Rotzberg, MNA 2 (Mitsprache vom Nidwaldner Volk bei Atomanlagen)
MNA, Präsident und Vorstand
Dr. Leo Odermatt, MNA Präsident, Stans
Gröbli Roland, Ennetmoos
Lustenberger Heidi, Beckenried
Kinder:
Theo Blaettler
Roman Frei
Eveline Bruggesser
Maria Bruggesser
Claudia Frei
00:01:26 Roland Gröbli: Und drittens sehen wir da einen Widerspruch zwischen den wissenschaftlichen, den wirtschaftlichen Interessen und eben den Sicherheitsbedürfnissen der lokalen Bevölkerung. Wir sind der Meinung, wenn der Sicherheit genügend Rechnung getragen ist, dann müsste man es auch nicht scheuen, dass eine echte Mitsprache, ein echtes Mitentscheidungsrecht der lokal betroffenen Bevölkerung besteht. Es besteht bis heute nicht, und solange das nicht besteht, werden die einfach die Sicherheitsinteressen werden wahrscheinlich oder höchstens als propagandistisches Mittel verstanden, und propagandistisch ausgeschlachtet, aber eine echte Sicherheit strebt man gar nicht an.
00:02:06 Fredi: Verhältnis Regierung - Opposition?
00:02:54 Dr. Leo Odermatt: Als dann die Landsgemeinde zweimal gegen die Regierung stimmte, war das glaube ich ein wenig ein Schock für den Regierungsrat, und er hat dann nachher, als der Bundesrat anders entschied als die Landsgemeinde, schlachtete er das ziemlich aus und sagte: Schaut jetzt her, wir haben es schon immer gesagt, jetzt habt ihr die Leute «verseckelt». Wir haben uns dann nachher Gedanken gemacht, ja was wollen wir jetzt machen, was haben wir jetzt noch für weitere rechtliche Möglichkeiten, und haben das Ganze rückwärts und vorwärts studiert, und dann nachher sind wir draufgekommen, dass wir noch gewisse Ansatzpunkte haben, einmal beim Bergregal. Das ist ein ganz altes Recht der Kantone, dass sie über die Bodenschätze verfügen können, und nachher das andere war eine zivilrechtliche Frage vom Eigentum an Grund und Boden. Wir haben uns gefragt, ja wem gehört dann eigentlich, was unter der Oberfläche ist, oder, wie weit gehört das Land einem privaten Eigentümer, und wem ist dann das was drunter ist. Also für die Nagra würde das konkret heissen, ja wem gehört dann das Gestein in dem Wellenberg drin? Gehört das den privaten Eigentümern obendrauf, oder gehört es dem Kanton, oder wem ist das überhaupt?
00:04:18 Odermatt: Man hat dann diese Frage genau studiert mit einer Juristengruppe, und dann haben wir dann gesehen, dass die herrschende Lehre ist, dass der Untergrund Hoheitsgebiet des Kantons ist. Und wir haben dann drei entsprechende Initiativen gemacht, also eines ist eine Verfassungsinitiative, die sagt, dass Konzessionen, die den Untergrund betreffen, nicht mehr vom Regierungsrat allein vergeben werden können, sondern dass es dazu das JA der Landsgemeinde noch braucht. Und danach haben wir noch zwei Gesetzesinitiativen eingegeben, die sich damit befassen. Das eine war eine Änderung des Bergregals, das andere die Einführung des Zivilgesetzbuches, das das ein wenig genauer regeln wurde. Die Initiativen kamen zustande, und wären bereit gewesen, traktandiert zu werden für die heurige Landsgemeinde. Und danach, was ist passiert? Der Regierungsrat liess ein Gutachten einholen vom Bundesamt für Justiz, und das Bundesamt für Justiz sagte: Doch diese Initiativen sind in Ordnung, die widersprechen dem Bundesrecht nicht. Und das hat den Regierungsrat ein wenig gebissen, und dann suchten sie andere Gutachter. Dann haben ihnen verschiedene abgesagt, und schliesslich bekamen sie ein Gutachten vom Professor Meyer Hayoz.
00:05:46 Und jetzt muss man noch wissen, wer ist der Professor Meyer Hayoz? Das ist ein berühmter Privatrechtler, aber er hat natürlich auch einen politischen Standpunkt, weil er ist ein ganz starker Verfechter des Privateigentums, und er ist ein sog. Anti-Etatist, also einer, der die Auflassung vertritt, dass man dem Staat möglichst wenig Kompetenzen und Macht zukommen lassen solle. Und der kam dann zum Ergebnis, dass diese Initiativen nicht Bundesrechts-konform seien. Und jetzt hatte die Regierung eine Handhebe, diese Initiativen abzusetzen, einfach. Sie hätte ja voll das Risiko einfach eingehen können, dass sie nachher vor Gericht lätz bekämen, aber wenn sie sie abtraktandieren von der Landsgemeinde, das wussten sie ganz genau, nachher sie die vom Tisch, eventuell sogar für zwei Landsgemeinden vom Tisch, weil wenn wir den rechtlichen Weg beschreiten müssen, dann braucht das unsinnig viel Zeit, und wir verschleissen uns dabei, oder. Man muss sich jetzt vorstellen, jetzt gerade sind wir vor dem Verfassungsgericht in Nidwalden, und ev. müssen wir nachher vor Bundesgericht.
00:07:11 Fredi: Gewalt?
00:07:33 Gröbli: Nein, ich habe am Telefon gesagt, dass wenn wir die Fragen nicht vorbereiten, dann könnte es ja passieren, dass wenn wir ums Thema Widerstand und so reden, dass man eine Formulierung wählt, die man uns auslegen könnte, dass wir auch einen gewaltsamen Widerstand befürworten würden. Und dass man halt einen solchen Satz rausnehmen müsste und nochmals sagen müsste oder so.
00:07:56 Fredi: hakt nach
00:08:15 Odermatt: Nein uns kann man in keiner Art und Weise illegale Aktionen vorwerfen, und wir haben auch nicht im Sinn, alle legalen Sachen zu machen, also so im Streubereich zwischen Erlaubtem und Nichterlaubtem. Wir haben nichts anderes gemacht als unsere demokratischen Rechte wahrgenommen. Wir haben einfach probiert, möglichst viel Mitbestimmung uns zu schaffen, und das ist kein Verbrechen, das ist unser gutes Recht, und das ist gute demokratische Tradition.
00:08:48 Fredi: Sachzwänge der Grosstechnologie undemokratisch?
00:09:08 Gröbli: Die Grosstechnologie beinhaltet nicht die Gefahr, antidemokratisch zu sein, sie ist antidemokratisch. Da werden enorme Mittel an Geld, an Material, an Menschen wird da konzentriert auf sehr wenige, und die Entscheidungsgremien sind ebenfalls wieder schandbar konzentriert. Wenn man z. Bsp. anschaut, wer in den Verwaltungsräten dieser grossen Elektrizitätsgesellschaften sitzt, dann sind das die gleichen Köpfe, die man in den Grossbanken begegnet, es sind die gleichen Köpfe, die man in der Grossindustrie begegnet, das ist ein ganz kleiner Kuchen, der da eine enorme Macht ausspielen tut, wo wir als, nicht nur als Opposition, sondern auch als kleiner Kanton irgendwo hilflos und mit offenem Mund davorstehen. Und wir können die Faust im Hosensack machen, und wir können an der Landsgemeinde manchmal auch die Hand aufheben, und manchmal auch nicht, aber im Grund genommen sitzen wir nicht an den Hebeln.
00:10:01 Gröbli: Und von daher ist das eine enorme Bedrohung von unserer Demokratie, die ist nicht mehr lebensfähig, wenn die Entscheidungen nicht dort fallen, wo die Leute zusammenkommen, sondern wenn die Entscheidungen vorher fallen, und man den Leuten einfach gewisse Brocken hinwirft, wo sie dran «gnagen» können, wo sie sich damit beschäftigen und drum zanken können. Und am Abend heimgehen können und sagen, doch heute haben wir wieder einmal regiert.
00:10:25 Odermatt: Ja, das haben wir auch gemerkt bei unserer Initiativen. Wir waren ja ehrlich von allem Anfang an, wir haben gesagt, diese Vernehmlassung nach Bern, das ist wirklich nur unsere Meinung, das ist konsultativ, das sind keine Entscheidungen, und wir wurden ja dann immer ein wenig belächelt, und man sagte uns, ja, ja macht jetzt das nur, und entscheiden tut ja dann sowieso nicht ihr. Aber jetzt. als wir die andere Initiative eingegeben haben, wegem Untergrund, jetzt gehts ans Lebendige. Und wir merken auch, dass der Widerstand von der anderen Seite her viel grösser ist, also jetzt wird man uns also jede Schwierigkeit in den Weg legen, dass wir das realisieren können, weil ich glaube, wir haben etwas gefunden, wo, also wirklich etwas gefunden, wo wir nachher eine Möglichkeit haben, als Kanton etwas zu dem Endlager zu sagen. Und das darf einfach nicht wahr sein, und deshalb versucht man jetzt mit allen Mitteln, uns abzuwürgen.
00:11:28 Fredi: Experten?
00:13:36 Gröbli: Ja die ganze Sachlage ist hochkomplex. Da sind wir uns alle einig. Es berührt soziales, es berührt ethisches, es berührt politische, wirtschaftliche, es berührt auch technische Fragen. Und je nachdem gewichtet man das. Man stellt die Technik in den Vordergrund, man stellt die ethische Frage in den Vordergrund. Und mich dünkt es ein wenig, dass grad die Politiker dankbar sind um Experten auf technischem und wirtschaftlichem Gebiet. Und wenn sie dort eine Lösung präsentiert bekommen, dann erheben sie die zum Absoluten, dann sind alle Probleme gelöst. Stichwort "Strom ist das ganze Leben". Also man reduziert eine komplexe, eine schwierige, sehr vielfältige, allesumfassende Frage auf ein Thema, auf ein Problem, holt sich dafür einen Experten, und wenn das gelöst ist, hat man das Gefühl, man habe jetzt wieder einen sauberen Tisch. Es ist alles vom Tisch.
00:14:21 Gröbli: Und diese Auswahl, die passiert ja subjektiv. Man sucht ja jemand, der einen entspricht, wo man das Gefühl hat, der versteht meine Frage. Und die Antwort kann dann ja nur der geben, der auch die Frage versteht. Und ich glaube, bei uns passiert die Auswahl ähnlich. Wir suchen auch Experten, wir suchen Experten, die unsere Fragen verstehen, weil wir eben das Schwergewicht an einem anderen Ort setzen, mehr bei ethischen Fragen, z. Bsp., oder auch bei sozialen. Es geht uns auch um die Menschen, die hier leben, die hier unmittelbar auch psychisch und physisch betroffen sind, wollen wir Experten, die die Fragen verstehen, und die auf diese eine Antwort geben, und dass sich diese Antworten halt nachher überschneiden, dass sie nicht immer übereinstimmen, das ist kein Zufall, das ist wahrscheinlich schon vorgegeben von der Fragestellung. Das zeigt dann eben auch, dass man kann die Entscheidung, die Antwort nicht auf andere abschieben, man kann sie nicht auf Experten abschieben. Wir leben in einem System, das wir Demokratie nennen, d.h. Volksherrschaft, also muss das Volk genau gleich selber entscheiden.
00:15:31 Ich würde da gerne noch eine historische Dimension reinbringen. Es ist nicht einfach so, dass heute die Experten eine ganz wichtige Rolle spielen, und früher war das anders. Das lief früher ganz ähnlich. Wenn ich an die mittelalterliche Rechtsprechung denke, die hatten ja häufig keine schriftlichen Unterlagen, und wenn man etwa stritt, um Weiderechte z. Bsp., dann stand Meinung gegen Meinung. Der eine sagte, ich habe das Recht, der andere sagte, du hast das Recht nicht. Und es war Sache der Richter, einen der beiden schwören zu lassen. Beide Parteien konnte man nicht schwören lassen, sonst hätte ja einer einen Meineid geschworen, und auf Meineid stand; Todesstrafe. Also mussten die Richter sagen: Schwört Ihr, und wenn sie schworen, sie seien im Recht, dann bekamen sie recht. Und im Grund genommen läuft es heute ähnlich, wenn man zu den Experten geht und sagt: Sag wie es läuft, dann müssen wir ihm recht geben; gehen wir zu jenem, dann zeigt er uns einen anderen Weg, dann müssen wir ihm glauben. Oder anders ausgedrückt: Wir wählen aus, wer uns die Antwort gibt, also entscheiden wir auch.
00:16:36 Fredi: Also haben die andern das gleiche Recht?
00:16:47 Gröbli: Wer hat jetzt das Recht, die Experten zu bestimmen, oder? Man sagt, das Recht des Stärkeren, ist das grösste Unrecht. Jetzt ist es einfach so, dass in der jetzigen Situation, so wie die politische Situation ist, so wie auch die demokratische Situation ist mit dem Entscheidungsprozess, entscheiden sehr wenige darüber, welche Experten entscheidend sind. Und unser Ziel ist ja eigentlich, diese Struktur so zu verändern, dass die Entscheidung auf der Ebene der lokal betroffenen Bevölkerung liegt. Und wenn uns das gelingt, dann sind wir überzeugt, dann gibt es auch andere Entscheidungen. Was wir ändern wollen und vielleicht können, sind die Strukturen. Wenn aber das Volk entscheidet, wenn es etwas zu sagen hat, das müssen wir offen lassen und das lassen wir auch offen.
00:17:39 Fredi: Überforderung des Volkes?
00:18:12 Odermatt: Ja, wenn ein Politiker sagt, das Volk sei überfordert mit solchen Fragen, das sei jetzt wirklich etwas für Experten und solche, die drauskommen, dann ist da auch ein grosser Bitz Arroganz dahinter, weil die nehmen sich dann die Freiheit heraus, dass sie fähig sind, die Entscheidungen zu fällen. Aber was machen sie, sie sind ja genau in der gleichen Lage wie das gewöhnliche Volk, sie müssen sich die Informationen auch herbeiholen, und sie entscheiden sich dann einfach, jemandem zu glauben, oder dem zu glauben, der ihren Interessen am meisten entgegenkommt. Aber es ist nicht so, dass sie jetzt da drauskommen, in der Frage. Sie müssen einfach den Experten glauben.
00:19:00 Fredi: Sachzwänge, Ogis Ausspruch?
00:19:46 Odermatt: Ich glaube, eines der wesentlichsten Merkmale der heutigen Zeit, das sind die sog. Sachzwänge. Man fängt irgend etwas an, seien das jetzt Strassen, seien es Energieprojekte oder seien das Planungssachen eines Dorfes oder eines Kantons, ohne das Ganze durchzudenken. Also ich möchte nicht sagen, dass man das früher gemacht hat, aber früher waren die Probleme auch nicht so gross, oder nicht so stark verhängt, oder sie waren überschaubarer, d.h. es war möglich, für die Leuten und vielleicht auch für die Politiker, in den führenden Schichten ein wenig die Konsequenzen abzusehen, und das ist eben heute unsinnig schwierig worden. Und deshalb werden wir heute am Laufmeter mit solchen Sachzwängen konfrontiert, dann heisst es einfach: Ja jetzt sind wir halt so weit, jetzt können wir nicht anders, jetzt müssen wir dazu ja sagen. Und ein typisches Beispiel, das sind jetzt auch diese atomaren Abfälle, jetzt heisst es einfach: Jetzt sind die da, und die müssen wir hier in der Schweiz entsorgen, und jetzt muss sich einfach jemand zur Verfügung stellen.
00:21:17 Fredi: Umgang mit der Sprache in der ganzen Geschichte?
00:21:49 Heidi Lustenberger: Also zum Sachzwang möchte ich noch etwas sagen, zum Sachzwang. Eben wegen diesen Sachzwängen. Wir stehen eigentlich in unserer Gesellschaft diesen Sachzwängen recht hilflos gegenüber, und deshalb dünkt es mich, man darf einfach solche Sachen, die solche Sachzwänge mit sich ziehen, die darf man überhaupt gar nicht machen.
00:22:13 Fredi: Jetzt sind sie aber Realität!
00:24:02 Gröbli: Ja, wir leben ja in einer Zeit einer schandbaren Entwertung. Wir produzieren ja massenhaft Abfall, und etwas, das wir auch produzieren, das sind so Abfallwörter, also auch eine Entwertung der Sprache. Ein Bsp. ist Akzeptanz, das heisst ja etwa: Ich nehme etwas an. In unserm Zusammenhang meint man aber mit Akzeptanz: Wir zwingen euch etwas auf, und ihr könnt Euch nicht wehren. Oder man redet von Restrisiko. Man meint damit, man habe es im Griff, und das bisschen, das man nicht im Griff hat, das passiere statistisch gesehen irgendwann einmal, wenn es uns nichts angeht. Aber die andere Definition von Restrisiko heisst ja, das Restrisiko ist das Risiko, das uns den Rest gibt.
00:24:49 Gröbli: Man hat auch einen Haufen andere Begriffe. Man merkt das selber auch im Komitee. Wir beschäftigen uns mit diesen wissenschaftlichen Büchern von diesen Experten, wir nehmen deren Sprache an, wir lassen uns auf die Ebene hinunter, wir reden von Hydrogeologie, dabei ist einfach gemeint, das Wasser. Wir reden von seismischen Messungen, wir reden von Sondier... wir unterscheiden Sondierbohrungen und Sondierstollen. Und "sondieren" ist eigentliche mehr ein Begriff, den ich von den Ärzten her kenne, also etwas ausgesprochen feines, während es hier um einen massiven Eingriff in die Natur geht usw. Also wir sind in einer Gefahr drin, und uns nur ein Stück weit auch bewusst, wie wir uns da in eine Sprache, in ein Denken einlassen, das uns eigentlich fremd ist, und trotzdem machen wir es. Und so geht es uns, glaube ich, anfangs im ganzen Leben.
00:25:49 Fredi: Emotionen?
00:25:59 Odermatt: Ja es wird ja viel gesagt, wir würden Emotionen schüren, wir würden nur auf der emotionellen Ebene argumentieren, wir würden den Leuten Angst machen. Aber wer sagt das? Das kommt vor allem von der technokratischen Seite her, von den Politikern oder eben jetzt von der Atomlobby her, und jetzt von der Nagra. Sie schauen ein Problem nur ganz einseitig vom technischen Standpunkt her an, und sie vergessen immer dabei, dass das auch mit Menschen zu tun hat. Ein Mensch der Gefühle hat, der nicht nur mit der Vernunft denkt, oder. Wenn es uns wohl ist, dann ist es ganz schwierig zu beschreiben, was dort, was dort alles mitspielt. Es braucht eine Gemeinschaft dazu, es braucht Leute dazu, die man gernhat, es muss eine Landschaft sein, wo es einem wohl drin ist, und wenn das alles nicht stimmt, dann geht es uns eben nicht gut, und das sind ganz wichtige Dimensionen, die diese Technokraten einfach vergessen.
00:27:18 Odermatt: Und die Emotionen sind ja ein ganz, ganz wichtiger Bereich des menschlichen Lebens. Und drum dünkt es mich, muss man auch, und darf man auch emotional reagieren. Und ich glaube, ein grosser Teil von Problemen und Sachzwängen, die wir heute haben, sind auch ein wenig darauf zurückzuführen, dass der Mensch seine Emotionen unterdrückt hat, und eigentlich nur noch, und nur noch die Vernunft hat walten lassen, also viel mehr das Rationale in den Vordergrund gestellt hat und weniger über andere Bereiche nachgedacht hat. Ich meine, wir haben nicht wegen nichts solche Probleme z. Bsp. in unseren Grossstädten. Sei das mit Kriminalität, Drogenproblemen, Selbstmorden, Depressionen und solche Krankheiten. Das kommt alles dort her, dass man beim Aufbau unserer Welt, also beim Aufbau und beim Lösen unserer Probleme ganz wichtige Bereiche des Menschen ausgeklammert hat, eben zum Beispiel die Emotionen.
00:28:29 Heidi: Wir leben eben in einer technischen Welt, und die technische Welt wird von der Männerseite her dominiert, das Weibliche fehlt, das sollte in unsere Gesellschaft wieder mehr einfliessen.
00:28:45 Fredi: Recht künftiger Generationen?
00:29:46 Odermatt: Also das künftige Generationen ein Recht haben, oder, uns gegenüber, das ist gar nichts Neues für uns. Mit dem Gedanken sind wir in Nidwalden unsinnig vertraut. Wir haben ja viele Korporationen da, Alpgenossenschaften und solche Einrichtungen, wo das Denken Gang und Gäbe ist, wo das wie ein roter Faden durch die Jahrhunderte hindurch läuft, dass man die Lebensgrundlagen gesund und zwäg seinen Nachkommen übergeben muss, dass wir nur eine Zeit lang auf der Welt sind, dass wir sie nutzen dürfen, z. Bsp. diese Alpen, aber dass wir sie ganz den Nachkommen übergeben wollen, dass die auch wieder leben können, und dass die auch dort davon profitieren können.
00:30:38 Odermatt: Und das ist aber ein Gedankengut, das mehr und mehr vergessen geht, das mehr und mehr bestritten wird. Man denkt nur an den kurzfristigen Profit, also möglichst viel daraus heraus holen. Das sieht man ganz augenfällig jetzt in Nidwalden zum Beispiel bei der Bautätigkeit. Es wird einfach alles Land verklepft, das man hat, also nur noch Wenige denken noch daran, dass es ja noch weiter gehen soll, dass man nicht einfach alles in einer Generation aufbrauchen kann. Und mit dem technischen Denken ist auch immer mehr ... kommt auch immer mehr hinein, dass man meint, alles, was man machen könne, müsse man machen. Alles, was Geld gibt, muss man machen, und sonst ist man doch ein Esel. Und man vergisst eben, dass ein viel grösseres Ziel, das wäre, ja wie geben wir jetzt unsere Welt wieder gut und zwäg weiter an kommende Generationen.
00:32:41 Heidi: Es ist vor allem auch diese Wachstumsideologie entstanden. Es muss immer alles grösser werden, man muss immer noch mehr profitieren können von allem, und mit dem tun wir uns eigentlich unsere eigentlichen Existenzgrundlagen kaputt machen. Unsere, die der nächsten Generation, die der Kindeskinder, weil die Rohstoffe ... Oder, alle diese Missstände, die muss ich ja gar nicht aufzählen, wir wissen sie, sie sind in der Luft, im Boden, im Wasser, überall sind diese Missstände da. Und wenn wir da nicht umdenken, und vor allem auch nicht nur umdenken, sondern auch handeln danach, dass wir die Verantwortung auf uns nehmen, die wir haben für unsere Nachkommen, dann sehe ich da nicht gerade rosig. Ich möchte aber allen Mut machen, so zu handeln, dass die andern wieder so weiterleben können, dass es ein menschengerechtes Leben ist.
00:32:40 Fredi: Verantwortung über Zeitdimensionen?
00:33:54 Gröbli: Ja, ich möchte grad mit dem Historischen anfangen. Im letzten Sommer wurden hier auf der Rotzburg Ausgrabungen gemacht. Man hat u.a. auch den Abfall der Bewohner untersucht. Man hat also Tonscherben gefunden von Küchengeschirr, man hat Ofenkacheln gefunden, Tierknochen, einen Pfeifenkopf, man fand abgebrochene Messer. Das sagt uns etwas über das Leben in dieser Zeit, ungefähr so um das Jahr 1000 herum war das hier bewohnt. Es ist alles so harmloser Abfall. Und wenn man dann einmal in 800, 900 Jahren unsern Abfall untersucht, dann steckt auch eine Botschaft in diesem Abfall drin. Ein Teil davon ist Schwermetall, ist giftig, wird auch in Zukunft noch alles vergiften, ein Teil sind radioaktive Abfälle, wo man gar nicht an sie heran darf. Und die Botschaft, die das ausdrückt, ist: Uns, damit meine ich jetzt unsere Zeit, uns ging es gut, wir haben uns alles geleistet, wir hatten es schön, wir dachten an niemand anderes. Und dass wir jetzt Sachen produzieren, die auf Jahrtausende hinaus gefährlich sind, hat einfach mit unserem Egoismus zu tun. Und nur so ist es möglich, dass wir all das auf die Seite schieben, diese Verantwortung für die Zukunft, auch das Wissen, das Bewusstsein um die Zukunft.
00:35:17 Odermatt: Ich glaube nicht, dass wir Verantwortung übernehmen können für kommende Generationen, also wenn wir sagen: Ja, ja, diese Verantwortung können wir übernehmen, das klappt mit dem Endlager, dann ist das einfach eine Arroganz. Oder, das ist nichts anderes als eine Floskel. Im Prinzip, was machen wir, wir schieben einfach alles ab auf später. Wir können schon sagen, wir übernähmen die Verantwortung, wir können aber grad so gut sagen: Ja, wir bauen es jetzt einfach, wir machen es jetzt so. Aber das ist nicht Verantwortung.
00:35:56 Fredi: hakt nach
00:36:46 Heidi: Sie wollen eigentlich gar keine Verantwortung übernehmen, drum auch die verschliessbaren Lager. Man macht es einfach zu, und dann kann man es vergessen.
00:36:58 Fredi: Wie siehts in 700 Jahren aus?
00:37:16 Gröbli: Also in 700 Jahren wird es Menschen geben, die einander gerne haben, die miteinander Krach haben, die sich an Kleinem freuen können, und die traurig sind über Kleines; wo ihre Welt das Wichtigste ist, genauso wie es heute auch ist, unabhängig von den äusseren Umständen.
00:37:36 Odermatt: Ja, ich glaube, in 700 Jahren werden die Leute, die hier noch leben, wenig wissen von uns, nur vielleicht ganz kleine Ausschnitte, die sie dann auf ihre Art interpretieren. Aber ich glaube nicht, dass sie noch wissen, was für Probleme wir hatten, was uns ärgerte, was wir dachten. Sie werden irgend etwas finden von der heutigen Zeit, und ihre Schlüsse draus ziehen, genauso gut, wie wir das jetzt machen, wenn wir 700 Jahre zurückgehen. Oder, was wissen wir jetzt z. Bsp. da über Ennetmoos, was vor 700 Jahren gewesen ist, 1289? Wir wissen eigentlich einzig und allein, dass gewisse Orte besiedelt waren auf Grund von ein paar Urkunden. Und wenn wir jetzt weniger weit zurückgehen, die ältesten Häuser von Ennetmoos, die wurden nach dem Überfall aufgebaut. Ja man hat schon die grösste Mühe, wenn man jetzt herausfinden möchte, wer dann die gebaut hat. Oder, da haben die Familien ein paar Mal gewechselt jetzt seit 1800, und man weiss verdammt wenig.
00:38:56 Fredi: hakt nach
00:39:26 Heidi: Also ich kann mir gar keine Vorstellung machen, wie das in 700 Jahren aussehen wird. Bis jetzt ist immer alles organisch gewachsen, langsam, es ist über Jahrhunderte war das Leben der Menschen ähnlich, aber nur schon in der Generation, wo ich jetzt lebe, ich bin jetzt 50, hat sich alles grundlegend geändert, und wenn das in dem Tempo weitergeht, ich kann mir wirklich gar kein Bild machen, weder wie das solle, wenn man jetzt die 700 Jahre anspricht, wie das in ein paar Jahrhunderten hier aussehen soll. Was ich hoffe, ist einfach, dass die Menschen dort wieder eine lebenswerte Welt antreffen werden.
00:40:11 Landschaftsbilder vom Rotzberg
00:46:37 Kinderportraits:
Theo Blaettler
Roman Frei
Eveline Bruggesser
Maria Bruggesser
Claudia Frei
00:59:50 Ende V-39