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Band Nr. V20, Video-Protokoll: "Der Grüne Berg", Familie Gabriel: Landwirte Wilershöchi (1990, Fredi Murer)


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SignaturF 9103-20
BestandF_9103 Dokumentation DER GRÜNE BERG [VIDEO]
Bestandesbeschrieb

Die Nationale Genossenschaft zur Beseitigung radioaktiver Abfälle (NAGRA) plante Ende der 1980er im "Wellenberg" bei Wolfenschiessen im Kanton Nidwalden ein Endlager. Fredi M. Murer dokumentierte in seinem Film "Der grüne Berg" (1990) den Widerstand der Bevölkerung und die politischen Aushandlungsprozesse. Der Film wurde 2025 digitalisiert und restauriert. In diesem Zusammenhang wurde auch das S-VHS-Kassetten vorhandene Rohmaterial der Interviews digitalisiert. Der Bestand Dokumentation DER GRÜNE BERG umfasst 57 Interviews, die Fredi M. Murer 1989 und 1990 mit der betroffenen Bevölkerung, Vertretern der NAGRA, Widerstandsgruppen, Politiker:innen und Wissenschaftler:innen führte. Das Material wurde im Rahmen eines Memoriav-Projekts und der Unterstützung des Kantons Nidwalden (Amt für Kultur) digitalisiert. Als Basis für die Erschliessung dienten schreibmaschinengeschriebene Transkripte von 1990 (oft ins Hochdeutsche übertragene Wortprotokolle), die orginal wiedergegeben werden. Zur besseren Orientierung im digitalen File wurden sie mit Timecodes versehen und mit einem Abstract ergänzt.

Die Nationale Genossenschaft zur Beseitigung radioaktiver Abfälle (NAGRA) plante Ende der 1980er im "Wellenberg" bei Wolfenschiessen im Kanton Nidwalden ein Endlager. Fredi M. Murer dokumentierte in seinem Film "Der grüne Berg" (1990) den Widerstand… — mehr...

AbstractFranz Gabriel bewirtschaftet mit seiner Frau Ruth und den Kindern in vierter Generation einen 13,5ha grossen Bauernhof auf der Wilershöchi. Sie halten rund 20 Grossvieheinheiten, betreiben Acker- und Viehwirtschaft und ergänzen das Einkommen mit Jagd. Ruth kümmert sich vormittags um die Hühner, Katzen und Jagdhunde und unterstützt bei Stallarbeiten; die Kinder helfen beim Misten und Heuen.
Auf ihrem Gelände hat die Nagra einen 25×25m grossen Bohrplatz für Sondierbohrungen eingerichtet, flankiert von einem Erdwall als Lärmschutz. Der Aufbau und Abbau sollen jeweils drei Monate dauern; inklusive der Bohrungen dauert das Ganze etwa ein Jahr. Die Arbeiten sind rund um die Uhr geplant, doch Gabriel und Ruth vertrauen darauf, dass die vereinbarten Nachtfahrverbote und Kontrollen ihren Schlaf nicht beeinträchtigen. Da sie beruflich eingebunden sind, haben sie keine Zeit für Besichtigungen vergleichbarer Projekte im Ausland, hoffen aber, ihre Bedenken direkt mit den Nagra-Vertretern klären zu können.
Obwohl ein Teil der Gemeinde schon vor dem Beginn der Sondierbohrungen davon überzeugt war, dass der Wellenberg sich geologisch nicht für ein atomares Endlager eigne, und deshalb auch Einsprachen erhob, bleiben Gabriel und Ruth pragmatisch: Sie sehen es als unvermeidlich an, dass die Schweiz ein Versuchsfeld braucht, und setzen auf objektive Prüfung. Ihre offene und direkte Kommunikation soll klarstellen, wo sie stehen, und trägt dazu bei, Nachbarschaftsgerüchte einzudämmen. Trotz der Aussicht auf langfristige Folgen für künftige Generationen bewahren sie sich eine nüchterne Haltung: Scheitert der Standort, wird weitergesucht.
Urheber
  1. Murer, Fredi M.
Copyright
Schlagwörter
  1. Umwelt
  2. Umweltpolitik (allgemein)
  3. Abfallwirtschaft
  4. Abfalllagerung
  5. Lagerung radioaktiver Abfälle
Geopolitik
  1. Europa
  2. Schweiz
  3. Nidwalden
Periode
  1. Neuzeit
  2. 20. Jh.
  3. 1951-2000
  4. 1981-1990
  5. 1989
  1. Neuzeit
  2. 20. Jh.
  3. 1951-2000
  4. 1981-1990
  5. 1990
Verleger
  1. Murer, Fredi M.
Objektträger
  1. bewegtes Bild
  2. Video
  3. S-VHS
Sprache
  1. schweizerdeutsch
Detailinformation
Gabriel Franz und Ruth, Landwirte, Wilershöchi
Tochter: Ruth, Sohn: Martin

00:01:09 Fredi: Wo sind wir etc?

Gabriel: Hier sind wir jetzt auf der Willerstshöhe und sind jetzt etwa die vierte Generation hier drauf. Das Haus ist etwa ungefähr 300-jährig, genau wissen wir es ja nicht…

00:03:01 Fredi: über die Grösse?

00:03:07 Gabriel: Die Grösse ist 13 1/2 ha. Wir haben vier Parzellen hier und haben ungefähr um die 20 Grossvieheinheiten.

00:03:16 Fredi: Bitte zeigen!

00:03:25 Gabriel: Die Grenze geht hier unten durch, geht da hinten hinauf, geht da oben noch hinten wieder, vorne hinunter.

00:03:31 Fredi:

Gabriel: Wir beschaffen den Hof zu zweit mit unseren Kindern und haben ziemlich Arbeit.

Fredi: an Frau Gabriel!

Ruth Gabriel: Ja am Morgen muss ich die vier Hühner hineintun und den Güggel, wir haben auch drei Katzen und drei Jagdhunde. Dann helfe ich dem Mann im Stall e chli, Kälber tränken, hirten.

00:04:03 Fredi: Die Arbeit der Kinder?

Ruth Gabriel: Die Arbeit der Kinder: Die helfen auch im Gaden eigentlich, «e chli» hereingeben, helfen misten, im Sommer helfen sie heuen, «e chli» rechen, Heu hineinlassen, je nachdem, was grad für Arbeit herum ist.

00:04:18 Fredi: Jagd?

00:04:34 Gabriel: Ja hier ist der Wellenberg, hier durch, und ich gehe auf die Jagd. Es ist eigentlich unser kleines Jagdgebiet, und der Berg gefällt mir vor allem gut. Ich meine, ich habe den ersten Hirsch geschossen, da hinten hinauf auf der Oberrickenbach-Seite, und das war damals ein grosses Erlebnis.

00:05:03 Fredi: Grösse?

Gabriel: Es war ein ungrader Zehner, er war 110 kg, und er war eigentlich der erste Hirsch in Nidwalden, seit Menschengedenken, so was sie erzählen … aber wahrscheinlich war schon vorher einer etwa …

00:05:27 Fredi: Was soll jetzt hier passieren?

00:06:22 Gabriel: Ja, hier kommt der Bohrplatz der Nagra. und sie haben hier ausgesteckt, man sieht ihn ja. Am Anfang hatten sie ein wenig den grösseren ausgesteckt, jetzt haben sie ihm hier etwas drabgenommen, er ist jetzt ungefähr so 25 auf 25m, und unten durch gibt es dann den Humuswall, das ist eigentlich ein Lärmschutz, damit wir im Haus nicht gestört werden. Und sie haben gesagt, es ginge etwa drei Monate, das Einrichten und drei Monate wieder das Abrichten, das ganze daure etwa ungefähr ein Jahr, und dann wären sie dann durch.

00:07:16 Fredi: Stundenbetrieb?

00:07:23 Gabriel: Es sollte etwa drei Monate lang, sollte das Tag und Nacht laufen, rund um die Uhr, ich weiss nicht, wie das dann etwa…

00:07:37 Fredi: Haben Sie es mal gesehen, haben sie eine Einsprache gemacht? Haben Sie Angst um Ihren Schlaf?

Ruth Gabriel: Nein, das glaube ich nicht, da können wir sicher schlafen.

00:08:00 Fredi: Abmachungen mit der Nagra?

Ruth Gabriel: Ja, dass sie nachts nicht fahren dürfen, haben wir gefragt, und dass auch die Nachbarn Ruhe haben, deutsch gesagt, oder.

Fredi: Für was brauchen sie die Lastwagen?

00:08:34 Gabriel: Das ist eigentlich um die Ware wieder, die sie herausbohren, es gibt ja so einen Würfel von 10cm, und diese Ware wird ja untersucht, und dann nachher wird das einfach abtransportiert. Aber es ist ja die Zeit, wo eingerichtet und abgerichtet wird, ist ja der Hauptverkehr, und sonst nachher sollte das ja nicht mehr so schlimm sein.

00:09:06 Fredi: Es ist für Euch grundsätzlich kein Problem?

00:10:02 Gabriel: Ja uns, uns ist es eigentlich hier drum gegangen, als sie kamen, wussten wir eigentlich nicht viel davon, oder, und nachher sagten sie uns einfach, jetzt wird da einfach mal gebohrt, und ich sagte ja dann schon: Eh, wenn ich jetzt sage, Ihr dürft nicht, da lachten sie und sagten, sie würden einfach, da könne man nichts machen. Und ich habe dann nachher nicht viel gemacht, wir haben da so viel Arbeit, wir können dem nicht so nachstudieren, ich habe einfach das Gefühl, an ein Ort hin muss ja die Ware, und zuerst sollen sie jetzt einmal bohren und schauen, wenn es sich ja dänk dann nicht eignet, dann ist es ja dann wieder beim Alten und hoffen wir…

00:11:02 Fredi: Haben sie Vertrauen?

Gabriel: Ja, ich habe das Vertrauen jetzt dazu, und eh, ich konnte reden mit ihnen, und ich meine, dass das ja so eine kleine Sache ist, wird etwa jeder wissen …

Fredi: Eine kleine Sache?

Gabriel: Ja, nein, ich meine jetzt eine kleine Sache, als dass sie nicht alles hineintun können, was sie wollen, einige denken, sie täten nachher alles rein, vorab, und schauten nicht, aber die Kontrolle wird da ganz sicher streng sein. Ich hoffe, das werde etwa klappen, dass das kontrolliert wird, dass sie da nicht jedes Fass, oder was sie da erzählen, ich habe es ja jetzt noch nie gesehen und…

Fredi: Sie waren noch nie schauen?

00:11:11 Gabriel: Nein wir waren nie schauen, wir können da ja eigentlich nicht fort, da müssten wir ja gleich jemand anstellen. Ich hätte jetzt da drei Tage nach Schweden, Finnland können, aber es sind drei Tage, und da nachher jemand anstellen, rentiert schier nicht.

00:11:56 Fredi: Ihr habt eine Einladung bekommen?

Ruth Gabriel: Ja, der Gemeinderat hat uns gefragt.

00:12:19 Fredi: Drei Tage ändert Jahresrhythmus?

00:13:06 Gabriel: I ich hätte jetzt da auf eine Reise können, ich hätte jetzt diese Lager anschauen können nach Finnland und Schweden. Frankreich, aber es ist mir nicht unmöglich. eh. Möglich, wenn ich diese drei Tage, sagen wir am 25. und 26. Mai «auslasse», kann es mir nachher den ganzen Sommer Zeit kosten, dass ich an dem Tag, ich meine wir zwei müssen auch heuen wenn es schön Wetter ist, und wenn es nicht schön Wetter ist, denn können wir kein Heu hineintun, dann bleibt das einfach hintennach, und so sind wir den ganzen Sommer hintennach, wenn wir das machen.

00:13:59 Fredi: Verantwortung für 1’000 Jahre?

00:15:51 Gabriel: Wir denken nicht mehr daran, aber etwa die Jungen, oder die anderen Generationen vielleicht wieder. Ich meine wir können uns das jetzt nicht so recht vorstellen, was da weitergeht.

00:16:09 Fredi: Frauen machen sich noch eher Sorgen?

00:16:49 Ruth Gabriel: Ich meine, 1000 Jahre ist ja wahnsinnig lang, und ich sehe eben unsere Kinder die nächste Generation, ich weiss auch nicht, es ist schwer zu sagen, ehrlich.

00:17:05 Fredi: Grosstechnologie und Demokratie? Zwang?

00:18:19 Gabriel: Ja. ich meine da, ich füge mich da ein wenig, aber ich meine, gern tut ja niemand hier Land geben, und ich habe mir einfach gesagt, jetzt muss das einfach an einem Ort muss das gemacht sein, oder. Ich sagte zu ihr, es kommt jedenfalls nicht mehr so drauf an, wenn es am Oberbauenstock ist, Stück hineinkommt, oder wenn hier etwas passiert, sind wir einfach gliich…, vielleicht leben wir einfach eine halbe Stunde länger, oder so…

00:19:03 Fredi:

Gabriel: Ja, auf dieser Seite, sie haben ja schon gesagt, der Regierungsrat habe sie eingeladen, oder, aber ich meine, es wird ja nicht mehr so viel drauf ankommen. Ich meine, wenn man Atom anziehen will, ich meine, um die Schweiz herum haben wir jetzt solche Werke, und hier innen sperren wir, und wenn etwas ausbricht, sind wir ja auch in der Nähe, und dann weiss etwa jeder, wie es dann geht.

00:19:39 Fredi: Spaltung im Dorf?

00:20:29 Gabriel: So wie ich es gemerkt habe, ist es schon e chli, ist es so, dass es richtig zweierlei Leute gibt, hier in der Gemeinde. Die einen hocken einfach auf der Seite und die andern auf der anderen Seite. Und wir haben uns also fast hergeben müssen deswegen, und haben das nicht so sehr tragisch genommen bisher, und ich meine, wir schlagen uns j etzt öppen durch und hoffen, es bessere mitunter. Ich kann einfach nicht verstehen, dass viele jetzt schon wissen, was da hier drunter hervorkomme, das kann ich einfach nicht verstehen.

00:21:20 Fredi: Wer?

Gabriel: Ja, da die von der Gemeinde da, gewisse wissen jetzt schon, was da unter uns da aus dem Boden hervorkomme.

00:21:33 Fredi: Die Gegner?

Gabriel: Ja. die haben ja da Vorträge gehabt und sagten, was für ein Fels da drin sei, und dass sich das nicht eigne, ich denke immer, wenn es sich doch nicht eignet, dann müssen wir nicht mehr Angst haben, dann kommen sie ja gar nicht.

00:21:54 Fredi: Bohren würde Gewissheit bringen?

Gabriel: Ja, das ist meine Meinung, oder. Oder wenn es sich nicht eignet… ich bin einfach so, wenn es sich nicht eignet, dann sind wir froh, dann gehen sie halt wieder ans nächste Ort probieren und…

00:22:20 Fredi: Ihr habt Vertrauen?

00:23:55 Gabriel: Ja, ich hoffe es. ich meine, wenn ihnen nicht zu trauen ist, dann hat man es schon zum vornherein verspielt, oder, ich meine es gibt jetzt genug von denen, die einfach sagen, die machen, was sie wollen, und wir zwei denken jetzt einfach, man dürfe den beiden etwas glauben, und die würden das Zeug recht in die Hände nehmen.

00:24:25 Fredi: Und wenn es dann anders ist, habt ihr eine Wut?

Gabriel:
Ja die haben die andern auch.
Es ist einfach verrückt, wie alle zusammen..., sie haben das Gefühl, wir zwei hier oben seien dafür, aber ich sage: Dafür ist niemand, aber man kann nicht sagen: Geht doch an ein anderes Ort, oder weil Leute sind ja überall, und brauchen tut es gliich an eirem Ort. Und ich habe einfach immer, mit dem Vorsatz war ich immer. Am Anfang hätte ich ja immer ins Dorf können und hätte dort den Vorträgen zuhören sollen von den Frauen, und ich hatte nicht die Zeit, hier…

Fredi: …?

Gabriel: Ja da kann es sagen, wie manche anrief.

00:25:25 Ruth Gabriel: Ja, ich kann Ihnen das ruhig sagen, die Cousine hat mir einmal angerufen von Wolfenschiessen.

Fredi: Wer?

Ruth Gabriel: Die Cousine, ihr Mann ist Lehrer eben, wir sollten einmal nach vorne gehen, ich sagte, ich sage es dem Franz, und dann trauten wir uns nicht. Am Tag darauf rief sie wieder an, und sagte eben, die Nachbarn sollten auch kommen, dass sie auch orientiert seien, da haben wir dann geredet mit ihnen, und zuletzt ist dann gliich niemand gegangen. Dann haben sie noch einmal telefoniert und wir haben nicht dergleichen getan, und zuletzt gingen sie auf den Schlag Sepp los, dänk, der ist im Gemeinderat. Der kam dann einmal vorbei und sagte, sie läuteten ihm an, sie würden ihn jetzt irgendwie belästigen. Dafür merkten wir dann nichts mehr, es hat dann niemand mehr etwas dergleichen getan.

00:26:14 Fredi: Merkt Ihr etwas?

00:26:21 Gabriel: Nein gar nicht, ich habe jetzt also schier wieder besser Ruhe wieder, weder die andern. Von mir wissen sie es jetzt einfach, wie ich mich verhalte. Ich war einfach immer so, auch schon bei etwas anderem. Ich bin einfach grad heraus und sage was ist, und nachher wissen sie es. Nicht eine Stunde das sagen, und die andere Stunde wieder etwas anderes.

00:26:49 Fredi: Also man weiss, woran man ist?

00:26:58 Gabriel: Einfach, wenn zwei andere wieder etwas ändern, sind sie wieder bei den zweien, und ist das wieder recht beim andern, dann sind sie wieder beim andern, und ich sage einfach grad heraus, was ich denke, und dann nachher wiesen sie was.

00:27:22 Ende V 20

ZitationsvorschlagVideo: Murer, Fredi M./F 9103-20
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