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Band Nr. V5, Video-Protokoll: "Der Grüne Berg", Familie Niederberger: Landwirte Münchmatt, Teil 1 (1990, Fredi Murer)


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SignaturF 9103-05
BestandF_9103 Dokumentation DER GRÜNE BERG [VIDEO]
Bestandesbeschrieb

Die Nationale Genossenschaft zur Beseitigung radioaktiver Abfälle (NAGRA) plante Ende der 1980er im "Wellenberg" bei Wolfenschiessen im Kanton Nidwalden ein Endlager. Fredi M. Murer dokumentierte in seinem Film "Der grüne Berg" (1990) den Widerstand der Bevölkerung und die politischen Aushandlungsprozesse. Der Film wurde 2025 digitalisiert und restauriert. In diesem Zusammenhang wurde auch das S-VHS-Kassetten vorhandene Rohmaterial der Interviews digitalisiert. Der Bestand Dokumentation DER GRÜNE BERG umfasst 57 Interviews, die Fredi M. Murer 1989 und 1990 mit der betroffenen Bevölkerung, Vertretern der NAGRA, Widerstandsgruppen, Politiker:innen und Wissenschaftler:innen führte. Das Material wurde im Rahmen eines Memoriav-Projekts und der Unterstützung des Kantons Nidwalden (Amt für Kultur) digitalisiert. Als Basis für die Erschliessung dienten schreibmaschinengeschriebene Transkripte von 1990 (oft ins Hochdeutsche übertragene Wortprotokolle), die orginal wiedergegeben werden. Zur besseren Orientierung im digitalen File wurden sie mit Timecodes versehen und mit einem Abstract ergänzt.

Die Nationale Genossenschaft zur Beseitigung radioaktiver Abfälle (NAGRA) plante Ende der 1980er im "Wellenberg" bei Wolfenschiessen im Kanton Nidwalden ein Endlager. Fredi M. Murer dokumentierte in seinem Film "Der grüne Berg" (1990) den Widerstand… — mehr...

AbstractBand V5 dokumentiert Hanspeter und Paula Niederberger auf dem Hof Münchmatt, der seit 1919 ununterbrochen in Familienbesitz ist. Sie beschreiben ihren Mischbetrieb mit 11 Kühen, 15 Rindern, 60–80 Hühnern und einer 4-Aren-Himbeeranlage. Paula betont ihre Freude an Gartenarbeit und Selbstversorgung. Hanspeter erzählt wiederum von der ersten Nagra-Einladung, die er zunächst ignorierte. Als das Ehepaar per Radio von dem Endlagerprojekt erfuhr, lasen sie doch noch den Brief, der eine Einladung für einen Orientierungsabend enthielt. Von Sondierstollen und unterirdische Labors war damals noch nicht die Rede. Sie äussern Bedenken über Beton- und Aushubmengen sowie über die helle Beleuchtung und den Lastwagenverkehr auf dem Schulweg der Kinder. Danach folgen Ausführungen über den Standortstreit eines Endlagers (dichte Bevölkerungskerne mit viel Stromverbrauch – abgelegene, wenig besiedelte Täler mit wenig Stromverbrauch), über die Bedenklichkeit des Primats von Wirtschaft und Profit, der Tendenzen einer Wegwerfgesellschaft oder die bauwirtschaftliche Umweltverschmutzung. Ebenfalls äussern sie Kritik an den landwirtschaftlichen Vertretern im Gemeinderat, die sich Experten unterordnen und an den Methoden der Nagra im Vorgehen gegen die Opposition der Landwirte. Abschliessend reflektieren sie die Verantwortung gegenüber ihren Kindern und kommenden Generationen.
Für die weiteren Teile des Gesprächs siehe das Videomaterial in Sozarch_F_9103-06a (Teil 2) und Sozarch_F_9103-06b (Teil 3).
Urheber
  1. Murer, Fredi M.
Copyright
Schlagwörter
  1. Umwelt
  2. Umweltpolitik (allgemein)
  3. Abfallwirtschaft
  4. Abfalllagerung
  5. Lagerung radioaktiver Abfälle
Geopolitik
  1. Europa
  2. Schweiz
  3. Nidwalden
Periode
  1. Neuzeit
  2. 20. Jh.
  3. 1951-2000
  4. 1981-1990
  5. 1989
  1. Neuzeit
  2. 20. Jh.
  3. 1951-2000
  4. 1981-1990
  5. 1990
Verleger
  1. Murer, Fredi M.
Objektträger
  1. bewegtes Bild
  2. Video
  3. S-VHS
Sprache
  1. schweizerdeutsch
Detailinformation
Niederberger Hanspeter und Paula, Landwirte, Münchmatt
1. Tochter: Ursula, 2. Tochter: Pia, 3. Bub: Ueli, 4. Baby: Erich
Haushaltshilfe (links): Priska 19 Jahre, von Obwalden

00:03:17 Er HP: Wir sind seit anno 1919 auf dieser Liegenschaft. Dann hatte sie unser Grossvater gekauft. Und ich habe sie anno 1983 übernommen von meinem Vater. Seither bewirtschaften wir sie zusammen mit meiner Frau. Und das Land ist hier in der Berzone 1. Es ist alles vorhanden, Reinli, entlegenes aber für uns ist das Gebiet einfach zu bewirtschaften (kleiner Sohn schreit, unbrauchbar!)
Den Betrieb bewirtschaften wir… (Söhnchen auf seinem Knie schreit, er hört auf und umarmt ihn lachend.)

00:06:17 Der Betrieb ist seit anno 1919 in unserem Familienbesitz. Dazumal, 1919, hat ihn mein Grossvater gekauft. Es ist recht gelegenes Land, es dazwischen wieder ein Reinchen (Sumpfgebiet?), was die Bewirtschaftung etwas erschweren, aber für unsere Verhältnisse sehr gute Bewirtschaftungsverhältnisse.
Es tut etwa so 11 Kühe und 15 Rinder. Wir, ich und meine Frau haben es seit dem 1.Mai 1983.

FMM:

00:07:33 Sie: Die Hühner, das ist mein Bereich. Ich habe ca. zwischen 60 und 80 Hühner. (Der Sohn schreit) Himbeeren Kultur 4 Aren.
Die Kinder haben den Tisch verlassen. Bis auf die 2 grösseren. Sie klettern auf dem Tisch umher. Sie tut den einen ins Bett.

00:12:12 Neubeginn: Er und Sie am Tisch.
Ja diese Liegenschaft ist im Familienbesitz seit anno 1919, damals hat sie mein Grossvater gekauft. Diese Liegenschaft ist seit anno 1919 im Besitz von unserer Familie, damals hat mein Grossvater diese Liegenschaft "Münchmatt" gekauft. Es ist relativ gelegenes Land. Leichte Probleme machen verschiedene Reinchen dazwischen, wie auch ein Bächlein, wo für die Bewirtschaftbarkeit nicht so einfach ist, vor allem mit den Maschinen. Haben tun wir 11 Kühe und 15 Rinder und als kleiner Nebenerwerb im alten Gaden 2 bis 3 Muttersäue, gegenwärtig sind es nur 2, wir züchten Sauen, aber vom Platz her ist das Mästen nicht so günstig. Dann haben wir dort drüben ein kleines Hobby, das sind unser 2 Schäfchen.

FMM: …

00:15:06 Sie: Ich habe vorwiegend die Hühner. Ich habe so ca. 60 bis 80 Hühner und die haben Freilauf bei uns. Daneben haben wir noch eine kleine Himbeeranlage, die ist so ca. 4 Aren, und wir haben beide Freude daran. Und an was ich auch Freude habe, sind Garten, Blumen, Gemüse natürlich auch, für Selbstversorgung, das mache ich also möglichst all es selber.

FMM: …
… vorwiegend Salat, Blumenkohl, Brokkoli, Kohlräbli Lauch, Zwiebeln, Rüebli und – Selleri kommt da hinten nicht, sonst kommt sozusagen alles.

FMM: Baumbestand?

00:16:20 Er: Ja wir haben vor allem - eh - viel Obstbau auf dieser Liegenschaft, aber das sind natürlich vor allem alte Bäume. Früher war das natürlich von viel grösserer Bedeutung gewesen als heute und wir, gegenwärtig können nur für uns selber etwas einkellern und alles andere ist nur noch Mostobst. (Töchterlein hat dem Vater eingehängt und schaut in die Kamera) schön!

00:18:02 Wellenberg Nagra
Er: Es ist so gewesen, wir haben überhaupt nie so etwas geahnt. Ich habe am Vormittag Post bekommen und da war ein Brief dabei von der Nagra. Und ich habe diesen Brief sozusagen in eine Egge geworfen: Von der Nagra will ich keine Post! Und danach ist dann das am Mittag im Radio gekommen, im Regionaljournal, und in den Nachrichten, und dann bin ich den Brief wieder holen gegangen und habe ihn gelesen. Und das ist einfach die Einladung gewesen für ein "Orientierungsabend" für die Bevölkerung. Ich bin natürlich nicht so glücklich gewesen und bin eigentlich gerade zum Nachbar gegangen, um das zu besprechen nach dem Z'mittag. Wir haben nicht ein so gutes Gefühl gehabt, jedenfalls. Vor allem ich habe gerade so "ä chli" das Gefühl gehabt, dass gerade so in diese Gegend den Stolleneingang "prichen" wird von der ganzen Geologie her.
Was ja dann Weiteres gewesen ist an dieser Orientierungsversammlung, ist ja weiteres bekannt.

FMM: Der erste Eindruck?

00:20:24 Sie: Ja man hat natürlich studiert, was jetzt alles da? :Endlager!?
Er: Ich würde schon sagen, es ist eigentlich schier mehr von Endlager die Rede gewesen, in der ersten Orientierung, als von Sondierbohrung.
Sie: Das ist erst nachher gekommen, dass es ein Sondierstollen geben soll und diese Labors drinnen.
… Sie spricht von Ständerat, eher ungenau …
Er: Die Nagra hat ein Gesuch eingereicht, um da hinten bohren zu können, das ist natürlich zweierlei.

FMM:

00:22:37 Er: Ja wir haben natürlich schon Bedenken gehabt, auf verschiedene Hinsichten. Dass wir natürlich nicht gerade Freuede gehabt haben, dass überhaupt da hinten ein Endlager geben soll, haben wir auch Bedenken gehabt gegen die Sondierbohrungen. Wenn man das einfach "schnappt", ohne weiteres, kann man nachher ganz sicher auch nicht mehr Nein sagen.
Wo es um den Sondierstollen gegangen ist, ist natürlich ganz klar, einen wahnsinnigen Werkbetrieb, das gibt ja so x-tausende von Kubikmeter, ja x-millionen Kubikmeter von Aushub und auch riesige Mengen von Beton, wo es wieder braucht, drinnen und das wird einen unsinnigen Verkehr nach sich ziehen und einen Lärm. Das haben wir sicher auch nicht so gerne bei uns hinten, und wo wir in unserem engen Tal ohnehin schon belastet sind durch unsere Strasse nach Engelberg hinein. Und wir haben auch daran gedacht, in diesem Zusammenhang, dass bis das soweit ist, unsere Kinder über diese Strasse in die Schule gehen müssen. Dann friert es einen noch mehr, weder wenn man nur schon das andere nur schon weiss.

FMM:

00:25:02 Er: Ja an und für sich ist es natürlich schon so, dass in der Stadt und Agglomeration die grossen Fabriken stehen und die verbrauchen eigentlich den grossen Strom, und wir, die eigentlich sehr wenig Strom brauchen im Verhältnis, sollen dann den Abfall nehmen.

00:25:35 In diesem Zusammenhang haben wir schon auch Bedenken gehabt und gedacht, ist denn das das Richtige. Nur darüber kann man natürlich … jeder kann sagen der andere soll es nehmen, das ist uns schon auch klar gewesen. Aber es hat uns gleich zu denken gegeben. Es sind immer Vorwürfe gekommen, wir brauchen auch Strom, aber wenn man die Verhältnisse anschaut von der Strommenge die wir brauchen, müsste man schon andere Massstäbe ansetzen, vielleicht!
Hingegen, die intakte Landschaft ist in erster Linie durch die Bautätigkeit gefährdet, die wir seheh! Und alles andere, wo wir befürchten, durchs Endlager später, das ist natürlich schwierig zum Sagen, für einen «Gewöhnlichen» wie unserereiner!
Wir können nur glauben was die andern sagen. Und was die "zanggeen herum", der eine sagt das und der andere dieses, das wissen wir auch. Aber solange wir nicht Klarheit haben und wissen, Sicherheit haben, können wir ja da nicht irgend jemandem vertrauen. Wir gehen da auf die Punkte von Sicherheit, und da müssen wir wirklich auch an unsere Kinder denken, in was für einer Welt die leben müssen, wenn wir das da hineintun, einfach in der Meinung, wenn man es nicht mehr sieht, sei es fort.
Und das finde ich nicht so eine kluge Überlegung.
Und ich bin vor allem auch ein starker Gegner, und bin immer gegen das Ganze gewesen, habe immer gewagt.
Und ich bin vor allem immer auch ein starker Gegner und gegen das Ganze immer gewesen, -ich habe getraut, mich auf die Gegnerseite zu stellen, weil ich das Gefühl gehabt habe, man muss gegen das opponieren, sonst:
Wenn die ein Endlager haben, sei das die Nagra, es sind ja die ganze Lobby in diesem Sinne zusammengeschlossen, das sind Zusammenhang mit den Banken, mit unseren Elektrizitätswerken, und die ist genau die, wo gegen den anders erzeugten Strom ist. Und das finden wir halt schon "ä chli" schlecht, oder, die tun, diese ganze Lobby-Gesellschaft zusammen,- wenn die ein Endlager haben, sind natürlich bereit wieder alles zu machen und sagen:
Wir haben jetzt hier ein Endlager jetz können wir darauf loslassen. Das ist gar nicht unsere Meinung. Ich sehe eben in vielen anderen Sachen den Zusammenhang, den ganzen wirtschaftliche Zusammenhang, wo meiner Meinung nach die Wirtschaft viel zu hoch oben läuft, von mir aus gesehen. Und weit nicht mehr auf einer gesunden Ebene mehr ist. Das geht auch mit allen anderen Abfällen. Da könne man jeden aufzählen und das hat einen Zusammenhang, wo ich das Gefühl habe, das hat alles mit dieser Wirtschaft zu tun. Und wenn man die Wirtschaft mit dem Stromverbrauch nun wieder geht nach oben zu drücken, wird es noch schlimmer, und so machen wir uns selber kaputt. Und das gibt einem halt den schon … (Bandüberspieleung abgebrochen!)

FMM: Verantwortun?

00:30:38 Er: (HP in Grossaufnahme)
Ja, an und für sich finde ich, dass die Verantwortung gegenüber dem atomaren Problem nicht so (ganz) sehen. Sie haben das Gefühl, dass die Wirtschaft erhalten sein müsse, das sei das Wichtigste, und alles andere, das täte man dann schon lösen. Die Wirtschaft löse die Probleme dann schon wieder, wo die Wirtschaft gibt. Das ist ihre These, das habe ich also schon gehört von einem GR. Aber ich bin der Meinung -man kann ja schon sagen, die Wirtschaft löse die Probleme schon wieder-, zum Beispiel führe ich jetzt hier das Beispiel auf: Man hat hier in unserer Gegend, was darf ich sagen, vor 30 Jahren das Problem der Wasserverschmutzung erkannt. Jetzt hat man in unserer Gegend, von jedem Restauräntli auf jedem Berg oben eine Leitung ins Tal hinunter machen müssen, und diese Kanalisationen, Zuleitungen machen, man kann sagen, von allen Himmelsrichtungen. Km um Km, solche Ware ist verlegt worden, alles mit Maschinen, alles ist gemacht worden was wiederum als Umweltverschmutzung geht, während der Bauphase. Und zweitens, jetzt haben wir das alles dort unten in der Aare, aber dort unten tun sie das Wasser vom andern Zeug scheiden, jetzt haben sie einfach einen Berg anderes Zeug und die wissen nicht was machen mit dem. Der Dreck ist genau gleich da. Er ist jetzt einfach nicht mehr im Bergrestaurant, im Titlis, im Jochpass im Gummen oben, aber der Dreck ist genau gleich auf unserer Welt. Vor 20 Jahren haben die im heiligen Ernst geglaubt, wenn man das einfach zuleite, sei das Problem gelöst. Ich finde, wenn die Wirtschaftslösungen so sind, müssen wir einmal an einem Ort anders denken. Darum habe ich das Gefühl, das dürfen wir nicht mehr einfach so schnappen, und darum müssen wir kritischer an solche Leute herangehen und nicht einfach die Wirtschaft heraufdrücken wollen, dann gibt es noch mehr Probleme.

00:33:12 Ich erinnere vielleicht an Probleme von Plastikzeugs. Wir produzieren heute sehr viel Zeug aus Plastik, und was ist Plastik was? Plastik verfault an und für sich nicht wie Holz oder irgendetwas, und wir werden riesige Probleme haben mit diesem Abfall. Wir haben in kürzester Zeit eine so riesige Produktion von Plastiksachen, was wollen wir dann machen mit diesem? Da tut sich die Wirtschaft wieder ein Risenproblem auf den Hals binden und das sieht man erst wieder, wenn es nicht mehr weiss, wie daraus schnaufen.

00:33:44 Und das dürfen wir doch nicht mit dem Atommüll machen, wo eben keine vergleichbare Sache herum ist, wenn man eben die Wirkung,– sagen wir die radioaktive Verstrahlung – wenn diese sich wirklich einmal ausbreiten würde, da gibt es kein ähnliches Projekt, die eine solche Gefahr in sich birgt; und das über, – ja man kann sagen über tausende von Jahren – und das kann ja niemand verantworten, das kann kein Politiker verantworten, auch kein Ogi kann das verantworten, der kann… der ist in Gottsnamen auch nicht fähig das zu sagen, auch wenn er Bundesrat ist und er unsere Gegend vielleicht einmal zu dem vergewaltigen wird, dass wir das Endlager nehmen müssen. Aber diese Sicherheit und diese Gewähr ist bis jetzt nicht erbracht, wie das Projekt Gewähr eigentlich erzählen tut. "Das stimmt nicht". Das kann ich so gut behaupten, wie, wo behaupten dürfen, es sei erbracht.
(Schwenk von Kopf auf gefaltete Hände)

FMM: Trotzdem übernehmen die Politiker die Verantwortung?

00:35:32 Er: Eben, darum habe ich vorher gesagt, vom "Endlager" zu reden, oder. Ich habe einfach das Gefühl, die RR, die zuerst eigentlich direkt dafür gewesen sind, haben gedacht:
Ja das gibt in unsere Gegend einmal Verdienst, wenn wir diese Sondierbohrungen und diesen Stollen haben, das gibt ein riesiges Bauvolumen. Das glaube ich, ist ihr erster Gedanke gewesen, die haben ja noch daran geglaubt, dass das Endlager auch wirklich kommen könnte. Erst aus unserer Angst heraus, haben sie lernen müssen, dass wir recht haben könnten, dass es ja wirklich auch so sein könnte, dass man einfach sagt: Ja die da hinten, das passt uns tip-top, jetzt könnten wir es doch da "hinerä" bringen.
Ich habe das Gefühl, es ist noch schwer aus diesem heraus entstanden, und darum sind auch, – ich getraue zu sagen – die Regierung kritischer geworden, als sie zuerst gewesen ist.

00:36:27 Und was Geld - eine Rolle spielt? - direkt Geld? – es wird schon auch in vielen Köpfen herumgehen. Ich glaube, jedenfall ganz sicher zuerst "herumgegangen", in der ersten Phase, also das ist also in unserer Gemeinde, in unserem Dorf ist das ganz klar herumgegangen, die wo einnigermassen dafür gewesen sind, die haben davon geträumt, dass, ich weiss nicht, wir steuerfrei werden, dass die Nagra uns eine Dorfumfahrung mache, dass es, ich weiss nicht, was alles gäbe, und wir sozusagen finanziell in ein Glück hineinschwimmen mit dem. Und das ist glaube ich schon eine Illusion gewesen, wo sie "hibschli" anfangen zu merken.
Und ich muss dazu noch auch sagen: Auch wenn es das noch gäbe, ist das doch "keine angemessene Entschädigung x-welcher Art" und dann muss ich zusätzlich auch noch sagen, dass wir nicht nur direkt betroffen sind, dass die einfach im Klaren sein müssen, auch der in Bern oben ist genau so gefährdet, wie der in Zürich unten. Nicht ganz so nahe beim Endlager wie wir jetzt in (erster) Priorität von diesem Endlager, aber mit allen Atomkraftwerken, die wir rings um uns herum haben, so nahe von Frankreich, usw. da muss man "ä chli" anders denken, und ich bin der Meinung, das müssen sie probieren, europäisch zu lösen.

00:38:02 Aber sie können nicht nur denken ja, wir lochen das nun in den Boden hinein, wir tun nur für uns in der Schweiz schauen. Und wenn wir zu wenig Strom haben, können wir in Frakreich drüben beziehen. Das ist falsch. Da muss man in Gotts Namen auch für etwas anderes bereit sein. Und wir haben Quellen! Und unsere, ich sage jetzt, unsere Elektrizitätswerke, schweizerisch gesehen, die haben kein Interesse und wollen das möglichst vermeiden, dass von anderer Seite Strom produziert wird. Ich habe jetzt gerade, also in der Lanwirtschaftlichen Zeitschrift ist ganz klar aufgeführt, man könnte für 13 Rp. vom Biogas den Strom heute erzeugen aber sie bezahlen nur 9 Rp. und dann ist es halt schwierig für uns. (Ende Grossaufnahme)

00:39:32 FMM: Ich habe den Eindruck, wer den Stolleneingang oder den Wellenberg nicht mit eigenen Augen sieht, der kümmert sich kaum um die Sache des Endlagers?

00:39:40 Ja ganz so einfach wird es nicht sein, aber es dünkt einem manchmal schon "ä chli" so, auf die eine Seite. Aber ich bin halt der Meinung, denen im Dorf vorne ist halt oft gesagt worden, was nicht ganz so ist, wie es der Wirklichkeit entspricht: hinsichtlich "Geld", hinsichtlich: "das ist kein Problem", usw. Nämlich, wenn man denn noch weiter weg geht, gehen wir auf Stans, gehen wir auf Ennetbürgen, Buochs, dann sind sie dann wieder unserer Einstellung. Also ist das doch nicht nur Distanzen, sondern das ist Beeinflussung "von anderer Stelle". Und ich habe da manchmal ein ungutes Gefühl gehabt, von der Beeinflussung her.

FMM: Gemeindeabstimmung gegen Vernehmlassung Gemeinderat ist einstimmig dafür.

00:41:14 Das ist ein ganz schwieriges Problem, wo mich auch viel beschäftigt. Oder wir haben ja 4 Landwirtschaftsvertreter. Ich sehe das Problem so, dass sie allzu hörig sind, noch. Sie glauben einfach vom andern, von dem sie meinen, er wisse mehr, und dann geben sie dem halt recht. Und zB. getrauen sie sich nicht irgendwie mit ihrer Meinung gegen einen Gemeindepräsident aufzutreten, sonst tut man den Ratskollege verletzen, oder ich weiss nicht wie man dem sagt. Und das finde ich jeweils nicht so gut, oder.

00:41:56 Und dann tun sie dies halt vertreten. Es ist auch, ich will auch nicht gegen diese Landwirtschaftsvertreter anfahren oder so, sondern es geht wirklich darum, dass sie sich in diesem Bereich leiten lassen und denen, von denen sie glauben, dass sie recht haben, denen recht geben und sich nicht mehr getrauen, sich durchzusetzen, oder so.

00:42:22 Und im Regierungsrat ist es äh - ich finde schon auch, es ist ähnlich. Aber dort sieht es noch mehr gegen «oben» so aus, oder. Sie tun zB. - unser RR meint sie täten der Schweiz einen Gefallen und jemand müsse das ja einmal übernehmen und von dem her glauben sie jetzt, seien sie schon "ä chli" die Guten, wenn sie das machen, oder. Ich finde es natürlich "ä chli" eine komische Haltung, wenn die Bevölkerung nicht will (wott) und sie wollen, im Sinne, dass sie die Guten sind in Bern oben.

FMM: Eher als Gefälligkeit und nicht des Geldes wegen?

00:43:17 Ich habe ja gesagt, oder, zuerst, sie rechnen eigentlich in dem Sinne an die Finanzen, dass sie zuerst gerechnet haben mit den Sondierbohrungen und dem Sondierstollen mit solchen Sachen mit Planungen und so, das gibt Geld, oder. Aber im Geheimen haben sie gedacht, das kommt nicht zu uns "hinerä". Aber von allem, was man in der Zwischenzeit gehört hat, haben sie etwas mehr Skepsis bekommen. Das haben wir ja gemerkt, oder.

00:33:42 Eh (seufzt) – es ist ein heisser Lauf in der Regierung drinnen, die zuerst ein Kameradschaftsteam gewesen sind und haben wirklich auch nicht getraut: Und dann muss man sagen, ein Regierungsrat,- sie sind ja nebenamtlich, oder, also haben sie "irgendwelches" Geschäft, sei es eine Landwirtschaft, sei es ein x-anderes Geschäft daneben, - sie werden ja dort auch noch etwas zu tun haben und dann haben sie ein riesiges Volumen von x-was es dann ist, als RR, und da kommt dazu noch das Nagra-Problem und das sehe ich jetzt in der «Arbeitsgruppe Kritische Wolfenschiesser" (AKW), oder:

00:44:27 Wir haben eine Zeit lang fast jede Woche eine Sitzung gehabt und das sind 4 Std. Sitzungen gewesen und dazu sind noch einige Stunden Vorbereitungen gekommen, – also Sachen wo man lesen musste und "ä chli" studieren, damit man nur einigermassen einen Oberblick gehabt hat vom ganzen Problem. Und ich gebe zu, dass das einer so nebenher nicht auch noch erledigen kann, sonst muss der doch die Zeit irgendwoher nehmen. Das habe ich schon gemerkt und habe mich nie so intensiv befasst, wie die andern Gruppenmitglieder, oder. (Schwenk auf die Hände)

FMM: Sind sie aus diesem Grunde Experten gläubig?

00:45:07 Nein von der Information her, sie können ja nicht ins Detail gehen, sie können es ja zu wenig genau studieren, von mir aus gesehen. Das ist gar nicht mehr möglich.

FMM: heisst das, dass der RR (Regierungsrat) die Verantwortung an die Experten delegiert?
Die Methoden der Nagra?

Ja die Nagra hat schon spezielle "Methedili", das ist wahr. Aber eben das sind gut bezahlte Juristen, die da drinnen sind und die sind natürlich schon im Stande, mit verschiedenen Mitteln da aufzutrumpfen, oder. Und eben, wo ein gewöhnlicher Bauer, wie unsereiner schon ein bisschen Mühe hat vielleicht, dann darzuhalten, das ist ja ganz klar, oder. (Schwenk auf die verschränkten Hände)

Und dann kommt dazu, dass man eben viel zu schnell "verchlipfen" (erschrecken) tut, das muss ich sagen. In dieser Sache habe ich viel gelernt, in dieser Beziehung, man hat nicht mehr so schnell Angst "ab detigen" vor solchen, die sind nicht so viel mehr Mensch als wir und – aber dann die andern noch überzeugen können, wenn sie da sind, das ist einfach schwierig, oder.
Das ist wahnsinnig schwierig. Ich erinnere vielleicht an die "Hirtigemeinde", wo wir neben denen das andere hatten vertreten sollen. Und dieser hat den andern einfach gesagt: Wenn ihr jetzt nicht JA sagt, werdet ihr enteignet, und dann habt ihr noch weniger und dann habt ihr grad gar nichts, und so. Und wir haben halt nicht einfach darlegen können, dass das nicht so ist. Klar, wir haben es nur behauptet. Na bitte, wer hat dann geglaubt? Jetzt sind wir halt hinten hinab gekommen, aber ich habe das Gefühl, ich bin heute noch voll überzeugt, dass das total daneben gewesen ist, in jeglicher Hinsicht, diese Entscheide, die dort gefallen sind. Aber die sind einmal gefallen. Aber das ist eben auch so eine Sache. Das sind Kollegen, die in so einem Rat drinnen sind, im "Hirti"-Rat, es sind gute Kollegen zu uns soweit, wir müssen ja viel mit denen verhandeln und so, wir leben mit denen zusammen,– für die gibt das einen riesigen Arbeitsaufwand: Die haben ja 5 Verträge mit der Nagra
gemacht und es ist dann noch nicht der richtige gewesen, mit dem sie zur Gemeinde gekommen sind. Sie haben ihn eine Viertelstunde vorher noch abändern müssen, damit er genehmigt worden ist. Und ich finde, – ich weiss nicht, wie ihr das sehet, wenn wir zwei einen Vertrag machen möchten, wenn ich euch den 5. Vertrag vorlegen würde und ihr immer noch nicht einverstanden wären, was sagtet ihr zu mir. Da müsstet ihr ja sagen: Ja nein mit so einem verhandle ich doch gar nicht mehr, von mir aus gesehen. Der will mich doch mit allen "Methedili" legen, das ist doch ganz klar gewesen. Aber das haben gewisse Leute nicht eingesehen, ich weiss nicht woher das kommt, das sind immer wieder diese Sachen, die ich sage: Beeinflussung! Woher diese jeweils kommt? – das haben wir uns schon manchmal gefragt.

FMM: Was heisst "Hirti"?

00:49:06 "Hirti"? - das ist die Korporation "Boden" Wolfenschiessen, der dieses Land gehört, wo (…) die Sondierbohrung drauf ist und ein Teil von der Zufahrt zum Sondierstollen. Und Korporation sind nur die Bürger, die Bürger von Wolfenschiessen sind - wie muss ich sagen, einfach so wie es so ist mit diesen K., es sind ja der gewissen drin oder.

FMM: Was gibt es für den Betroffenen für Möglichkeiten Widerstand zu leisten?

00:50:31 Ja eben schon nur über die Einsprachen, quasi. Sonst haben wir gar keine. Das kommt ja alles von Bern aus, die können ja machen, was sie wollen, das ist ja im Atomgesetz festgelegt, nicht.
Ehh – ich kann da vielleicht ein Beispiel anführen. Ich weiss nicht, ob es hier so ganz klug ist, aber ich sehe einfach jetzt ein Problem von der Deponie "Mettlen'', wo ja einige 100-tausend Kubikmeter Deponie vorgesehen ist, der Besitzer von dieser Liegenschaft ist noch nie von der Nagra orientiert worden zu dem Zeitpunkt, wo das Gesuch von der Nagra auf Bern gegangen ist. Der hat persönlich noch nichts gewusst von dem. Er hat es nur auf Umwegen vernommen, dass sie das möchten. Das ist von mir aus gesehen ein Beweis, dass sie einfach ohne jegliches Mitmachen von der Bevölkerung entscheiden, sondern sie machen jetzt das, und fertig. Wir haben nur die Möglichkeit gehabt über Einsprachen zu opponieren.

FMM: Was hat sich in diesen 3 Jahren verändert?

00:51:53 Ja das ist seit dem 26. Nov. 1986, das sind im Nov. wieder 3 Jahre, also gut 2 1/2 Jahre seit dem, als wir zum ersten Mal davon gehört haben. ich muss sagen, damals habe ich noch sehr wenig gewusst von Atom und so, ich habe eine ungefähre, kleine Ahnung gehabt, was das sein könnte, oder ist. Seit dann hat man sich eben viel damit befasst, auch mit dem ganzen Umweltproblem, und ich "wett" (möchte) sagen, im Zusammenhang mit dem Atom selber, ist einige Erkenntnis über einen gegangen, man weiss heute, wie das, also der atomare Abfall gelagert wird. Die Orientierung und alles haben wir ja bekommen, wo man das ja vorher gar nicht gewusst hat. Dass das in einen eisernen Container kommt und so, und einbetoniert und in diesem Sinne im direkten Verfahren nicht mehr so grosse Gefahren mehr bestehen, wie ich im ersten Moment Angst gehabt habe. Aber eben was entwickelt sich in den nächsten 100 Jahren in X-hundert Jahren, darüber müssen wir Angst haben, das weiss niemand, das kann mir niemand angeben. Nur weil man jetzt seit vielleicht 50 Jahren, oder 60 Jahren etwas vom Atomzeug kennt, kann niemand sagen was in 1000 Jahren ist, sondern die Erfahrung zeigt, das ist bei allem so gewesen, wie lange es dann dauert, und ob es dann gut ist. Das zeigt erst die Erfahrung und es können dann die, die dann leben einmal sagen, ¬– falls sie dann noch leben.

Verantwortung für 700 Jahre, wie sieht es hier in 700 Jahren aus?


00:54:10 Ja das sicher nicht. Ich glaube wir können das jetzt nur in dieser kurzen Zeit sagen, wo ich ein kleiner Bub gewesen bin, ein Foto anschaue, von dazumal von unserer Liegenschaft und wie es heute aussieht. Das sind verrückte Veränderungen. Und wenn man dazu rechnet, diese wahnsinnig Schnelle – wie schnell wir leben in unserer Schweiz, wenn man dem so … (sagen kann) Schnelllebigkeit, oder, das ist einfach wahnsinnig, wie sich die Welt verändert. Mit unseren unsinnigen Maschinen und was wir alles auffahren können. Wir machen sehr vieles, ob es gut ist, "fragt sich"! Darum habe ich die Wirtschaftlichkeit angesprochen. Wir meinen es sei wirtschaftlich, wenn es einfach Geld gibt in der ersten Phase. Ob es dann in 100 Jahren noch so klug ist und unserer Nachkommenschaft das auch noch vermittelt?

FMM: und Sie (die Frau)?

00:55:16 Sie erzählt, dass sie zu Hause bis zu 15 Personen am Tisch waren, sich mehr Zeit genommen hatten, Tanten, Onkel, Grossmutter usw. Dass die Grossmutter oder Mutter Märchen erzählt habe, und zwar nicht ab Kassettli. Ich versuche den Kindern das vorzuleben, was ich selber gut finde …
(Sie erzählt, wie sie ihre Kinder kreativ erzieht)

00:58:55 Ende Kassette:V 5

ZitationsvorschlagVideo: Murer, Fredi M./F 9103-05
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