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Band Nr. V40, Video-Protokoll: "Der Grüne Berg", Peter Näpflin: Landwirt (1990, Fredi Murer)


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SignaturF 9103-40
BestandF_9103 Dokumentation DER GRÜNE BERG [VIDEO]
Bestandesbeschrieb

Die Nationale Genossenschaft zur Beseitigung radioaktiver Abfälle (NAGRA) plante Ende der 1980er im "Wellenberg" bei Wolfenschiessen im Kanton Nidwalden ein Endlager. Fredi M. Murer dokumentierte in seinem Film "Der grüne Berg" (1990) den Widerstand der Bevölkerung und die politischen Aushandlungsprozesse. Der Film wurde 2025 digitalisiert und restauriert. In diesem Zusammenhang wurde auch das S-VHS-Kassetten vorhandene Rohmaterial der Interviews digitalisiert. Der Bestand Dokumentation DER GRÜNE BERG umfasst 57 Interviews, die Fredi M. Murer 1989 und 1990 mit der betroffenen Bevölkerung, Vertretern der NAGRA, Widerstandsgruppen, Politiker:innen und Wissenschaftler:innen führte. Das Material wurde im Rahmen eines Memoriav-Projekts und der Unterstützung des Kantons Nidwalden (Amt für Kultur) digitalisiert. Als Basis für die Erschliessung dienten schreibmaschinengeschriebene Transkripte von 1990 (oft ins Hochdeutsche übertragene Wortprotokolle), die orginal wiedergegeben werden. Zur besseren Orientierung im digitalen File wurden sie mit Timecodes versehen und mit einem Abstract ergänzt.

Die Nationale Genossenschaft zur Beseitigung radioaktiver Abfälle (NAGRA) plante Ende der 1980er im "Wellenberg" bei Wolfenschiessen im Kanton Nidwalden ein Endlager. Fredi M. Murer dokumentierte in seinem Film "Der grüne Berg" (1990) den Widerstand… — mehr...

AbstractPeter Näpflin berichtet, er sei total überrascht gewesen, als die Meldung über die Pläne des Baus eines Endlagers für radioaktive Abfälle bekannt wurde. Das Unglück in Tschernobyl verstärkte nur sein Unbehagen über die Tragweite der Sondierbohrungen. Er ist kein Fachmann, besuche aber Vorträge der Nagra. Einsprache erhob er, da er fürchte, dass Erschütterungen seine Waldquellen 150m unterhalb des Gipfels verändern könnten. Die Nagra erfasste auf seine Einsprache hin einen Quellenkataster (Gewässerschutzkarte und -verzeichnis), die einerseits ein vorsichtigeres Vorgehen ermöglicht und anderseits bei möglichen Problemen einfacher Lösungen finden lässt.
Persönlich würde er wahrscheinlich kaum Emissionen spüren, anerkennt aber die ausbleibende Ruhe wegen des allgegenwärtigen Maschinenlärms für direkt Betroffene. Zum Atomstrom meint er, man solle «langsam abkommen» und Alternativen wie Sonnenenergie, Wasserkraft oder Wind prüfen. Er findet, dass «30–40 Jahre Lebensdauer» und «1000 Jahre Abfall» nicht ganz übereinstimmen.
Politisch konstatiert Näpflin, das Nidwaldner-Volk habe in der Landsgemeinde zweimal gegen Endlager gestimmt, doch der Bundesrat erteilte grünes Licht, was Abstimmungen unglaubwürdiger mache und Beteiligung senke.
Er sieht für Bundesrat Adolf Ogi keine leichte Aufgabe: wachsende Abfälle, wachsender Stromverbrauch und ein drohender «Kollaps», wobei das Volk erst umdenke, wenn dieser schon da sei.
An gewissen Stellen sind Näpflins Gedankengänge nicht leicht verständlich, was einerseits auch anhand der beigelegten Transkripte und andererseits an Murers Nachfragen (und teils leichter Frustration) erkenntlich wird.
Urheber
  1. Murer, Fredi M.
Copyright
Schlagwörter
  1. Umwelt
  2. Umweltpolitik (allgemein)
  3. Abfallwirtschaft
  4. Abfalllagerung
  5. Lagerung radioaktiver Abfälle
Geopolitik
  1. Europa
  2. Schweiz
  3. Nidwalden
Periode
  1. Neuzeit
  2. 20. Jh.
  3. 1951-2000
  4. 1981-1990
  5. 1989
  1. Neuzeit
  2. 20. Jh.
  3. 1951-2000
  4. 1981-1990
  5. 1990
Verleger
  1. Murer, Fredi M.
Objektträger
  1. bewegtes Bild
  2. Video
  3. S-VHS
Sprache
  1. schweizerdeutsch
Detailinformation
Peter Näpflin, Landwirt ganz oben auf dem Wellenberg

00:00:25 Kurze Selbstdarstellung mit Flugzeuglärm, wird am Ende des Interviews wiederholt: 00:41:35

00:02:05 Was war Deine erste Reaktion?

Peter Näpflin: Ja ich bin auch total überrascht gewesen von der Meldung, dass da hinten ein radioaktives Endlager gebohrt - in Vorbereitung - gemacht wird. Man ist natürlich zu wenig Fachmann, um zu wissen, um was es sich da handelt, oder.

FMM: Erinnerung an Tschernobyl?

00:02:15 Ja Tschernobyl, das ist natürlich etwas anderes, das ist ein Atomkraftwerk, gerade bei einer Stadt zu, und Atomkraftwerk, das hat man damals noch nicht gewusst, dass man das damit in Verbindung bringen kann. Im Nachhinein ist es doch ausgekommen, dass da ähnliche ... (lacht).

FMM: Sag was Du denkst.

Ja, ich habe mich schon interessiert und bin and dies Vorträge gegangen und habe -wie soll ich sagen- die Tragweite zuerst gar nicht so erfasst, oder, um was es sich da handelt: Radioaktive Abfälle und so. Und eben Tschernobyl ist gerad kurz darauf passiert und man hat gesehen, was das auslösen kann, oder. Ganze Landstrich, fertig!

FMM. Unter welchen Voraussetzungen bis Du dafür oder gegen ein Endlager?

00:04:25 Ist natürlich schon schwierig zu sagen, oder. Wenn das unumgänglich ist, diese Abfälle zu versorgen, oder, müssen sie an einem Ort schon einen Platz finden. Da hinten sagt man natürlich: Ausgerechnet da "hinderä", oder. Aber das müssten sie überall in der Schweiz, wo sie kommen, sagen, ist ja dann gleich wo. Büntnerland, Waadt … Tessin, im Flachland draussen. Da heisst es dann halt immer, es wird auf die abgeschoben (abgschibä).

FMM: Selber bist Du kein persönlich Betroffener?

00:05:11 Also, sagen wir von der Bauerei, vom ganzen Stollen das wir ja ein u-grosses Unternehmen geben. Spüre ich da oben weit am wenigsten, von allen Umliegenden. Die direkt Betroffenen, das kann ich mir schon vorstellen, dass es unheimliche Immissionen gibt.

00:06:35 Vom Verkehr, schlechte Luft, Maschinen, Tag und Nacht keine Ruhe. Und hier oben bin ich eigentlich noch ziemlich davon weg. Meine Einsprache ist gewesen, Einwendungen, es geht um das Wasser da oben vor allem, oder wenn dann da unterirdisch gesprengt wird unter dem Berg da, sind Erschütterungen unvermeidlich, dann kann es Veränderungen geben im Lauf von den Quellen, die hier oben sehr spärlich sind und dann ist bald, bei der kleinsten Erschütterung kann es da …

FMM: … Wie gross ist das Einzugsgebiet deines Wassers?

00:07:37 Ja diese Wasserquellen entspringen da 150 m unter dem höchsten Punkt vom Wellenberg da oben und das sind Oberflächenquellen, aber saubere Waldquellen, die sind - die laufen verhältnismässig günstig auf Kalkfelsen herunter und werden gefasst, und dann kommt das da drüben ins Reservoir. Bis anhin haben wir eigentlich nie Probleme gehabt, ausser wenn es extrem trocken gewesen ist, ist es spitz geworden. Aber in den letzten Jahren ist es eigentlich gut gewesen mit diesen Quellen.

FMM:

00:08:40 Die Nagra ist auf diese Einsprache das Anschauen gekommen und inspizieren, oder. Und im Nachhinein ist dann eben gesagt worden, dass dann da seismische Messungen gemacht werden, da wird unmittelbar auch gesprengt, aber nicht stark - und dann muss man einfach schauen oder verhüten, dass von der Nagra nicht direkt vom höchsten Punkt aus, hinunter den Quellen nach sprengt… (FMM…) ja genau, dass die Quellen nicht verschüttet werden.

FMM: Hat die Einsprache für dich Folgen?

00:09:40 Ja auf jeden Fall. Sie haben einen Wasserkataster gemacht, oder wie man sagt, ein Quellenkataster, sagt man, haben sie aufgenommen, überall, oder. Jetzt haben sie den Durchschnitt der Quellenleistung pro Jahr. Wenn dann da irgendwie eine extreme Situation eintreffen würde, müsste man auf (?) zurückgreifen, unmittelbar, oder.

FMM: Was hältst du vom Atomstrom?

00:10:37 Atomstrom, wenn er unvermeidlich ist - es wäre ja schon gut, wenn es Alternativen gäbe, oder: Sonnenenergie, noch aus der Wasserkraft schöpfen, was möglich ist, und - Wind (lacht) hats ja keinen, und äh, - langsam abkommen vom Atomstrom möglichst - als Beispiel Schweden. Das wäre gar nicht schlecht und dann glaube ich, wäre das mit dem Abfall auch nicht mehr so verrückt schlimm, - was die Spitäler da bringen, was ja unvermeidlich ist.

FMM: Was würde das für die CH bedeuten?
Verantwortung für 1000 Jahre?

00:12:30 Jää, das sind verrückte Dimensionen, oder. Da mache ich mir natürlich als Laie total keine Vorstellung was da dahintersteckt. Alles, was mit Atom in Verbindung steht, da hört man die unglaublichsten Geschichten und das muss jedenfalls doch wahr sein, oder.

FMM: Expertenfrage?

Aus Erfahrung kann man da nicht reden, oder und Physik habe ich auch nicht studiert und - aber eben, was so unmittelbar passiert ist mit Atom, das hat man schon mitbekommen, oder. Seien es die ersten Atombomben wo "grüert" worden sind und das sind natürlich noch harmlos, - was heute herumliegt, 100 km von uns entfernt. Und die Atomkraftwerke, die der Grenze nach stehen im Westen von der Schweiz und die stellen die gleichen Gefahrenherde dar, wie wenn es mitten in der CH stehen würde. Die sind bestimmt nicht sicherer gebaut als die Schweizer, da habe ich keine Angst. Und wenn so ein A-Werk nur 30, 40 Jahre Lebensdauer hat - und dann ist klar, wenn sie Abfall produzieren für 1000ende von Jahren, die nicht abbaubar sind, das geht doch nicht ganz überein, oder.

FMM: Restrisiko? Demokratie?
FMM: Demokratie und Atomstrom?

00:16:05 Eben, das Nidwaldner-Volk ist ja ganz klar dagegen, seien es Unternehmungen der Nagra mit dem Endlager-Projekt. Wir haben an der Landsgemeinde zwei Mal dagegen abgestimmt, ganz klar. Und schlussendlich heisst es, diese Sache liege beim Bundesrat, bei der Bundesversammlung und die haben grünes Licht gegeben, um Probebohrungen zu machen.

FMM: Was findest Du als Demokrat und Stimmbürger?

00:16:57 Ja ist ja ganz klar, dass solche Abstimmungen immer unglaubwürdiger werden, das ist klar. Das wäre ja nicht das erste Mal, dass dann gleich anders entschieden wird als das Volk wollte. Da muss man sich nicht wundern, wenn die Stimmbeteiligung auf 10% sinkt, danach.

FMM: …

Ja da ist sich das Volk schon hintergangen vorgekommen oder, bei diesen Abstimmungen, sie sind ja ganz klar dagegen gewesen, oder. Das erste Mal im Zusammenhang mit dem Endlager da hinten, das zweite Mal ist es um das Mitspracherecht gegangen von - wie ist das genau gewesen? - von Atomanlagen! Beide Male ganz klar verworfen, oder und dann ist das Volk sicher gewesen, dass es Ruhe hat oder. Im Gegenteil, dann haben sie dann doch grünes Licht bekommen, um zu starten da hinten, zu bohren.

FMM: …

Wenn es wieder einmal etwas Interessantes zum Abstimmen gibt, gehe ich gerne "ga losä'', aber sicher nicht mehr über dieses Geschäft "dahiänig''. Das ist ganz klar, dass da jemand anders bestimmt als das NW-Volk.

FMM: Opposition?

Sie engagieren sich sicher recht, aber danach werden sie einsehen müssen, dass es nicht ä so nützt. Wir können nur hoffen, dass er (der Wellenberg) nicht geeignet ist, dass er (wild?) und voll Wasser ist, dann ziehen sie wieder ab. (lacht) Dann sollen sie das Loch ausfüllen mit vorigem Gold. (lacht) ... oder mit gewaschenem Geld. (lacht)

FMM: …

00:23:20 Nach dem ersten Schock haben sich die Wogen schon etwa geglättet, oder. Man ist natürlich schon total überrascht worden von dieser Meldung, oder, das ist damals von einem Tag auf den andern ist das da "hinderä cho", durchs Radio habe ich es zuerst gehört, vorher bin ich da sicher nicht informiert worden, man hat auch nie an so etwas gedacht.
Und eben jetzt, über diese Abstimmungen "appä", wo sich das Volk hintergangen vorkommt, haben die meisten etwa resigniert und lassen das Zeug auf sich zukommen und "luäged" wie es etwa geht.
Man darf, jetzt nicht gerade in Panik geraten noch solange es eben nicht ganz sicher ein Standort ist, dass es sich eignet als Endlager, muss man sicher noch nicht mit Gift konfrontiert werden, oder weiss nicht was.

FMM:

00:24:33 Dieses Sondierbohrungen werden wohl unumgänglich sein, für diese haben sie grünes Licht und diese werden "dänk" so oder so gemacht. Nächsten Frühling ... (?) und wenn es sich eignet, dann kommen sie dann.

FMM: …

... diese Atomkraftwerke laufen ja jetzt schon 20 Jahre und bis anhin musste man mit dem Gift ins Ausland und ist ins Meer gekippt worden… Das wird auch mit unglaublichen Kosten verbunden sein, oder und da werden die (?) Geschäfte abgewickelt mit so Gift. Wer profitiert? Die gewissen Institutionen profitieren ganz sicher, wirtschaftlich, finanziell da unten, oder, da werden … Unterkünfte … (unverständlich) (Peter erklärt, wo von ihm aus gesehen das Endlanger hinkommt)

FMM: Die Antwort auf die Einsprache? (bis 00:31:15 )

00:36:00 Auf das sind sie eigentlich gar nicht so direkt eingegangen sie haben einfach bestätigt, dass sie da gewesen sind und inspiziert haben.
Frustration?
Ja das ist nicht das Einzige, was da ignoriert und umgangen worden ist.

00:41:35 Ja ich bin der Näpfli Peter und bin auf dem Wellenberg am Bauern da. Ich habe gegenwärtig 13 Stück Vieh auf der Weide da hinten. Wohne da 1250 m.Ü.M. Habe 12 ha Land inklusive Weiden, 5 ha Wald rundum bis auf den höchsten Punkt und von dort oben hinunter kommt mein Quellwasser. 50 m unter dem höchsten Punkt sind die ersten Fassungen und zu diesem Quellwasser muss ich sorge haben wie zu einem goldigen Kalb. (lacht) ja ist klar…

FMM.: Hast Du für Bundesrat Ogi etwas zu sagen?

00:43:09 Peter: Das ist sicher nicht eine leichte Aufgabe für ihn, der ist sicher in einer verzwickten Lage. Ich möchte ihn nicht spielen. Ich könnt auch sicher nicht. Es wird länger sie, wie mehr schwieriger; wohin eben mit dem erwähnten Abfall von den Atomkraftwerken, wo ja jetzt schon lange laufen, 20 Jahre, und der Stromverbrauch nur schon stagnieren ist schon fast unmöglich, oder. Abgesehen davon, dass er alle Jahre steigt, und zurück geht er ganz sicher nie mehr. Die Bevölkerung wächst, die Industrie wächst, Verkehrsaufkommen wird auch immer grösser, das ist sicher kein Honigschlecken, für einen Politiker, wo darüber entscheiden muss … das Volk wird vermutlich erst dann umdenken, wenn es nicht mehr - wenn es nicht mehr anders geht, wenn der Kollaps schon da ist.
Nicht nur der Wald ist am Verrecken an teils Orten, auch das Land selber ist vergiftet, oder, vom sauren Regen. Von den Seen nicht zu reden, wo total tot sind, im Mittelland.

FMM: Düngst du auch?

Absolut keinen Dünger. Nur … Mist und Güllen fertig. Keine Handvoll Kunstdünger, nichts, vielleicht etwas Asche säen. Es wird teilweise schon unglaublich übertrieben, alle Jahre einen Schnitt oder zwei, mehr. Werden wahrscheinlich gezwungen, - ja zum Überforcieren.

Die schönen Blumenwiesen, ich kann sie Dir zeigen, die sieht man sonst nirgends mehr, Magerwiese, wo jede Blume drin wächst, Margriten und weiss Gott was, wo man früher noch kennt. Jetzt sieht man nur noch die weissen Kerbeln.

FMM: Das hängt mit dem Dünger zusammen?

Ja absolut. Das ist eine ganz klare Sache. Wenn du Kunstdünger hast, nur noch, sagen wir nach dem ersten Schnitt, da kommt ein dunkelgrüner Spitzgraswachs, oder, so farbloser, ja so einen faden ... ja Spitzgras. Feines Gras, Klee und - ist natürlich schon mastiges Futter, ist klar oder.

FMM: Die Blumen verrecken?

Jaja, das ist für die Blumen zu starkes Zeug, weist, das mögen die nicht "verliidä".

00:47:20 Ende V-40

ZitationsvorschlagVideo: Murer, Fredi M./F 9103-40
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