Regierungsrat des Kantons Nidwalden
Leuthold Bruno, Landammann, Stans
Waser Hugo, Regierungsrat, Stansstad
Käslin Hans-Peter, Regierungsrat, Beckenried
00:00:33 Leuthold: Ich habe trotzdem noch eine kleine Ergänzung zum vorherigen Thema, die philosophische Frage, wie kann die Entwicklung weitergehen. Persönlich bin ich überzeugt, dass wir die ganze Entwicklung auf allen Lebensbereichen, wo wir jetzt drinstecken, nur bewältigen können in der Zukunft, wenn jedes einzelne Individuum bereit ist, sich Einschränkungen aufzuerlegen. Freiwillig habe ich Mühe, daran zu glauben. So leid es einem tut, das festzustellen müssen, glaube ich, dass Sachzwänge nötig sein werden, um die Verhaltensänderung herbeizuführen.
Fredi: Definition Gewähr?
00:02:04 Leuthold: Aber da müssten Sie doch die Bundesinstanz, also da ist vor allen Dingen das Bundesamt für Energie ist da die Instanz, die das Projekt Gewähr auch erarbeitet hat, und dem Bundesrat unterbreitet hat, da möchte ich jedenfalls nicht sagen, ich sei kompetent.
Fredi:
Man sagt, Gewähr sei gegeben?
00:02:34 Waser: In einer Kurzfassung heisst das, dass Gewähr gegeben sei für eine sichere Endlagerung für schwach- und kurzlebige oder mittelradioaktive Abfälle. Für das ist die Gewähr gegeben, hingegen ist Gewähr noch nicht gegeben, für die Entsorgung von hochradioaktiven Abfällen und langlebigen mittelradioaktiven Abfällen.
Fredi: Wie ist der Stand punkto Wellenberg als Alternative?
für mittel- und langlebige Abfälle?
00:03:18 Das ist ganz eindeutig abgelehnt worden von uns, und die Nagra hat ja auch darauf verzichtet, diese Komponente weiterzubearbeiten, und der Bundesrat hat es ja auch ganz klar abgelehnt.
Waser: Also heute sollten nur noch kurzlebige radioaktive Abfälle da hinten versorgt werden, wenn also das kommt. Und die langlebigen mittelaktiven werden nicht mehr gekoppelt mit so einem Endlager, sondern die werden nachher gekoppelt mit einem Lager für hochradioaktive Abfälle.
Ein Durcheinander
00:04:28 Käslin: Ja wegen den Experten muss man sagen, wir maßen uns ja nicht an, dass wir alles zusammen verstehen, sondern wir müssen da sach- und fachverständige Leute zuziehen, die ein objektives Urteil abgeben können, und uns beraten. Und wir haben es vorher schon gehört, da entscheidet der Bundesrat, gestützt auf seine Experten, und nur im Vernehmlassungsverfahren haben wir vom Kanton aus Geologen, Hydrologen, Physiker und Juristen zugezogen, die uns im Vernehmlassungsverfahren beraten haben. Und allgemein wurde uns assistiert, nicht nur damit das Vernehmlassungsverfahren sehr gut ist, sondern man hat sich grundsätzlich damit abgegeben, und ich habe gefunden, man sei ziemlich in die Tiefe gegangen und hat ziemlich viel erwähnt. Also das ist allgemein gut aufgenommen worden, das darf man sagen, sondern man hat einfach das Gefühl gehabt, die Landsgemeinde habe die Meinung, wenn man diese Vernehmlassung ablehne, dann sei einfach der Wellenberg aussen und weg, und käme nicht mehr aufs Tapet, was eigentlich falsch ist, und in dem sind eben, wie es der Landammann bereits schon gesagt hat, dort sind die Landsgemeinde-Bürger, die jetzt das Gefühl haben, wir hätten etwas entschieden, das sie doch nicht entschieden haben. (Fast nicht verständlich!)
00:05:33 Fredi: Ist die Mutter der Weisheit die Vorsicht oder das Risiko?
00:07:42 Käslin: Ja ich persönlich hatte jetzt die Meinung, man müsse beides anschauen, man muss vorsichtig sein, und eine gewisse Hoffnung darf auch bestehen, und ich meine einfach, jedes Zeitalter hatte gewisse Schwierigkeiten, man konnte sie überwinden, und ich habe einfach gewisse Hoffnungen, dass auch unser Zeitalter diese Schwierigkeiten überwinden kann. Und es ist halt wieder falsch, wenn man nur auf Pessimismus geht und Angst macht, die Welt muss einfach weitergehen. Ich meine wir hatten ja nie mehr Leute gegenwärtig, die studieren können, die die Wissenschaften betreiben können, die ein Wissen haben, das noch nie da war, wie heute. Deshalb bin ich einfach zuversichtlich, dass die Wissenschaft ganz sicher etwas bringen wird. Aber jedes hat natürlich seine Gefahren, das ist ganz klar, jede Sache hat beide Seiten, Sonnen- und Schattenseiten, und ich meine, im Prinzip sollte das andere wieder überwiegen.
00:08:34 Leuthold: Ich kann vielleicht auch noch von meiner Sicht eine Ergänzung machen. Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass das technisch Machbare, das meistens ja als sehr sicher hingestellt wird und präsentiert wird, schwer erschüttert wird laufend durch gewisse Ereignisse, und dass unter diesen Gesichtspunkten nicht nur gewisse, sondern grösste Vorsicht am Platz ist, das ist für mich keine Frage und steht für mich fest. Anderseits dürfen wir jetzt aber auch nicht so weit gehen, dass wir jetzt an der Wissenschaft und am technischen Machbaren, das die Wissenschaft ja laufend produziert und hervorbringt, einfach nun in jeder Beziehung negativ gegenüberstehen, und Sie haben von Glauben geredet. dass man da überhaupt nicht mehr glaubt. Sonst muss ich Ihnen dann die Frage stellen, Sie sind doch sicher auch schon in einem Flugzeug gesessen, Sie sind doch sicher auch schon in einem Seilbähnchen gesessen. Sie sind doch sicher, fahren Sie auch Auto auf der Strasse, usw. und so fort? Was machen wir, wenn wir ins Flugzeug hineinhocken, legen wir uns ohne Vorbehalt und unser Leben in das technisch Machbare. Und wenn wir das nämlich konsequent durchdenken wollten, diese negative Haltung, würde ich mir dann wirklich diese Frage stellen. Wie geht das Leben weiter? Müsste ich an meinem eigenen Leben bez. an der Zukunft, an meiner, müsste ich doch verzweifeln, absolut verzweifeln, wie leider heute eben, und das ist vielleicht die tragische Nebenkomponente dieser Diskussion, die wir jetzt da führen, viele Leute verzweifeln und nicht mehr wissen, wie es weiter geht.
00:10:38 Waser: Ich glaube, es braucht ja den Glauben an die Zukunft, auch den Glauben an den Fortschritt und an die Wissenschaft, sonst hätten wir ja nicht den heutigen Wohlstand, wie der Landammann ja schon darauf hingewiesen hat, und Forscher haben immer wieder Mittel gefunden, um Auswüchse beseitigen zu können. Ich meine die ersten Eisenbahnen, die ersten Autos oder Flugzeuge waren auch noch nicht so sicher wie die heutigen, und ich glaube, einen gewissen Fortschritt, das braucht es, damit der Mensch noch seine Daseinsberechtigung hat, es lautet ja die biblische Losung, Sie haben das auch erwähnt, "macht euch die Erde untertan!" Ich meine, wobei ich ja nicht dem ungestümen Wachstum, das wir die letzten Jahrzehnte gehabt haben, das Wort predigen will, sondern in Zukunft kommt ja mehr, man redet ja davon und schreibt vom qualitativen Wachstum. Also da ist in dem Sinn der Fortschritt, dass man also versucht, mit diesen Ressourcen, die ja die Welt hat, mit denen sparsam versucht umzugehen, und der Prozess ist ja voll im Gang, also wenn sie heute einen Fernsehapparat oder ein Aufnahmegerät anschauen, hat das ja nicht mehr die Dimensionen, die es vor 20 Jahren gehabt hat, also es braucht weniger Material, also die Miniaturisierung ist eine Art dieses Fortschrittes, von diesem qualitativen Fortschritt.
00:12:40 Fredi: Historische Dimension?
00:15:17 Leuthold: Die Frage würde sich für mich stellen, wenn wir hier von hochradioaktiven und langlebigen Abfällen reden würden, das ist aber nicht der Fall, wir reden hier von mittel-und schwachradioaktiven, kurzlebigen Abfällen, und da rechnen wir glaube ich mit Grössenordnung von 50 bis 100 Jahren, dass die Auswirkungen noch so stark sind, dass sie noch für den Menschen und das Tier wirklich schädlich sind. Bis sie dann restlos abgebaut sind, geht es natürlich noch einiges länger.
00:16:07 Fredi: Halbwertszeit…
00:16:11 Leuthold: Aber eben, wir reden hier noch über überblickbare Räume bei unserm Projekt. Das andere, das Sie ansprechen, das ist sicher etwas, was Politiker und Wissenschafter, und alle, die Verantwortung tragen, in zunehmendem Masse interessieren muss und auch engagieren. Das Projekt Gewähr, worüber wir heute auch schon geredet haben, existiert ja noch nicht für die Kategorie von nuklearen Abfällen, von hochradioaktiven, existiert ja noch nicht, da sind wir ja sehr, sehr gespannt, was dabei herauskommt, aber ich könnte mir ja gern und gut vorstellen, dass das noch Jahre dauert, bis man da Wege gefunden hat. Aber dass es eine Verpflichtung ist von 5 allen, die da Verantwortung tragen, das ist nicht in Frage gestellt. Es ist aber auch eine Verpflichtung des Konsumenten, sich darüber Gedanken zu machen, und allenfalls eben auch sein eigenes Verhalten entsprechend zu ändern versuchen.
00:17:29 Käslin: Ich selber kann mich voll der Antwort des Landammannes anschliessen, wir sprechen hier drinnen eben von einem Zeitpunkt von 30 bis 50 Jahren, wo eine gewisse Gefahr bestehen solle, und nicht von anderen Sachen. Man muss das einfach immer vor Augen halten, dass wir eben von schwach- und mittelradioaktiven Abfällen reden.
00:17:50 Waser: Bei der Thematik kann man ja sagen, dass das Projekt Gewähr der Nagra vom Bundesrat das letzte Jahr verabschiedet wurde, d.h. also, dass die sichere Endlagerung von schwachradioaktiven Abfällen gehe, dass kein besonderer Überwachungs-Aufwand erforderlich ist, und dass auch für unsere Kinder und Kindeskinder kein Gesundheitsrisiko besteht, sonst hätte er ja das Projekt nicht verabschieden dürfen. In dem Sinn habe ich auch das Vertrauen in die Fachleute, die vom Bundesamt für Energiewirtschaft, respektive vom Bundesrat hier beigezogen wurden.
00:18:47 Fredi: Strom ist das ganze Leben?
00:19:48 Waser: Ich meine, dazu kann ich als Energiewirtschaftsdirektor 6 sagen, dass ja heute schon sehr viel gespart wird. Es wird mehr gespart, als man denkt. Ich meine, da könnte ich Ihnen zig Beispiele sagen. ich meine, allein auch der Kanton spart Energie, indem doch eine Reihe von Energiesparmassnahmen beschlossen und auch durchgeführt wurden. Ich denke an die Sanierungen der Bauten, die 20 Jahre alt sind. Wir haben ein Energiekonzept für das Spital entwickelt, für die Gewerbeschule entwickelt. Man hat zum Teil Alternativ-Energien eingesetzt, ich denke an Holzschnitzelfeuerungen. Wir haben in unserem Kanton das dichteste Netz von Wärmepumpen, also Grundwasserwärmepumpen, also 2/3 der Energie kommt aus der Nutzung von Grundwasser. Wir haben über 100 Anlagen in unserm Kanton. Das zeigt doch auf, dass der Bürger sparen will. Er nimmt grössere Investitionskosten in Kauf. Er könnte eine Ölheizung hineintun, das käme ihn etliches billiger. Es gibt heute Private, die also ohne staatlichen Zwang solche Anlagen anschaffen, also nicht nur die Gemeinden und der Kanton, sonst hätten wir nicht so ein dichtes Netz. Und ich glaube, gerade auch mit den Reklamen, mit dem Aufruf zum Sparen, ich erinnere an die Aktion des Bundesrats für Energiewirtschaft "Bravo", oder, wird doch das Volk je länger je mehr sensibilisiert. Und Sie können ja heute solche Aufrufe, wie man sparen könne fast in jedem Heftli, in jeder Zeitung lesen. Ich glaube, es wird befolgt, weil es doch auch ans Portemonnaie geht jedes einzelnen Bürgers, er muss weniger auslegen für die Energie.
00:22:05 Fredi: Ist das eine Kampagne zum Sparen?
00:22:12 Waser: Ja also da bin ich jetzt auch nicht überzeugt, dass es zum Sparen beiträgt, sondern, ich glaube, mit dem will man einfach aufzeigen, wie wichtig die Energie sei. Aber es wäre also, wenn Sie mir das jetzt sagen, dass dieser Slogan eher animiere, zum Strom brauchen, zum noch mehr Strom brauchen, dann schaute ich die ganze Werbekampagne für falsch an, wenn man es so verstehen müsste, aber ich weiss nicht, wie das der Grossteil des Volkes versteht. Ich glaube, mit dem will man zeigen, dass es elektrische Energie in allen Lebensbereichen braucht, also dass es in dem Sinne die Pulsader ist, für die Industrie, für das Gewerbe, für die Dienstleistungen, für alle, die beruflich tätig sind, dass es aber auch diese Energie braucht in der Freizeit, wenn man nur denkt, da die grossen Freizeitparks, die da in den letzten Jahren entstanden sind, das sind Energiefresser, und die werden ja enorm benutzt.
00:23:27 Käslin: Oder wie ist es mit den ganzen Einkaufszentren mit dem ganzen künstlichen Licht den ganzen Tag? Die hat man in einer Zeit gebaut, wo man dachte, man wolle alles zusammennehmen, was aber beim Stromverbrauch das Gegenteil bewirkt. Man hat das gefordert, die sind einfach automatisch gekommen, oder, praktisch. Das Kleingewerbe hat Schwierigkeiten bekommen und man ist ins Zentrum gegangen. Und das ist der gegenwärtige Trend, der ist heute noch da, und die brauchen wirklich auch Strom und wieder Strom. Oder denken Sie doch an die Verwaltung, wenn da ein Stromausfall ist, kann die ja kaum mehr arbeiten… die Schreibmaschinen laufen nicht mehr, die Computeranlagen laufen nicht mehr, es ist schon einfach wahnsinnig, was wir gemacht haben. Oder jetzt wir haben vorher erwähnt von diesen Grundwasserpumpen. Dabei hat sich bereits schon die Frage gestellt, könnte das ökologisch gewisse Schwierigkeiten geben? Wir haben das abgeklärt, und es hat sich gezeigt, dass da keine Gefahr ist, aber man muss genau schauen, wo man das braucht, wo man das Wasser entzieht. Man entzieht ja Wärme, und kälteres Wasser geht hinein, und es könnte, eben wenn es natürlich in grossen Unmengen gemacht würde, doch gewissen Einfluss haben.
00:24:35 Leuthold: Ich weiss nicht so recht, was ich da noch beitragen könnte, aber es dünkt mich schon, dass Strom das ganze Leben ist, zum mindesten so wie wir leben. Ob die Absicht von diesem Slogan, um ein schönes Schweizerwort zu brauchen, wirklich die ist, dass wir mehr Strom brauchen, da bin ich nicht überzeugt, ich glaube, man will einfach damit auf die Bedeutung des Stroms im täglichen Leben hinweisen. Tatsache ist das, was der Kollega Waser gesagt hat, dass die Aktionen zum Energiesparen doch einen gewissen Erfolg zeitigen. Aber nach meinem Dafürhalten reicht das einfach nicht. Im besten Fall landen wir bei einer Stagnierung, und Stagnierung heisst für mich nach wie vor Kernenergie in grossem Umfang zu produzieren. Mit der Zunahme der Bevölkerung wächst der Verbrauch, der zu einem Teil, oder zu einem schönen Teil kann der durch Sparmassnahmen wieder kompensiert werden, also wir werden bei der Stagnation im besten Fall landen… aber um Probleme zu lösen, reicht das nicht. Ich habe vorhin gesagt, das brauchte von mir aus gesehen ein totales Ändern des Verhaltens eines jeden einzelnen. Und das wird freiwillig nicht möglich sein, da werden Sachzwänge nötig sein. Hingegen glaube ich nach wie vor, dass, und deshalb rede ich jetzt da ein Wort für die Forschung, dass es in der Forschung langfristig, kurz- und mittelfristig nicht, aber langfristig möglich sein sollte, andere Energie-Möglichkeiten zu erschliessen.
00:26:30 Leuthold: Ich darf zwei Stichworte nennen. Kernfusion. Das weiss man, dass es das gibt, dass es machbar ist, aber ob es einmal wirtschaftlich machbar werden kann, das weiss man nicht, aber das wäre eine Art von Produktion von Energie, die keinen Abfall produziert, und die schlagartig die Situation ändern könnte. Aber das wird Generationen brauchen, da müssen wir uns klar sein. Ich nenne ein zweites Stichwort, das sind Tiefenbohrungen. Wir wissen, dass wir jetzt Erdöl aus einigen 1’000 m aus dem Bodeninnern gewinnen, es laufen jetzt auch schweizerisch grosse Projekte, wo mit Tiefenbohrungen, wo wesentlich weiter, also einige km in den Boden hinein gehen, wo man denkt, dass man Erdwärme oder Produkte, die die Erde im Innern noch enthält, im grossen Stil gewinnen könnte, um nachher daraus Energie zu produzieren. Also langfristig müssen andere Mittel und andere Wege der Energieversorgung gesorgt werden oder gefunden werden. Es kommt dazu, dass auch das Erdöl, das man vergisst, dass es nach wie vor den grössten Anteil des Energiebedarfs abdeckt, dass diese Vorräte auch nicht unerschöpflich sind. Irgendwann und wo, auch wenn wieder frische Quellen gefunden werden, werden dann diese Quellen versiegen, und dann sind dann die Sachzwänge da. Und wenn bis zu dem Zeitpunkt nicht ganz andere Mittel und Wege gefunden worden sind, dann wird sich dann der Sachzwang schon einstellen, von dem ich da geredet habe.
00:28:24 Fredi: 3’000 tote Hühner im Kanton Aargau, Abschied.
00:30:31 Ende V-47-Regierungsrat
Marcos Buser, Geologe, Autor, Teil 2
00:30:55 Marcos Buser: Es gibt auch einen besonderen Aspekt bei der Endlagerung, die ja über zumindest bei den hochaktiven über 10'000nde von Jahren laufen wird, nämlich die Frage nach der Stabilität von gesellschaftlichen Strukturen. Auch diese Frage wurde nicht ausdiskutiert. Eine Gesellschaft, so wie wir sie aus historischen Prozessen kennen, war nie lange stabil. Es gab ständig wieder Umwälzungen, und wir wissen nicht, welche Umwälzungen unserer Zeit, die ohnehin sehr, sehr schnell dreht, folgen werden. Wir sehen heute plötzlich Umwälzungen in Staaten, wo wir den Eindruck hatten, sie seien vollkommen stabil und verkrustet, Sowjetunion und China. Das heisst aber auch im Bezug auf unsere westlichen Staaten, dass es möglicherweise gar nicht so weitergehen wird, wie wir es bisher gewohnt sind. Vor 50 Jahren hatten wir in Europa den Faschismus, und es ist durchaus denkbar, dass man innerhalb der nächsten Jahrhunderte, vielleicht sogar innerhalb der nächsten Jahrzehnte wieder politisch signifikante Umwälzungen hat.
00:32:01 Was passiert dann? Was passiert mit solchen Gefahren, gefährlichen Abfällen? Können die missbraucht werden? Sagen wir von Regierungen? Können die eingesetzt werden? Es ist nicht das erste Mal, wo Atomtechnologen daran denken, oder daran gedacht haben, radioaktive Abfälle als Waffen einzusetzen, und zwar als Granaten, die sie abschiessen von Tanks. Das ist ab 1949, mindestens soweit ich es dokumentieren kann bis 1977 von Militärstrategen diskutiert worden. Also die Frage der gesellschaftlichen Stabilität ist sehr zentral bei solchen Technologien. Von dort her ist auch mein persönliches Engagement sehr stark, aus dieser Überlegung möglichst rasch herunter, trotzdem mit einem möglichst sauberen wissenschaftlichen Vorgehen eine Endlagerstelle zu finden, weil wir wissen nicht, wie lange die Stabilität, die wir heute haben, tatsächlich halten wird. Ich finde das eines der zentralsten Anliegen, die man heute vertreten muss, auch an sich als Aufruf für alle Gegner und für alle Befürworter, sich klar zu werden, dass man mit diesen Abfällen nicht spielen darf.
00:33:28 Fredi: Strom das ganze Leben?
00:33:38 Strom ist für mich sicher nicht das ganze Leben, das könnte ich nicht sagen. Ich finde Strom sicher sehr zentral in unserer Gesellschaft, ich könnte heute auch nicht arbeiten, wenn ich nicht Strom hätte, meine zwei Apparaturen, Computer, Laserdrucker, Kopierapparat, usw. funktionieren mit Strom, ich denke, man kann es sinnvoller nutzen, und ich denke, man hat auch Alternativen. Ich finde den Menschen unglaublich kreativ, und ich verstehe auf eine Art nicht, warum gerade diese Technologie, die derart komplex ist wie die Atomtechnologie, die immer darauf beharrt, dass sie die einzige Alternative sei. Ich glaube heutzutage stehen viele, viele Möglichkeiten offen, aber es gibt zwei grundsätzliche Wege, die die Menschheit beschreiten kann, und die an sich immer, auch in der historischen Debatte zur Diskussion standen. Den harten Weg des Durchgreifens, der naturfeindliche Weg, wenn man so will, und der sanftere Weg, also mit der Natur zusammenarbeiten, nicht gegen sie, nicht sie vergewaltigen, und von dort her denke ich mir, dass es glaube ich auch, den Menschen, die sich damit ernsthaft befassen, dass es ganz andere Energieformen gibt.
00:35:10 Es wäre absurd auch, den Energiekonsum weiter steigen zu lassen, wie man das bisher gemacht hat. Denken wir mal an die Entwicklungsländer. Wenn die den gleichen Weg gehen wollen, wie wir das gehen wollen, dann explodiert diese Erde bald, also nicht nur von der Überbevölkerung, aber nehmen wir an Autos, wenn alle Autos wollen, jetzt haben wir 400 Mio. Autos, wenn die Weltbevölkerung 8 Mia hat, und der Standort so wäre wie in den Industriestaaten, dann hätte man 4 Mia. Autos, an sich eine absurde Idee.
00:35:46 Irgendwann müssen wir andere Lösungen finden. Auch andere gesellschaftliche Lösungen. Ich denke, es ist machbar, es wäre technologisch machbar, aber es setzt immer das Bewusstsein einer Gesellschaft voraus. Ob das tatsächlich zu erreichen ist, da bin ich sehr skeptisch. ich bin überhaupt sehr skeptisch in Bezug auf die Zukunft. Ich glaube, der Mensch rannte immer den Sachzwängen nach. Und er hat nie präventiv gelernt, sondern immer hintennach. Und der Problemdruck wächst, die Probleme werden immer grösser, die Bedrohung wird immer grösser. Natürlich wird auch die Kreativität dadurch angezogen, und ich denke, die Technologie und die Technik hat da eine grosse Aufgabe, aber es geht nicht allein mit Technologie, Technologie soll in den Dienst des Menschen gestellt werden, und nicht der Mensch in den Dienst der Technologie.
00:36:47 Fredi: Beispiel für präventives Handeln
00:37:11 Was heisst präventiv, präventiv könnte man vielleicht umschreiben mit vorbeugend, voraussehend… dass man seinem Körper beispielsweise Sorge trägt, bevor man ihn zugrunde richtet mit unsern tagtäglichen Drogen, von Zigaretten über Alkohol, Medikamenten, Stress, Konsum, der letztendlich auch eine Droge ist. Man kann das in Bezug auf, das ist jetzt auf dem individuellen Sektor, man könnte das auch in Bezug auf die Gesellschaft sagen, dass sie sich sorge, ihre Lebensgrundlage nicht zu unterminieren, also nicht Raubbau betreiben, indem sie schürft, Erze schürft, indem sie Abfallagerstätten, das was übrigbleibt einfach liegen lässt. Man kann das gleiche Sachen im Bezug z. Bsp. auf den Verkehr, dass es andere Verkehrsformen geben würde, die nicht so wahnsinnig viele Tote fordern würde und so viel Schwerverletzte. Es gibt also eine ganze Anzahl von vorbeugenden Möglichkeiten… Ich meine der Mensch ist ja nicht dumm, er hat ein Hirn, er kann denken, also vorbeugende Möglichkeiten, um Probleme zu erkennen, und dem entsprechend zu handeln. Aber das braucht Bewusstsein einer Situation, das braucht auch neben der Erkenntnis den Willen, sich so zu verhalten, und den Willen auf eine Art zu einer Selbstdisziplin, und das heisst nicht, dass man deswegen weniger Freude am Leben hätte, aber irgendwie nicht nur an sich denken, sondern eben auch an die Menschen, die im Umfeld, beziehungsweise in späteren Zeiten leben.
00:39:10 Fredi: Keiner glaubt, es gehe freiwillig?
00:39:49 Das geht letztlich auch ins Thema Verantwortung. Dass ein Mensch, dass ein Individuum etwas macht, weil es ein anderer macht, das ist für mich keine Rechtfertigung. Verantwortung tragen heisst: Ich mache es aus meiner Überzeugung nicht! Das heisst für mich Verantwortung tragen, unabhängig ob es Mio. von Menschen gibt, die sagen: Ja es ist der einfachere Weg, mich jetzt so zu verhalten, es ist ja gesetzlich nicht vorgeschrieben, es ist ja gesetzlich nicht sanktioniert, man schaut mich nicht schief an. Ich meine, Zinspolitik, das ist absolut legal, ich meine, jeder freut sich, wenn er im Grunde genommen legal jemand anderem Geld an der Börse herausziehen kann. Es ist ein Spiel. Ich selber habe nie spekuliert, ich habe auch dementsprechend mein Geld auf ein Postcheckkonto getan. Das sind alles Sachen, die eine Philosophie zeigen, letztendlich, so vom Verantwortungsversuch zu übernehmen, ganzheitlich.
00:40:56 Fredi: Früchte deines Buches?
00:41:37 Ich habe in meinem letzten Buch, im "Mythos Gewähr" im Vorwort geschrieben, ich möchte nicht Schuldige aufspüren, oder ich möchte nicht einzelne Menschen, die Handlungen begangen haben, jetzt auf die Anklagebank stellen, und ich denke, es ist auch nicht sinnvoll. Ich glaube, diese Botschaft ist zumindest bei den Leuten, die sich sehr direkt damit befassen, auch angekommen. Ich habe gute Erfahrungen gemacht mit diesem Buch im Bezug jetzt auf verantwortliche Stellen, also auf Bundesbehörden, dass es nicht nur auf grosses Interesse gestossen ist, sondern, dass es tatsächlich auch zum Nachdenken angeregt hat. Es hat keinen Sinn, mit Aggressivität einzufahren, oder mit massiven Druckmitteln. Ich denke, wir sind in der Situation, wo man miteinander reden muss, und Lösungen auch in harten persönlichen Auseinandersetzungen, aber wo man zusammensitzen muss, und diese Lösungen zusammen erarbeiten muss, und nicht Schuldverteilungen, das ist immer das einfachste. Der konstruktive Beitrag in dem Sinn, eben zusammen zu sitzen und zusammen zu kämpfen, so unterschiedlicher die Meinungen sind, der ist viel schwerer, und er bedarf auch einer entsprechenden Reife. Und ich hoffe, dass sich doch so langsam dieser Reifeprozess durchsetzt.
00:43:29 Ende V 47-Buser