haben wir gemacht, wir sind, auch die die dagegen waren, sind wir mitverantwortlich, dadurch dass wir mitkonsumiert haben. Schlussendlich müssen wir probieren, diese Probleme mittragen zu helfen. Aber das Endlager-Konzept ist ein Verdrängungskonzept, so ist es.
00:03:36 Fredi: Wiederholung der Frage
00:03:49 Das Endlagerproblem, diese Vorstellung, etwas definitiv zu lösen, ist für mich psychologisch gesehen als Doktor ein Verdrängungsproblem. Man macht ein tiefes Loch in die Erde und versorgt dorthinein ein Problem, das ein riesen Problem ist. Das macht man psychologisch im Leben immer wieder, aber je grösser das Problem ist, das man verdrängt, desto mehr stört das später im psychischen Leben, im Leben überhaupt, man wird neurotisch, wenn man zu viele Probleme einfach verdrängt und auf die Seite steckt und nie mehr ein Problem löst, dann wird man neurotisch und krank. Es kann zur Selbstzerstörung führen in einem individuellen menschlichen Leben.
00:03:55 Was wir dort machen mit dieser Endlagerung, das ist für mich nichts anderes als verdrängen. Das ist für mich, der nichts versteht, oder wenig versteht über die Geologie, kann das nur falsch herauskommen. Man kann nicht derart grosse Probleme einfach verlochen in der Erde und meinen, es sei gelöst, nachher, das Problem. In späteren Generationen kommt das wieder herauf... Nehmen wir die Erde als Lebewesen, unser ganzes Biotop Erde als Lebewesen, das geht kaputt an solchen Sachen, das kommt wieder herauf, das holt uns ein, irgendeinmal, die Erde wird krank daran, und das haben wir verursacht. Für manche Generation kann es gut gehen, und plötzlich kommt es und ist da und ist nicht mehr lösbar, und zerstört uns. Für mich ist das der Zugang zum Problem, wie man es löst keine Ahnung, keine Ahnung! Aber es gibt eben unlösbare Probleme, und wir dürfen nicht die Probleme, die nicht lösbar sind und nicht lösbar scheinen noch vergrössern jetzt. Für mich ist klar, der erste Schritt zur Problemlösung ist aufhören damit, dringend aufhören! Und nachher sollten wir ganz ruhig miteinander zusammensitzen, mit weniger Hochglanzpapier, und probieren, an die Probleme heranzugehen. Aber wie weiss ich nicht. Wahrscheinlich weiss es noch niemand.
00:06:36 Fredi: allgemeines Gemurmel
00:07:26 Wir haben vom Endlagerproblem geredet, das ist eine Facette dieses ganzen Problems. Es gibt das Wiederaufbereitungsproblem, es gibt die ganze Technologie, wo man die Fantasie hat vom schnellen Brüter, wo nachher die 30 Jahre, die wir jetzt zur Verfügung haben, wo wir Atomenergie produzieren können, man ungefähr versiebzigfachen könnte, indem man den schnellen Brüter macht. Das kam aus einer total falsch verstandenen Hybris heraus, wo sich abzeichnet jetzt, dass das nicht geht. Der schnelle Brüter Superphoenix in Malleville läuft nicht, es ist kein Brüter-Konzept mehr, weil ein kleines Haarnadelrisslein hat Natrium austreten lassen in einem unkritischen Bereich, das einfach verunmöglicht hat, dass man diese Brennstäbe rechtzeitig herausnimmt, damit man schnelle Brüter-Prozesse, also dass man Plutonium in grossen Mengen machen kann.
00:08:31 Wackersdorf wäre ein Baustein gewesen, eine Wiederaufbereitungsanlage in Deutschland für eine schnelle Brüter Technologie, Kalkar in Deutschland. Wackersdorf war aus wirtschaftlichen Interessen nicht möglich. 2,4 Mia
DM sind ausgegeben worden bisher für den Anfang dieses Baus. Davon sind 53 Mio DM ausgegeben worden, um die Anlage vor der Bevölkerung, vor der wütenden Bevölkerung zu schützen, für Polizeieinsätze. 53 Mio DM sind ausgegeben worden für die Aufrechterhaltung des Rechtsstaates in einer beginnenden Plutoniumwirtschaft drin.
00:09:21 Kalkar, wo heute jeder, auch Befürworter der Kerntechnologie überzeugt ist, dass es nie anlaufen wird, sind 10 Mia DM ausgegeben worden. Es ist auch ein wirtschaftlicher Suizid, den wir begehen, wenn wir weitermachen. Auch ein wirtschaftlicher Suizid, es ist nicht nur... Dort ist die Tragbarkeit, da das Risiko, da der Effekt, der Nutzen, wir haben ja gar keinen Nutzen. Es ist vorbei! Die Fantasien sind erledigt!
00:10:00 Fredi: Die Einsicht setzt sich durch, es wird noch so getan...
00:10:16 Der schnelle Brüter, den Reagan noch bauen wollte, der ist… Man hatte Angst, die Amerikaner würden es doch noch machen, sie haben ihn nicht gebaut.
00:10:28 Fredi: Chancen für Atomstrom mittelfristig, langfristig?
00:10:42 Also meine Bekannten jetzt, ich habe mit Thomas Flüeler letzthin geredet, von der Schweizer Energiestiftung, der sagte zu mir, er glaube nicht, dass je einmal ein grosser, das darf man aber nicht senden, ein grosser Beschluss gefasst werden wird, der einschneidend ist. Aber der Ausstieg ist schon klar besiegelt, der kommt kalt über den wirtschaftlichen Mechanismus. Aber so ein wenig resignativ, mit der nächsten Volksabstimmung schaffen wir es wahrscheinlich nicht, aber es gibt, es passiert, der Ausstieg ist besiegelt.
00:11:33 Fredi: Also von der wirtschaftlichen Seite her?
Von der wirtschaftlichen Seite her, ja. Also ich hoffe immer noch, dass wir gewinnen. (Durcheinander geredet)
Fredi: Wann kommt die Initiative?
00:13:32 Also es hat zwei Aspekte, der eine war, dass Ledergerber meinte, er könne noch verhindern, dass beide miteinander zur Abstimmung kommen, oder dass diese unglückliche Situation, wo man den Leuten sagt, da stimmst du ja und da nein, und dass es nachher Verwechslungen gibt und so. Das ist nicht gelungen. Irgendeinmal hat der etwas ausgegraben in Bestimmungen, Verfahrensart, verfahrenstechnischen Bestimmungen, man dürfe nicht gleich zwei Sachen miteinander abstimmen, das ging offenbar nicht. Also die beiden Initiativen kommen miteinander, und zwar Ende 1990, Angangs 1991 möchte es Ogi machen. Und so wie man in letzter Zeit gehört hat, wird das dann sein, also Ende 90, Anfangs 91.
00:14:18 Nachher gibt es, das ist eine ganz heisse Sache, nachher möchte man mit der Moratoriums-Initiative den Ausstieg, nicht. Soll man die jetzt opfern, Euler sagt, auf keinen Fall, weil die Ausstiegs-Initiative der SP habe überhaupt keine Chance allein. Und die andere Moratoriumsinitiative hat eine Chance, dass sie angenommen wird, und bedeutet quasi Ausstieg.
00:14:42 Fredi: …
00:14:52 Und ich glaube eigentlich, die könnte angenommen werden, und es könnte tatsächlich so herauskommen, dass bis dann die Probleme so offensichtlich werden, bis in 10 Jahren, dass man dann aufhört. Nicht. Die ganze amerikanische Waffenproduktion scheiterte an der Bevölkerung, dass die noch weitergeführt werden könnte. Es gibt kein atomarer Reaktor, kein Brutreaktor mehr, der im Moment Plutonium macht, sie können nicht mal mehr Tritium machen, weil die Umweltverschmutzung um diese Reaktoren herum derart augenfällig und gross ist, dass sie aufhören müssen. Nicht einmal das Material des Bombenbaus der ersten drei Bomben, Trinity, Little Man, eh (durcheinander geredet) Little Boy und Fed Man, nicht einmal das ist versorgt, das kann man heute noch anschauen, es sieht aus wie Gaswerke, wie die alten Stadtgaswerke, so verpackt, und läuft so langsam in die Umgebung hinaus, das Zeug. Nicht einmal das ist versorgt. Und keiner dieser Reaktoren ist noch sicher genug, als dass man sie noch anlassen dürfte. Und ich habe das Gefühl, dass wenn man 10 Jahre bremst jetzt, dass es dann auskommt, dass das nicht besser ist, was wir hier machen. Und das sind die Gefühle.
00:16:19 Fredi: Wann wird der erste Reaktor abgestellt?
00:16:27 Die Deutschen haben einen abgestellt und sind am Entsorgen. Es kommt unwahrscheinlich teuer. Ich weiss nicht mehr welchen. Der lief glaub ich etwa, ja ich weiss nicht mehr, ungefähr ein halber Monat lief der, und jetzt sind sie daran, eine Technologie zu entwickeln für den Abbruch. Dann wird … abgestellt, da sind noch juristische Geplänkel, das ist der Hochtemperatur Reaktor mit der Kugelhaufen-Reaktor, das sind Graphitbälle, wo das Uran drin versorgt wird, wo sie umgelagert werden, und wo das EIR etwa 80 Mio gespendet hat für die Entwicklung der Technologie, und die Brown Boveri riesig viel Geld investiert hatte dafür. Das war der Zukunftsreaktor …, wo man gedacht hatte, das sei der Weg, ich verstehe es technisch zu wenig, aber das ist der Weg, wie man diese Atomenergie machen kann in Zukunft. Das sind auch die kleinen Module, die systemimmanent sicher sein sollen, die man als Heizreaktoren über ganz Europa verstreuen wollte. Das wäre einfach ein wirtschaftlicher Weg gewesen, diese Atomindustrie weiter zu betreiben. Dort ist, glaube ich, das ist einer der wichtigsten Ausstiege, und ich glaube jetzt kommen in Deutschland, also Staden wird nächstens kommen, und ... Ich glaube jetzt werden wir in nächster Zeit in Deutschland sehen, wie einige zugehen und aufgegeben werden. Das kommt jetzt, aber einer der ersten, ich kann dummerweise den Namen jetzt nicht sagen, ist stillgelegt, und man geht daran, den abzureissen und zu entsorgen.
00:18:11 Fredi: Kosten ...
00:18:14 Sehr hoch sind. Die kWh Entsorgung hat man in Deutschland 3,5 Pfennige gerechnet pro kWh, und mir hat ein Physiker, aber von den alternativen Seite, also von der Gegnerschaft, die aber in Deutschland sehr, sehr vorsichtig sind, mit dem, was sie sagen, weil das wichtigste ihre Glaubwürdigkeit ist, sagte, dass man damit rechnen könne, dass es 35 Pfennige sein werden. Wenn wir jetzt rechnen, dass wir die kWh, im Moment bezahle ich glaube ich 18 Rp, und 3,5 Rp sind gerechnet für Entsorgung, also müsste man auf 15 Rp 35 draufschlagen, dann wird es ganz klar, dass dann Strom nicht mehr das ganze Leben ist. Dann wird es zu teuer.
00:19:08 Fredi: Im Moment keine Alternativen in Sicht?
00:19:31 Also mich hat es gedünkt, ich habe den Vizedirektor des Energiewirtschaftsdepartements getroffen, am Samstag vor einer Woche, er hielt einen Vortrag. Jetzt auch wieder, gefühlsmässig denke ich, dass die einsehen, dass es der falsche Weg ist, die Option Kernenergie, aber das ist jetzt noch eine Frage des Gesichtsverlustes. Also ich habe mich darauf auf einen sanfteren Umgang mit den Leuten eingestellt, dass man sie nicht zu fest plagt, weil die Fronten sehr hart werden müssen, wenn man sie zu fest plagt.
00:20:11 Fredi: Psychologisch ist es gescheiter ...
00:20:16 Den Approach, den Sie machen, den finde ich gut. etc.
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