| Signatur | F 1021-908F_preview |
| Bestand | F_1021 Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen erzählen - UNIA Oral History Projekt [TON] |
| Bestandesbeschrieb | Die Gewerkschaft UNIA hat 2013 das Projekt "Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen erzählen" lanciert. Serie 1 (entstanden 2013) umfasst 16 Interviews, Serie 2 (entstanden 2015) umfasst 8 Interviews, Serie 3 (entstanden 2016/2017) umfasst 17 Interviews. Die ausführlichen Gespräche geben Auskunft über Herkunft, politische Sozialisierung und die praktische Gewerkschaftsarbeit. Ebenfalls diesem Bestand zugeordnet sind 6 Interviews, die Rita Schiavi 1982 und 1983 mit wichtigen Gewerkschaftsexponenten geführt hat, und das Interview, das Fredi Lerch 2011-2012 quasi als Pilot mit Roland Roost geführt hat. - Online sind aus vertraglichen Gründen nur kurze Ausschnitte zugänglich. Die Interviews können aber im Lesesaal des Schweizerischen Sozialarchivs konsultiert werden. Für publizistische Zwecke (Ausstrahlung - auch nur von Teilen des Gesprächs - in elektronischen Medien, Verbreitung von Tonträgern, Publikation von Transkriptionen etc.) ist die Einwilligung der interviewten Person einzuholen. Übersicht über die interviewten Personen: Serie 1 (16 Interviews): Yolanda Cadalbert, Henri Chanson, Heinz Dreyer, Rita Gassmann, Fernando Gianferrari; Marijan Gruden, Peter Küng, Dario Marioli, Peter Nabolz, Josiane Pasquier, Fritz Reimann, Roland Roost, Pierre Schmid , Vincenzo Sisto, Gilbert Tschumi , Max Zuberbühler. Serie 2 (9 Interviews): Christiane Brunner, Bruno Cannellotto, François Favre, Ruth Jäggi Ernst Jordi, Raffaelle Maffei, Martin Meyer, Hans Schäppi, Claude Vaucher. Serie 3 (17 Interviews): Renzo Ambrosetti, Peter Baumann, Manuel Beja, Franz Cahannes, Antonio de Bastiani, Daniel Heizmann, Francine Humbert-Droz, Bernd Körner, Fabienne Kühn, Beda Moor, Alfiero Nicolini, Vasco Pedrina, Andreas Rieger, Jacques Robert, Rita Schiavi, Fabio Tarchini, Vreny Vogt. Interviews von Rita Schiavi aus den 1980er Jahren (7 Interviews): Eduard Blank, Männi Gloor, Elsi Hasler, Walter Kobi, Elsi Hasler, Traugott Hasslauer, Ewald Käser. Interview von Fredi Lerch, 2011-2012 (1 Interview): Roland Roost. Die Gewerkschaft UNIA hat 2013 das Projekt "Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen erzählen" lanciert. Serie 1 (entstanden 2013) umfasst 16 Interviews, Serie 2 (entstanden 2015) umfasst 8 Interviews, Serie 3 (entstanden 2016/2017) umfasst 17… — mehr... |
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| Copyright | Gewerkschaft UNIA /Schweizerisches Sozialarchiv |
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| Detailinformation | Gespräch V, Bahnhofbuffet Zürich, 27.2. 2012 1. Zur Fiche I [Ich habe letzthin im Bundesarchiv Roland Roosts Fiche und die dazugehörigen Akten fotografieren können. Den Ausdruck der Fotos habe ich ihm vorgängig zugeschickt, so dass er die Unterlagen kennt.] Am 14. Dezember 1977 bist Du im Büro von einem Polizisten besucht und zu deinen Osteuropareisen befragt worden. Du bist der Bundespolizei aufgefallen, weil Du im Pass entsprechende Stempel gehabt hast. Es heisst, Du seist im Rahmen der «Aktion MA» befragt worden und tatsächlich liegen diese Akten in einem dicken Dossier, in dem nichts anders liegt, als analoge Befragungen zu Osteuropareisen im Jahr 1977. Bei der schnellen Durchsicht bin ich keinem anderen Gewerkschafter begegnet. Offenbar hat man damals alle Leute, die der Polizei mit solchen Stempeln im pass aufgefallen sind, im Rahmen dieser Aktion befragt. Du weißt auch nicht, was «Aktion MA» bedeutet? Keine Ahnung. Vielleicht so was wie «Ostkontakte». – Ist dir etwas aufgefallen, jetzt, wo du die Unterlagen noch einmal angeschaut hast? [Roland Roost hat die Dokumente im Anschluss an die Fichenaffäre Anfang der Neunziger Jahre bereits einmal gesehen, sie danach aber weggeworfen]. Nein, nicht speziell. Er hat in seinem Bericht genau das wiederholt, was ich erzählt habe. Aus deiner Sicht ist es korrekt, was der Polizist aufgeschrieben hat? Genau, ja. Mir ist aufgefallen: Offenbar bist du nicht als Gewerkschafter interessant gewesen für den Staatschutz, sondern als Osteuropa-Reisender. Genau. Das haben sie wissen wollen. Du hast später keine Kontakte mehr gehabt mit dem Staatsschutz? Nein. Auch der Staatschutz selbst hat später nichts mehr notiert, ausser deinen Buchbeitrag. Das ist ja eher peinlich, wenn sie fichieren, dass einer einen Aufsatz für ein Buch schreibt. Siehst du, das ist schon subversiv, wenn über Genossenschaften oder über alternative Bewegungen geschrieben wird. Den letzten Eintrag von 1980 habe ich nicht verstanden. Vielleicht sagt dir das noch etwas. Offenbar haben sie dich am Flughafen Zürich kontrolliert. Dann steht das was von Film und Fotos. Hast Du fotografiert, wenn du gereist hast? Ja. Ab und zu habe ich schon fotografiert. Nicht viel. Aber einmal, und zwar war das in Moskau. Dort sind wir ausgestiegen aus dem Flugzeug. Dann habe ich fotografiert, und sofort ist einer auf mich losgekommen und hat mir den Fotoapparat weggenommen. Aber bei diesem letzten Eintrag scheint es um Belgrad zu gehen. Warst du mal in Belgrad? Jaja, aber da habe ich nicht fotografiert. Merkwürdig. Es gibt auch keinen Verweis auf ein Dossier. Hier gibt es dann noch einen Eintrag, dass ich eine Versammlung gehabt habe mit den Streikenden von Burger & Jacobi In Biel. Das habe ich auch nicht mehr im Kopf. Ich weiss zwar, dass ich dort gewesen bin und wir eine Versammlung gehabt haben. Aber ob ich ein Referat gehalten habe, weiss ich nicht mehr. Dort ist Zuberbühler der Streikführer gewesen von der Zentrale her, das war ihm unterstellt. Das war Musikinstrumentenbau, Flügel und Pianos, das ging in sein Ressort. Du warst in jenem Moment schon Zentralsekretär beim SBHV? Jaja. Dann hast du die Auseinandersetzung mehr mitverfolgt? Du hattest keine Funktion? Eine Funktion hatte ich keine. Aber wir haben den Konflikt natürlich in der Geschäftsleitung intensiv verfolgt. Aber ob ich geredet habe, weiss ich nicht mehr. «4.7.1974 war er Redner der Kundgebung für die streikenden Arbeiter in Biel bei Burger und Jacobi.» 2. Polizei und Gewerkschaft Was jetzt herauskommt aus dem Bericht, ist, dass es zu deiner Funktion im Gipserstreik offenbar in Zürich ein Dossier gibt. «Bei unserer Dienststelle liegen Vorakten über ihn aus dem Jahr 1968»… …das müsste wohl 1963 sein. Ich könnte in Zürich nachfragen, ob es diese Akten noch gibt. Aber ich vermute, das wesentliche über den Streik liegt im Sozialarchiv. Das stimmt, da hat es viel. Interessant wäre einfach, wie dich die Polizei damals als Streikpräsident überwacht haben. Während dem Streik, hattest du da mit der Polizei jeweils auch Kontakt gehabt? Wenig, wenig. Höchstens, wenn wir eine Streikaktion gehabt haben. Dass man Baustellen kontrolliert hat und dann die Polizei gekommen ist. Dann hat man mit ihnen diskutiert. Aber die Polizei ist sehr zurückhaltend gewesen. Sehr. Sie hat sich nie direkt eingemischt. Auch wenn’s zu Sachbeschädigungen gekommen ist? Nein, sie hat nicht eingegriffen. Das ist dann zum Nachhinein gemacht worden, die Aufnahmen über Sachbeschädigungen. Aber da hatten wir keinen Kontakt mehr. Ausser es hat eine Strafklage gegeben vom Besitzer der Liegenschaft oder vom Arbeitgeber, vom Gipsermeister. Dann hat es in einem Fall einen Gerichtsfall gegeben – ich gab dir das glaub ich erzählt gehabt –, das war Camenzind. Und dort seid ich dann freigesprochen worden. Ja. Aber sonst, dass sie einmal eingefahren wären, wenn ihr gegen die Streikbrecher vorgegangen seid… …nein. In diesen Fällen hat sich die Polizei immer sehr zurückgehalten. Die haben glaub ich bewusst keine Partei ergriffen. Das ist ja schon interessant. Vielleicht ist Zürich auch ein besonderes Pflaster. In Zürich hat die Streikbewegung natürlich eine lange Geschichte. Es hat ja auch Zeiten gegeben, wo sie gegen die Streikenden mit Militär aufgefahren sind. Und dann hat es sogar Tote gegeben. Ende 1. Weltkrieg? Nein, das war noch vorher . Das hat man dann der Polizei und der Armee schwer angekreidet. Ein Stück weit war das wohl auch ein Erfolg der Arbeiterbewegung. Seinerzeit hat der bürgerliche Staat wirklich noch bewaffneten Klassenkampf geführt. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Linken ja dann eingebunden in die Regierung. Zauberformel mit der SP. Danach hat sich der Staat eher neutral verhalten müssen in solchen Konflikten. Und in Zürich war eben auch die Stadtregierung, der Stadtrat, war in der Regel mehrheitlich sozialdemokratisch. Unter Stadtrat Klöti, der war Stadtpräsident. Das hat sich ja sicher auch politisch ausgewirkt. 3. Zur Fiche II Als Du seinerzeit die Fiche angeschaut hast, als sie dir damals zugeschickt worden ist, erinnerst du dich, dass du damals noch anderes gesehen hast als das, was man jetzt mir gegeben hat? Nein, es ist damals auch etwa in diesem Rahmen gewesen. Dann gehen wir davon aus, dass das, was wir jetzt gesehen haben, vollständig ist? Ich glaube es schon. Es war nicht so umfangreich, wie wir vielleicht vermutet haben. Ich habe mir einfach gedacht, du seist auch als Gewerkschafter überwacht worden. Aber das stimmt offenbar nicht. Überwacht worden bist du nur als Ostreisender. Wie all die anderen bei dieser «Aktion MA». Bei uns war es so, dass wir jeweils eingeladene Gäste gewesen sind. Das lief immer gegenseitig: Wir haben sie eingeladen, und sie haben uns eingeladen. Und dann hat man jeweils Betriebsbesichtigungen gemacht und Diskussionen geführt. Du hast mir ja schon gesagt, dass es solche Besuche auch bei Gewerkschaften in Westeuropa… Ja, klar. …und diese Besuche sind nicht fichiert. Nur der Osten ist interessant, nicht der Gewerkschaftskontakt an sich. Das Risiko war hat bei diesen Ostkontakten. Kannst du dich erinnern: hat dir jener Polizist, der dich befragt hat, Vorwürfe gemacht? Nein, der war anständig. Er war konziliant, hat sich bedankt. Dann kann man eigentlich sagen: Für dich war das ein unproblematischer Kontakt mit dem Staatsschutz? Ja. Dir hätte man ja auch nicht mit Repressionen die Berufskarriere verhindern können. Das war natürlich schon… es hat damals einige Fälle von Ostspionage gegeben. Die sind ein bisschen drauf aus gewesen, ob bei mir etwas in dieser Richtung möglich wäre. Ostspionage innerhalb der Gewerkschaften? Nein, das weniger. Mehr industrielle Sachen, Werkspionage. Oder politische Sachen, über die PdA zum Beispiel. Aber die Gewerkschaften eigentlich… nein. Ihr hattet ja auch eine klare Linie, die ja eben nicht sowjetunionfreundlich gewesen ist. Ja. Und die Gewerkschaften sind ja im grossen Ganzen politisch nicht festgenagelt gewesen. Es hat hier nicht eine kommunistische und eine sozialdemokratische Gewerkschaft gegeben. Das war einfach die Gewerkschaft. Und je nach Fall hat man sich diesen oder jenen zugewendet, die einen oder die anderen unterstützt. Aber nicht dass man da enge Bruderschaft miteinander gehabt hätte. Die Gewerkschaft ist für die ganze Linke gestanden – soweit die Arbeiterschaft überhaupt links ist. Ja, natürlich. Ihr hattet ja sicher auch damals Basismitglieder, die bürgerlich gestimmt haben. Ganz sicher! Ich habe dir ja erzählt die Auseinandersetzung mit Schwarzenbach. Das war ein Drama. Kannst du dich auch an andere solche Konfrontationen erinnern, wo du plötzlich gemerkt hast, das sind ja Bürgerliche. Nein. Aber natürlich hat man in Diskussionen immer wieder gemerkt, dass wir bei unseren Kollegen nicht immer gut angekommen sind mit gewissen Postulaten. Dass sie auch der bürgerlichen Propaganda nachgehinkt sind. Aber im grossen Ganzen kann man sagen sind wir mit unseren Leuten immer auf der guten Linie gewesen. Aber der Schwarzenbach ist wirklich ein Ausreisser gewesen. Gottseidank ist die Abstimmung dann gegen ihn herausgekommen, wenn auch nur ganz knapp. Das wäre für die Schweiz eine Katastrophe gewesen. Um dieses Thema noch schnell abzuschliessen: ist es dir recht, wenn ich bei der Zürcher Polizei noch einen Versuch mache? Man kann mal anfragen. Vielleicht kommt was heraus, vielleicht nicht. 4. Korrektur zum 4. Gespräch Ich möchte noch etwas zum letzten Gespräch sagen – wir gehen ja dann noch einmal alle grob durch. Eine Sache habe ich in diesem vierten Gespräch durchgestrichen: meine Bemerkung über meine Frau. Ich habe halt einfach alles abgetippt. Ist schon klar. – Aber das möchte ich also nicht, dass das irgendwo hinausgeht. Dann streiche ich das in meiner Version auch wieder. Das geht ein bisschen zu tief in die Familiengeschichte. Aber sonst, abgesehen von einzelnen Namen, die nicht ganz stimmen… das kann man dann noch korrigieren. Das werde ich noch exakt überprüfen müssen. – Aber sonst hast du nicht noch weitere Sachen, die geändert werden müssten? Nein. Im grossen Ganzen ist es das, was wir diskutiert haben. 5. Das Thema des V. Gesprächs: Seit 1991 Ich habe ja der Unia-Archivkommission fünf grosse Gespräche vorgeschlagen. Und dieses letzte Gespräch jetzt wäre eigentlich der Frage gewidmet: was ist seit deiner Pensionierung passiert? Und allenfalls auch ein bisschen auf der politischen Seite: Wie hast du die letzten zwanzig Jahre verfolgt? Mal erstens: meine Pensionierung ist ein bisschen ein Schock gewesen. – Ich konnte ja mit 61 pensionieren und habe zuvor gemeint, das sei für mich kein Problem: «Ich gebe meine Sachen ab und dann läuft das.» Aber der Schock war dann: Ich bin plötzlich, von heute auf morgen, von sämtlichen Informationen abgeschnitten gewesen. Wo ich früher Informationen gehabt habe in rauen Mengen, jeden Tag, alles ist bei mir zusammengelaufen als GBH-Präsident, und auch vom Gewerkschaftsprojekt insgesamt, vom Gewerkschaftsbund her, auch über mein Engagement bei der SUVA, das ich mit meiner Pensionierung abgegeben habe,… Was hast du bei der SUVA gemacht? Dort bin ich im Verwaltungsrat gewesen. Die Suva hat ja einen tripartiten Verwaltungsrat. Ich war von der Gewerkschaft dorthin delegiert. – Und dann dieser Abriss von allen Informationen, der hat mir zu schaffen gemacht. Da hat mir grausam etwas gefehlt. Das ist vielleicht einen Monat, zwei, vielleicht noch ein bisschen länger gegangen, ich weiss es nicht mehr, bis ich mich davon erholt habe. Und dann bin ich in einen Zustand hineingekommen, in dem ich mich informiert habe über Zeitungen, Gewerkschaftszeitungen, normale Medien, Radio, Fernsehen und so weiter. Das hat mir dann an und für sich weitgehend gereicht. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich nicht mehr aktuell bin. Du hast in dieser Phase nicht permanent angerufen und nachfragt, wie es laufe? Nein, gar nicht, gar nicht. – Natürlich, wenn ich einen Kollegen getroffen habe, habe ich ihn vielleicht noch etwas gefragt, wie dieses laufe und wie sie bei jenem zu Rande gekommen seien. Aber ganz am Rand. Nicht bewusst, dass ich das irgendwie speziell gemacht hätte. Dann war die Pensionierung für dich wie eine Schocktherapie? Hindurch, und danach ist fertig. Ja. – Wobei, ich habe mich ja eigentlich auch recht lang auf das Pensionsalter vorbereitet. Ich habe gewusst, dass ich mit 62 gegen muss, und habe dann mit 61 gehen können, weil der Kongress nicht ein Jahr später gleich wieder eingesetzt werden konnte, bloss um meiner Nachfolger zu wählen. Darum kam dann am ordentlichen Kongress, als ich 61 war, gleich die Ablösung. Ich habe dann zum Glück noch die Genossenschaft gehabt, die BAHOGE. Dort war ich weiterhin Präsident. So konnte ich mich dem ein bisschen mehr widmen. Wir hatten damals eben mehrere Renovierungsphasen, darum habe ich mich dann mehr interessiert. Dort hatte ich noch zu tun. Aber sonst, an und für sich, bin ich eigentlich nicht mehr aktiv gewesen. Da hattest du wohl schon Löcher: Es war ja nicht nur die Information, du warst ja vorher auch permanent unterwegs. Ja, aber Löcher trotzdem nicht. Ich habe es genossen, einmal wirklich mich selber sein zu können, weißt du. Nicht jeden Abend Versammlungen und Sitzungen. Zuvor hat mir der Kalender das Leben diktiert. Nun konnte ich mein Leben diktieren. Mit zuhause sein, mit dem Hund, und zwischenhinein vielleicht noch die genossenschaftlichen Aufgaben. Aber nicht dass ich das als Löcher empfunden hätte. Ich habe mir jetzt auch gedacht, bei so einem Übergang könnte man ja halbwegs depressiv werden. Da hattest du keine Probleme? Gar nicht, gar nicht. Und von da an hast du dich einfach als Medienkonsument informiert? Ja. In der Gewerkschaft hast du von da an nichts mehr gemacht, an der Basis? Nein. Bewusst nicht. Ich hatte immer den Eindruck, man sollte es die Jungen machen lassen, die soll sie ihren Weg gehen lassen. Nicht irgendwie vom Altersvorteil her, den man hat, eingreifen wollen und Ratschläge geben… Das habe ich eigentlich bewusst nicht gemacht. Das ist noch erstaunlich. Es gibt ja andere, die fast nicht loslassen können und immer noch dreinreden. Ja, eindeutig. Das Abgeben von Macht ist immer sehr schwierig, für viele, für viele Leute. Aber mir hat das also nie Probleme geschaffen. Wie hast denn du die Macht erlebt? Jä… Du bist ja eine zeitlang ein mächtiger Mann gewesen in diesem Land. In einem gewissen Sinn habe ich schon Macht gehabt, aber… ich habe sie nie als Macht erlebt, sondern ich hatte einfach das Gefühl, ich müsse da und dort ernsthaft mitwirken. Ich habe auch immer as Kollektiv im Vordergrund gehabt. Das haben sie mir später dann auch gesagt, als ich Präsident gewesen sei, sei die Geschäftsleitung der Gewerkschaft viel besser gehändelt worden als danach. Und teilweise auch als vorher, unter Gallus Berger. Er ist ein bisschen eine Machtperson gewesen… …und hat mehr den Chef gemacht? Genau. Ich habe immer mehr darauf geschaut, kollektive Arbeit miteinander zu machen. Wir haben auch selten, ganz selten, in der Geschäftsleitung harte Auseinandersetzungen gehabt. Dass man völlig anderer Meinung gewesen wäre. Wir haben diskutiert, bis wir über eine Meinung einheitlich abstimmen konnten… …bis eigentlich alle der gleichen Meinung gewesen sind? Einigermassen der gleiche Meinung. Ganz hat es nicht immer gegeben. – Von daher bin ich wahrscheinlich nicht so machtgewusst gewesen, weil… eben, ich habe Gallus Berger erlebt als Präsident. Der war dagegen natürlich eine mächtige Persönlichkeit, weißt du. Er war auch Nationalrat… …SP? Ja. – Und er hat seine Macht auch ausgespielt. Wenn er in eine Sektion gegangen ist und es geheissen hat, der Galli Berger komme, dann haben alle gezittert. Das war ausgeprägt bei ihm. Nach ihm ist ja dann der Ezio Canonica gekommen. Canonica ist auch mehr auf meiner Linie gewesen, er hat auch mehr die kollektive Zusammenarbeit gesucht und gemacht. Danach kam [Max] Zuberbühler… er war vielleicht auch eher ein bisschen der Machtmensch, aber nicht ausgeprägt. Dann wir… da hat sich das eher fortgesetzt, wie Canonica geführt hatte. Du hast gesagt, wenn Berger gekommen sei, dann habe man gezittert in den Sektionen. Wenn die Leute zittern, hat man Autorität. Wie machst du es dann, wenn du anders führst? Haben denn die Leute Respekt gehabt vor dir? Respekt hast du nicht unbedingt deshalb, weil die Leute zittern vor dir. Sondern: Respekt hast du, wenn du sie anständig behandelst und die Sache gut weißt, wenn du Dossiersicherheit hast und in den Fragen wirklich auch etwas beitragen kannst. Das gibt Respekt, nicht die harte Hand. Das ist kein echter Respekt, das ist eben dann die Angst, und das ist nicht das gleiche. Dann hast du’s vor allem gemacht mit dem Aktenstudium… …das hat dazugehört… …und mit viel Wissen. Ja. – Eben, dann in der Pensionierung, ich bin ja immerhin immer noch Mitglied der Partei. Aber da habe ich gleich wenig gemacht wie vorher. Ich bin selten an eine Parteiversammlung, ich bin einfach Parteimitglied. Du hast dich demnach stark, oder eigentlich ganz zurückgezogen aus der Öffentlichkeit? Ja, eigentlich schon. Mit Ausnahme der Zeit, in der ich Genossenschaftspräsident gewesen bin, etwa zehn Jahre. Das ist natürlich eine öffentliche Funktion. Halböffentlich, jaja. Musstest du dann etwa noch Interviews geben? Nein, gegenüber der Öffentlichkeit eigentlich nichts mehr. Es war mehr genossenschaftsintern. – Das wundert mich manchmal, wenn ich zum Beispiel einen [Helmut] Hubacher sehe. Er ist ja älter als ich [* 1926, fl.]. Und heute noch greift er politisch ein mit seinen Artikeln und Stellungnahmen. Du… ich find ihn nicht schlecht, aber irgendmal musst du aufhören. Der hört wohl bis am Schluss nicht auf. Ä-ä, nein. Ich finde das souverän, wenn man es kann, so wie du das gemacht hast. Aber man muss es eben können. Ich tue das mir selber zuliebe. Ich bin ein Typ, der gern seinen Freiraum hat, ohne Bindungen, dass ich entscheiden kann, was ich machen will. Ich habe meinen Rhythmus gefunden mit meiner Familie, mit meinem Hund… Der Hund ist wichtig geworden für dich? Ja. Schaust zu zu ihm? Oder Deine Frau und Du gemeinsam? Hauptsächlich ich. Ich gehe gewöhnlich mit hinaus. Heute Nachmittag geht jetzt die Frau mit ihm, weil ich nicht zuhause bin. Aushilfsmässig, kannst du sagen. Aber Du machst sonst die Kehre mit ihm? Ja. – das politische und gewerkschaftliche Geschehen sehe ich jetzt aus dem Hintergrund, ohne selber direkt einzuwirken. Wobei, wenn mal eine Gewerkschaftsveranstaltung ist, eine Demo in Bern oder so, dann bin ich auch dabei. Und was ich gehört habe am 1. Mai seist du in Zürich immer dabei. Am 1. Mai laufe ich in der Regel auch mit, ja. Wie schätzt du das ein: Was hat sich in den letzten zwanzig Jahren verändert, sagen wir jetzt: in der Gewerkschaftsbewegung? Was hat sich verändert? Die Gewerkschaft ist aggressiver geworden, bewusst, ich find’s gut. Im ganzen Zusammenhang mit der Fusion mit dem Smuv hat es ein neues Gesicht gegeben der Gewerkschaftsbewegung. Heute spricht die Gewerkschaft schneller von Arbeitsniederlegung, von Streik, wenn es notwendig ist. Von Aktionen, wenn’s notwendig ist. Das ist früher alles nicht mehr gewesen. Da ist alles unter dem Friedensvertrag gelaufen: Das darfst du ja nicht, es gibt ja den Friedensvertrag! Das hat mir nie gepasst, dieser Friedensvertrag, der war eine Fessel für die Arbeitnehmer. Du konntest sie nicht mehr auffordern: Steht auf die Hinterbeine, wenn’s notwendig ist, steht für eure Rechte ein. Alles wurde bloss noch irgendwo in einem Gewerkschaftsbüro gemanagt und dann abgelaufen. Und die Arbeiter unten an der Basis konnten nicht mehr mitentscheiden: Wir wollen das oder wir wollen das nicht. Gut, pro forma hat man dann schon noch gesagt, die Versammlung habe zugestimmt. Aber dich um die Sache einsetzen, um die Sache kämpfen, das hast du nicht mehr gekonnt. Und heute ist das wieder da. Heute haben wir auch ein paar junge Gewerkschaftsführer. Pardini steht jetzt in Bern im Vordergrund, hier in Zürich Roman Burger, ein ähnlicher Typ wie Pardini auch. Einfach draufhauen, wenn’s notwendig ist. Das gibt ein bisschen mehr Action. Die Gewerkschaft ist wieder jemand. Darum hat man ja die Unia auch nicht so gern, auf der anderen Seite. Ja, das ist aber normal. Die Unia muss man nicht gern haben. Die Unia ist eine Kampforganisation. Sie müssen wissen, was die Unia will. Und wenn sie nicht einverstanden sind, ist die Unia bereit, sich für ihre Forderungen einzusetzen. Das ist gut so. In dieser Hinsicht hat sich einiges verändert. Und das hat einen grossen Zusammenhang mit der Fusion zur Unia. Weil der Smuv hat in diesen Friedensjahren stark immer gebremst. Ist denn der Smuv aus deiner Sicht auch eine korrupte Organisation geworden? Nein, das würde ich nicht sagen. Der Smuv ist in seiner Einstellung zum Friedensvertrag absolut der Meinung gewesen, dass das unsere Zukunft sei, dass das haut. Aber es hat sich gezeigt, dass eben zu wenig Kraft drin steckt, dass allein nur mit Verhandlungen in der obersten Region kannst du keine Arbeiterbewegung machen. Die Bewegung muss an der Basis stattfinden. Und das hat sich nun geändert mit der Unia, indem der Smuv mit der GBI zusammen eingebunden ist in eine Gewerkschaft, und die neuen Gewerkschaftsfunktionäre auch eingesehen haben, dass mehr Kampfbereitschaft da sein muss. Ich finde das eine gute Entwicklung. Hat sich mitgliedermässig auch nicht schlecht ausgedrückt. Sie haben jetzt teilweise ein bisschen mehr Mitglieder gemacht. Vor allem haben sie zugenommen bei den Frauen. Das ist ist positiv. Dann bei den Ausländern eher ein bisschen abgenommen, weil wir haben heute weniger jene Ausländer, die mit einer gewerkschaftlichen Einstellung in die Schweiz kommen. Jene aus Serbien und Kosovo haben nicht diese gewerkschaftliche Grundeinstellung gehabt wie seinerzeit die Italiener, Spanier und Portugiesen. Das hat man natürlich schon gemerkt. Wobei auch die Leute aus den Balkanländern im grossen Ganzen gewerkschaftlich nicht schlecht mitmachen. Sie sind auch für die Gewerkschaft zu begeistern, wenn es notwendig ist. Jetzt hat man eher eine kämpferischere Gewerkschaft als früher,… …auf alle Fälle… …aber gleichzeitig hat man natürlich in der Schweiz auch eine De-Industrialisierung. Ja genau. Das ist wieder die andere Seite. Dass die eigentliche Proletarier-Basis langsam wegfällt. Es gibt sie schon noch. Aber sie hat nicht mehr jene Bedeutung wie früher. Es wird langsam mehr zu einer Dienstleistungsgewerkschaft, wenn du so willst, mit Dienstleistungsangestellten. Auch in der Unia, der Verkauf zum Beispiel, der jetzt auch dabei ist. Der ganze VHTL und die ehemalige kleine Unia ist jetzt auch dabei. Aber eine Industrialisierung wie vor hundertfünfzig Jahren, das kommt wohl nie mehr. Nein, das kommt nicht mehr. Aber, was es immer noch hat, das sind die Bauarbeiter. Das sind Arbeiter, wie sie es früher gewesen sind, ich würde sagen: praktisch unverändert… …ich Bereich Bau? Ja, die eigentlichen Bauarbeiter. Dann hat es aber neben den Bauarbeitern eine Reihe anderer Berufe, auch im Bereich Bau, die sich stark verändert haben, technisch, intellektuell und ausbildungsmässig: Elektriker, Sanitär… die sind alle vom Smuv in die Gewerkschaft hereingekommen. Und bei denen hat sich schon einiges verändert. Eigentlich das Baunebengewerbe. Ja. Das heisst, früher, zur Zeit von GBH, war das Baunebengewerbe zum Teil noch im Smuv organisiert? Ein grosser Teil des Baunebengewerbes war im Smuv, ja. Mit Ausnahme der Hölzigen, der Schreiner und der Zimmerleute, die waren schon auch bei der GBI. Und das ist eigentlich noch eine Basis, die sich nicht stark verändert hat. Die sind heute noch Arbeiter, wie es sie früher gegeben hat, die noch mit den Händen arbeiten. Das heisst: Im Bau hat sich weniger verändert als auf Seiten der Smuv-Berufe? Genau. Vor allem natürlich die Fabrikarbeiter, die Industriearbeiter. das ist heute eine andere Basis als sie früher gewesen ist. Das ist nicht mehr das Proletariat – Lumpenproletariat, wenn du so willst. Unter diesem Aspekt kann man sagen: Die Gewerkschaft wird nicht mehr viel grösser, wachsen kann sie nicht mehr sehr. Deshalb sucht man heute natürlich auch mehr bei den Schlechtorganisierten, auch bei den Frauen, dass man dort den Organisationsgrad erhöhen kann. Mit einem gewissen Erfolg. es gibt eine schöne Zunahme an Frauen. Wo an und für sich noch viel zu machen ist, ist im Bereich der Verkäuferinnen… bei den Frauen, die Dienstleistungsarbeiten machen, auch die Coiffeusen zum Beispiel sind immer noch schlecht organisiert. Sie haben schon einen Vertrag, zum Beispiel mit Coop – die Migros will ja nicht, aber die kommen auch noch dazu, da bin ich überzeugt. Aber die Verkäuferinnen selber sind schlecht organisiert. Dort ist es halt sehr schwierig. Du hast die Coiffeusen erwähnt. Viele von denen arbeiten als Selbständigerwerbende in kleinen Salons. Da gehst du nicht in die Gewerkschaft. Jaja. Beim Verkauf wäre es eher möglich. Aber beim Verkauf arbeiten wieder viele Leute Teilzeit. Teilzeitangestellte sind immer schwer zu organisieren. es ist übrigens interessant, dass zum Beispiel in Dänemark, Schweden, Norwegen das Verkaufspersonal fast 100prozentig organisiert ist. Warum ist das dort möglich und bei uns nicht? Hast du eine Antwort auf diese Frage? Vielleicht hat es mit einer Tradition zu tun, dass die Leute dort von der Gewerkschaft über Jahrzehnte haben gewonnen werden können. Aber ein Rezept hätte ich auch nicht. Aber immerhin: Schon nur die Mindestlohnbewegung im Verkauf hat schon viel gebracht; dass man gesagt hat: Mindestens 3000, dann mindestens 3500, mindestens 4000 jetzt als Mindestlohn für Verkäuferinnen, das ist ein Riesenschritt gegenüber früher. 6. Ein Tag im heutigen Leben von Roland Roost Ich würde gern noch von dir hören, wie heute ein durchschnittlicher Tag in deinem Leben aussieht. (lacht) Ziemlich einfach! Sag mal. Ziemlich einfach. – Mein Tag besteht aus Zeitung lesen, intensiv… Was liest du? Tages-Anzeiger. dann unterwegs im Restaurant noch andere, der «Blick», die «Neue Zürcher Zeitung»… …den Tagi hast du abonniert? Ja. – Dann kommt auch noch die Migros-Zeitung, die Coop-Zeitung auch. Ich lese sehr viel. ich bin ein wenig neugierig, alles, was es zu lesen gibt, lese ich. Querbeet. Dann gehe ich viermal im Tag mit dem Hund. Zweimal, am morgen früh und am Abend spät, nur kurz. Aber zweimal doch rechte Spaziergänge, von je etwa einer guten Stunde. – Dann einkaufen. Das machst du? Nach ich, ja. Meistens ich allein, ab und zu kommt die Frau mit. Mach ich gern. Ich stöbere gerne in den Läden herum. – Und kochen, das mache auch ich. Ah, dann gehst du einkaufen mit der Frage: Was koche ich jetzt? Ja, genau. ich muss überlegen: Was wollen wir heute essen? Deine Frau akzeptiert’s? Ja… nicht immer (lacht). – Dann Fernsehen schauen. Ich bin ein Fernsehfreak. Gute Fernsehspiele, mal ein Krimi, dann vor allem Nachrichtensendungen, Diskussionen, schau ich gern. – Dann der Kochclub, einmal im Monat. Dort kommst ab abwechslungsweise immer wieder einmal als Küchenchef dran. dann musst du selber ein Menu zusammenstellen, einkaufen, dann auch den Abend vorbereiten. Und die anderen kommen dann und helfen einfach? Und helfen dann kochen, ja. Dann gemeinsam z’Nacht essen. Und am Schluss muss dann jeder einfach bezahlen, was es gekostet hat, dann wird das aufgeteilt. Bist du nächstens wieder dran? Nein ich bin das vorletzte Mal dran gewesen, im Dezember. das nächste Mal bin ich erst im Mai wieder dran. Mit einem Kollegen zusammen machen wir eine Grill-Party, draussen. Wir haben einen schönen gedeckten Grillplatz vor der Wohnung. – Dann… dann ist mein Tag schon gelaufen. Ein Hobby im Sinn von… weiss ich was, eine Eisenbahnanlage, das hast du nicht? Nein. Bei dir ist’s vor allem das Lesen? Ja, lesen, Bücher lesen, Zeitungen lesen. Die Augen sind immer noch gut? Ich muss mit Brille lesen. Ich habe eine Lesebrille, und für die Weite eine andere. – Ein Auto habe ich keines mehr, ich muss nicht mehr Autofahren gehen. Bis vorn eine Jahr, jetzt schon bald zwei Jahren, haben wir ja noch einen Wohnwagen gehabt. Bis dahin sind wir viel mit dem Wohnwagen unterwegs gewesen, haben gwohnwägelet, und sind dann jeweils ein paar Tage irgendwo geblieben. Wie habt ihr’s denn jetzt mit dem Reisen? Praktisch… wenig. Die Frau will nicht mehr. Sie hat Angst zu fliegen, sie will nicht auf den Zug… am liebsten ist sie zu Hause. Du würdest eher noch gehen? Jaja, aber allein gehe ich auch nicht, wegen dem Hund. Damit sie nicht zuviel mit dem Hund gehen muss. Und mit dem Hund reisen gehen, macht mich nicht an. Aber seinerzeit beim Wohnwagen habt ihr ihn einfach mitgenommen? Dort konnten wir ihn mitnehmen. Wir waren dort gerade am Rhein, dort konnten wir schön laufen gehen. Ihr ward immer am gleichen Ort? Ja, immer in Zurzach. Dort gibt es einen schönen Zeltplatz, also: Wohnwagenplatz. Dann hast du jetzt ein sehr ruhiges Leben, ein ruhiger Rhythmus. ja, und ich geniesse es. Das geniesse ich auch. Ich finde des auch gut, dass man das kann: geniessen. Ich finde die Zeit als Pensionierter… ich finde, es gibt keine schönere Zeit im Leben. Du hast keinen Chef mehr, du kannst selber entscheiden, was du machen willst. Praktisch dein Leben lang bist du unter einem Druck, zuerst der Eltern, als Kleinkind, dann von den Lehrern in der Schule, dann durch den Meister in der Lehre, dann im Betrieb durch den Vorgesetzten. Du musst immer machen, was dir gesagt wird. Als Pensionierter hast du das alles nicht mehr. Das stimmt schon. Aber du bist ja auch einer gewesen, der zumindest eine zeitlang zuoberst gewesen ist. Ja natürlich! – Ich würde sagen: ich habe dieses Privileg gehabt, dass ich eigentlich frühzeitig habe Chef sein können. Das ist ja immer ein Riesenprivileg, dass du mitentscheiden kannst, was gemacht wird und dir nicht gesagt wird, was du zu machen hast. Eigentlich im Moment, in dem du Zentralsekretär geworden bist [also mit ca. 38], kamst du in diese Funktion. Vorher warst du ja Arbeiter. Ja, genau. – Gut, als Zentralsekretär hattest du immer noch den Präsidenten als Chef und bist eingebunden gewesen in der Geschäftsleitung. Danach bin ich dann Präsident geworden, das war dann die Hauptposition. bei der jemand mehr obendran gewesen ist… ausser: wieder die Mitglieder. In der demokratischen Organisation der Gewerkschaft haben am Schluss die Mitglieder wieder gesagt, was gemacht wird. Gut, aber du konntest schon auch steuern. Genau; Du konntest mitsteuern. Aber es ist von unten auch gesteuert worden. Und zwar je nachdem ziemlich massiv. Drum bin ich immer ein guter Demokrat gewesen: Ich habe das immer akzeptiert. Du hast mir ja schon einmal eine Episode erzählt, wo du dreingelaufen bist: bei der Pensionskassen in Zürich, wo du eine Regelung mit den Arbeitgebern ausgehandelt hast und dann von unten blockiert worden ist. – Aber du hast erzählt: Seit du pensioniert seist, könnest du den eigenen Rhythmus leben: das ist schon nicht etwas anderes als Chef zu sein? Auf alle Fälle. Du bist dann Chef über dich selber. Das ist wirklich schön. – ich meine: es gibt sicher auch andere Möglichkeiten. Eben, du bist jetzt Journalist und auf eine Art auch dein eigener Chef. Auch wenn man selbständig ist, ist man sein eigener Chef. Aber da steht man natürlich dann och unter einem Erfolgsdruck. Ja, eben. Zwischenhinein muss ich ein wenig an Geld heran kommen, sonst ist’s nicht gut. Genau, und das habe ich nicht mehr. Bei mir kommt das Geld einfach herein, Pensionskasse und AHV. Ich muss mich nicht mehr drum kümmern. In dem Sinn: Das soziale System in diesem Land ist etwas wert. Auf alle Fälle. Das ist sehr viel wert. Die Angst früher von vielen Arbeitern: was passiert mit mir im Alter?, die musst du heute nicht mehr haben, mit Ausnahme vielleicht, wenn du überlegst: ich werde pflegebedürftig. Dann… was passiert dann mit mir? Wenn ein Pflegeplatz 6000 bis 8000 Franken kostet im Monat… …dann ist das Eigene dann schnell verbrutzelt. Und dann wirst du wieder abhängig von Sozialeinrichtungen. Aber sonst musst du dir praktisch aufs Alter keine grosse Angst mehr haben. Mit Ausnahme vielleicht von alleinstehenden Frauen mit Kind. das sind heute die armen Leute. Die müssen dann häufig schon vor 65 zur Sozialhilfe. Genau. Ihr müsst euch als Paar jetzt auch nicht einschränken? Ihr könnt euren Rhythmus leben, wie ihr das gerne wollt? Wir sind privilegiert, weil wir eine gute AHV und eine gute Pensionskassenrente haben. Du hast ja eigentlich zu jener Bewegung gehört, die diese Absicherungen massgeblich erkämpft hat. Zum Teil sicher auch mit beigetragen, das ist klar. Jene, die die AHV erkämpft haben, das war noch eine Generation vorher, aber du warst bei der Pensionskasse dabei. Als die AHV kam, warst du knapp 17. Wie hast du das damals erlebt? Man hat das schon mit verfolgt. Aber nicht bewusst, von der Wichtigkeit her. Du warst noch jung. Da schaut man die Welt noch anders an. Ja, genau. – Mein Leben heute ist eigentlich immer eintönig, wenn du so willst. Aber du sagst, es sei ein Rhythmus, der dir behage. Sehr. Und du kannst das machen, was du gerne willst. Genau. – Es wäre ja auch gesundheitlich nicht mehr möglich, riesige Gümp zu machen. Mit 81 gibst du natürlich automatisch ein bisschen ab, das ist ganz klar. – 6. Zum aktuellen Abstimmungskampf und die Initiative «6 Wochen Ferien für alle» Ich rege mich zum Beispiel jetzt auf über die ganze Diskussion über diese Ferieninitiative. Was sagst du dazu? Die Gegner, die jetzt gehen diese sechste Ferienwoche sind, die haben seinerzeit schon genau gleich geredet, als es noch um zwei Ferienwochen gegangen ist: das kann die Wirtschaft nicht verkraften! das ist unmöglich! Das können wir nicht bezahlen! Und was machen dann die Leute in dieser Zeit? es wird ihnen ja langweilig! – Solche Argumente haben wir gehört. Ich habe natürlich als Gewerkschafter die ganze Entwicklung von zwei Wochen über drei Wochen zu vier Wochen, bis zur fünften Ferienwoche, das habe ich alles mitgemacht und in Verhandlungen mitgekämpft um diese Ferienzeit. manchmal haben nur drei tage herausgeschaut. Aber manchmal eine ganze Woche. Einmal, das weiss ich noch, da hatte ich noch das Gipsergewerbe unter mir, da war eben die Weinausstellung in Zürich, die Weinschiffe am Bürkliplatz. Ich bin diese Ausstellung anschauen gegangen mit der Frau: und da treffe ich dort den Sekretär des Schweizerischen Maler- und Gipsermeisterverbands, Doktor Müller. haben wir also mit eineinander ein Gläschen Wein getrunken. Und drauf hat er gesagt: Jetzt gehen wir noch ins Restaurant hinauf und nehmen noch eins miteinander. So sind wir hinauf. Und dort oben haben wir zu politisieren begonnen miteinander. Und tatsächlich: An diesem Abend habe ich ihm die vierte Ferienwoche ausgerissen. Im Ernst? Ja. Dort hat er schliesslich gesagt: Gut, ich setze mich ein, das müssen wir im Vertrag festlegen. Sag mal, wie hast du das gemacht? Gib’s zu, wie du taktierst? Beim Trinken. Er hat gern etwa eins zu viel getrunken. Und schlussendlich sind wir soweit einig gewesen, dass die vierte Ferienwoche… es war gerade in einer Verhandlungsperiode. Wir haben uns damals auch in Verhandlungen getroffen. und zwischendurch sind wir uns an dieser Weinausstellung begegnet. Und an diesem Weinhaben haben wir um diese Vierte Ferienwoche verhandelt. Das ist ja auch noch interessant: Am Verhandlungstisch wär’s vermutlich nicht gegangen, oder? Nein. Dort hat er jeweils seine Arbeitgeber um sich gehabt. Die hätten ihm sofort die Knöpfe eingetan, wenn er dort etwas gesagt hätte. Und im nüchternen Zustand hätte er vermutlich auch nichts gesagt. Aber dort oben, bei einem Gläschen Wein, sind wir uns plötzlich einig geworden. Kannst du dich noch erinnern, welches deiner Argumente ihm Eindruck gemacht hat? In welche Richtung zu geredet hast? Ach, dir Argumente sind immer die gleichen gewesen. Dass die Arbeiter einfach mehr Erholungszeit brauchen. Dass der Druck immer stärker wird. Dass das Tempo auf den Baustellen zunimmt. Die Argumentation war genau gleich, wie sie heute ist. Und die Arbeitgeber haben die gleichen Gegenargumente gebracht. Aber sag: Er war ja der Sekretär. Wie hat er dann seine vorgesetzten Leute gekehrt? Er hatte bei den Arbeitgebern eine ziemlich starke Position. Kannst du das zeitlich irgendwie einordnen? Ich war Zentralsekretär. Das muss etwa gewesen sein, ich würde sagen: anfangs der siebziger Jahre, weil ich damals noch das Maler- und Gipsergewerbe betreut habe. Zuerst hattest du ja die Bildung und die Jugend… …und dann ist der Lampart gestorben. Und dann habe ich das Maler- und Gipsergewerbe übernommen… es kann ungefähr 1973/74 gewesen sein. Ein historischer Moment beim Weintrinken. Eine gute Geschichte. Und eben: So etwas vergisst du dann nicht so schnell. Aber in dem Sinn bist du natürlich ein grosser Kenner genau der Diskussion, die jetzt wieder läuft. Ich finde spannend, dass du sagst, es sei immer wieder das gleiche. Die Diskussion interessiert mich auch. Weil eigentlich sollte in der Schweiz etwas gehen: Rund die Hälfte der Arbeitnehmer in der Schweiz haben noch keinen Gesamtarbeitsvertrag. Bei ihnen sind immer noch allein die gesetzlichen Vorschriften massgeblich. Von da her wäre es gut, wenn alle profitieren könnten von einer zusätzlichen Ferienwoche. Wobei: Die Initiative ist ja so grosszügig formuliert, dass die sechste Ferienwoche erst in fünf Jahren realisiert sein muss. Es soll einfach jedes Jahr ein Tag mehr sein. Gut, die Arbeitgeber sagen halt jetzt, die Produktion werde um so teurer und dann müsse man um so schneller ins Ausland mit der Arbeitsplätzen. Ja aber die Produktivität nimmt ja ständig zu. Von daher wird es ja nicht teurer, sondern die zusätzliche Ferienwoche wird aufgefangen durch die zunehmende Produktivität in allen Bereichen. Insofern ist es ein Kampf darum, wer den Profit aus der grössere Produktivität machen kann, der Arbeitnehmer über mehr Ferienzeit oder der Arbeitgeber über mehr Umsatz und Gewinn. Jaja. – Wahrscheinlich geht die Initiative ja nicht durch in der Abstimmung. hast du nicht das Gefühl? Ich glaube es nicht. Die Gegenpropaganda ist zu stark und auch… «Mehr Ferien – weniger Jobs» habe ich gelesen. Jaja, das zieht immer. 7. Über unser Projekt Unterdessen haben wir nun die geplanten fünf grossen Gespräche gemacht. Jetzt sind wir an einem Punkt, an dem wir uns ein erstes mal fragen können: was machen wir überhaupt mit diesem Material? Es haben sich nun verschiedene Aspekte gezeigt, die man vertiefen kann und muss. Aber zuerst muss man die Frage beantworten: Was soll’s am Schluss werden? es keinen Sinn, dass ich mich drei Monate ins Sozialarchiv setze, und danach sagt jemand, ich sollte besser die Glarner Sozialpolitik ein bisschen gewichten. ich muss jetzt also als nächstes genauer wissen, was ich will. das Feld haben wir nun als ganzes einmal abgesteckt, welche Themen wichtig sind – und da gibt es verschiedene, verschieden Aspekte, die man hervorheben und genauer ausarbeiten kann –, aber was denkst du: Was wäre dir recht? Oder umgekehrt: Was möchtest du nicht? Ich habe mir manchmal überlegt, wie das in eine Form gebracht werden könnte. Aber ich bin ein bisschen ratlos, ich sag’s dir. Ich bin ein bisschen ratlos. Weil…, du hast vielleicht auch gemerkt, dass ich von Anfang an ein bisschen eine Skepsis gehabt habe, dass es etwas Gescheites gibt. Weil du nicht gern hast, wenn deine Person ins Zentrum kommt. Einmal das, und eben, ob’s etwas Gescheites gibt am Schluss, das Hand und Guss hat, wo man sagen kann: Das ist ein Wurf. Von dort her sehe ich einfach die Möglichkeiten ein bisschen schwierig. Du hast mal gesagt gehabt, an und für sich ein bisschen einen Ablauf von meinem Leben und zwischen hinein die sozialen Situationen und das Gewerkschaftliche. Das wäre vielleicht auch das, was interessant wäre zum verfolgen, das, was nicht langweilig wird. Weil, wenn nur Biografisches ist, das interessiert wahrscheinlich nicht und dann der soziale Aspekt allenfalls noch hintennach kommt. Sondern es sollte an und für sich ein bisschen ineinander verfliessen. Quasi am Beispiel deiner Biografie die Sozialgeschichte und die Gewerkschaftsgeschichte nacherzählen. Ich könnte mir jetzt vorstellen: ich habe dir ja gesagt, wie meine Mutter an und für sich hart durchgemusst hat als Fabrikarbeiterin hinten in Glarus. Wenn das geschildert ist, dann auch aufzeigen, was eigentlich in jener Zeit dort üblich gewesen ist in den Fabriken. Dass das ein bisschen vertieft werden könnte. Also vor allem die Glarner Industriegeschichte der dreissiger Jahre suchen gehen. Genau das meine ich,… Ich bin überzeugt, da würde ich material finden …dann hat’s einen Zusammenhang. Also deine Jungen zusammenhängen mit der alleinerziehenden Arbeiterin und der Industriegeschichte in Glarus, das umfasst ungefähr unser erstes Gespräch. Und das zweite Gespräch wäre dann dein Weg in die Arbeitswelt… …und dann kann man dort auch wieder einfliessen lassen: Wie war damals die Situation der sozialen Stellung des Bauarbeiters: Welche Löhne hatte er? Welche Ferien hatte er? Ich habe übrigens gelesen, es habe schon 1953 einen Gipserstreik gegeben. Dort warst du auch schon dabei? Nein, da war ich noch nicht dabei. Da warst du 22. Also warst du schon als Gipser unterwegs. Nein… während der Zeit, in der ich dabei gewesen bin, hat’s keinen Gipserstreik gegeben bis 1963. Ist’s dann möglicherweise 1951 und nicht 1953? Könnte sein. Das wüsste ich jetzt also auch nicht… Aber es hat einen Malerstreik gegeben, noch vor dem Gipserstreik. Verwechsle ich’s eventuell mit dem. Könnte noch sein. Der war in den fünfziger Jahren. Und den hast du einfach mitverfolgt? Ja, aber nicht direkt teilgenommen, weil die Gipser und die Maler sind getrennt gewesen. Aber eben… da könnte man wirklich die berufliche Situation des Baugewerbes in den fünfziger Jahren darstellen. Wäre ja auch interessant, weil damals eine Boom-Zeit gewesen ist. Und diese Geschichte könnte man erzählen bis zum Gipserstreik. Dort wirst du dann zur zeitgeschichtlichen Figur. Dort müsste man dann sagen, was du im einzelnen gemacht hast… man müsste deine Biografie wirklich stark verhängen mit dem, was objektiv gewesen ist. Dann könnte es auch interessanter werden. Wenn’s dir recht ist… ich habe eben einen Mailwechsel gehabt mit der Unia-Archivkommission, mit Rita Lanz. Sie hat in einem Zusammenhang den Franz Cahannes erwähnt und hat eine Anspielung gemacht, was er eben auch noch wichtig finde, auch wieder die Genossenschaftsbewegung, der Aspekt, dass die Arbeit, das Leben und das Wohnen, dass das in der Gewerkschaftsbewegung ein sehr wichtiger Zusammenhang gewesen sei und du seist ein Repräsentant von dieser Tendenz. Ich habe dann zurückgemailt, ich würde den Kontakt suchen zu Cahannes. Wäre dir das recht, wenn ich mit ihm auch mal reden würde? Klar. Er ist ja jetzt Präsident der BAHOGE, mein Nachfolger. Ah! ich würde gern mit ihm auch über dich und dein Gewerkschaftsverständnis sprechen. Doch. […] Ich könnte mir schon vorstellen, dass man ein kleines Büchlein machen könnte. Wenn man Fotos oder Dokumente zeigen würde, dann kann man sofort etwas machen mit 120 oder 150 Seiten. Aber dazu muss auch die Unia-Archivkommission zuerst grünes Licht geben. Auf Ende April wollen sie jetzt von mir einen Zwischenbericht. . Ich muss mir deshalb jetzt klar werden, was ich jetzt empfehlen soll, was aus dem Material werden kann. Auch deshalb rede ich hier jetzt mit dir über die Form, weil ich mich auf diesen Zwischenbericht vorbereiten muss. Ich brauche Klarheit, nicht das ich einen Monat Arbeit investiere und man dann erst merkt: So geht es gar nicht. – Ich bin natürlich schon der Überzeugung, dass man etwas machen kann. Aber das Konzept muss einfach auch dir behagen… Und jeder Abschnitt, der da entsteht, könntest du sicher gegenlesen. Was ich einfach bis jetzt spüre: Du willst nicht, dass es zu privat wird. Ja. Wobei: es hat nicht viel drin, wo ich sagen muss, das wolle ich nicht drin haben. Wir haben ja zumeist sachliche Dinge diskutiert, die nicht irgendwie heikel sind. Einfach dort, wo’s ins Persönliche geht, ist’s immer ein bisschen schwierig. Im Zusammenhang mit meiner Familie, meiner Frau, mit Kollegen. Aber zum Beispiel, dass du mit Fritz Reimann etwa über das Friedensabkommen diskutiert hast, das ist natürlich interessant. Das kann man schon sagen. – Ja, und über die Situation des Friedensabkommens darf man etwas sagen. Aber was bleibt, ist halt: Wenn man deine Biografie als beispielhaft darstellt für eine ganze Generation der Gewerkschaftsbewegung, dann stehst du halt irgendwie doch zuvorderst. Aber immerhin bist du ja tatsächlich eine zeitlang der Präsident gewesen. Eben, weißt du, das habe ich dir ja von Anfang an gesagt: das ist das, was mir nicht so passt. 8. Nachtrag: Gewerkschaften und Genossenschaften zusammendenken [Ich schalte das Aufnahmegerät mitten im Gespräch noch einmal ein.] [Man müsste] die Genossenschaftsidee wieder stärker zusammenbringen mit der Gewerkschaftsidee. Und das als zukünftige Alternative für unsere Gesellschaft formulieren. und darstellen. Wenn man sieht, welche riesige Bedeutung die Genossenschaften in der Schweiz haben, wenn man die Konsumgenossenschaften, wenn am die Wohnbaugenossenschaften – die Produktivgenossenschaften leider nicht mehr, aber es gibt viele Alternativ-Produktivgenossenschaften, die gar nie in einem Verband organisiert gewesen sind. aber trotzdem irgendwo existieren. Wo sich die Selbständigmachenden zusammenschliessen und… die Genossenschaft ist eine mögliche Form der Zusammenarbeit. Wenn man das gesamtschweizerisch anschaut, dann ist das riesig. Was hätte denn die Gewerkschaft noch für eine Funktion in einer Produktivgenossenschaft? Wie spielt das zusammen? Von der ganzen sozialen Einstellung her der Genossenschaften, da ist die Gewerkschaft immer sehr nahe gestanden, zu diesen Produktivgenossenschaften. Die Produktivgenossenschaften sind immer jene gewesen, die die gewerkschaftlichen Forderungen praktisch als erste akzeptiert und mitgetragen haben. Die Genossenschaften sind immer fortschrittlicher gewesen als die bürgerlichen, kapitalistischen Organisationen, immer. das siehst du auch bei Coop, das siehst du bei der Migros, das siehst du bei den Wohnbaugenossenschaften… die sind immer fortschrittlicher als die übrigen, die privatrechtlich Organisierten. Weil sie einfach nicht in dem Mass Gewinn zwischenhinaus quetschen müssen. Genau. es ist eine andere Struktur der Selbstkosten. Sie müssen an und für sich nur die Selbstkosten gedeckt haben und nicht noch die Geldgeber alimentieren… …und das gibt dann eine ganz andere Budgetstruktur. Das ist das, was an und für sich, Gott sei Dank… und deshalb habe ich dir jetzt die Artikel aus der Migros-Zeitung mitgebracht. Dass die Migos eine solche Serie macht – und sie wollen ja noch weitere solche Beilagen machen –, das gibt an und für sich auch wieder eine Basis, weil das ist ja neine der meistverbreiteten Zeitungen in der Schweiz. Das bleibt nicht ohne Widerhall. Trotzdem muss man sagen: Deine Utopie ist es, aber jetzt, nach dreissig Jahren Neoliberalismus… die Felle dieser Weltsicht schwimmen im Moment davon. Du darfst nicht erwarten, dass die Genossenschaften jetzt Überhand nehmen. Ganz sicher nicht. Ab er sie bekommen eine andere Stellung innerhalb dieser kapitalistischen Gesellschaft. Weil: Der Kapitalismus wirtschaftet sich selber herunter, wenn wir so weitermachen wie in den letzten zehn Jahren. Irgendwo haben’s die Leute hier oben und sagen: Wir lassen uns nicht mehr in dieser Art manipulieren… wenn wir etwa an die Banken denken. Diese Finanzindustrie hat schon viel Geschirr verschlagen. Unglaublich: dass die die Politik dominieren und nicht die Politik die Banken. Das ist eben das Traurige. – Ich habe wirklich das Gefühl: man sucht heute Alternativen. Man sucht die Alternativen, aber man hat sie noch nicht gefunden. Die Genossenschaften sind eine mögliche Alternative, die ein stärkeres Gewicht bekommen kann. Für dich ist ja das immer die Linie gewesen… …immer… …der sogenannte realexistierende Sozialismus ist für dich nie eine Alternative gewesen . Nein, den Staatssozialismus will ich nicht. es muss ein Sozialismus sein, der getragen wird durch die Basis. Quasi Sozialismus vo ungenueche. Genau: nid vo obenabe. Und die in Osteuropa haben es ja sehr von oben nach unten versucht. Darum ist es ja auch gescheitert. Aber diese Kernaussage, die du jetzt gemacht hast, das wäre dir ein Anliegen, dass man die weitertragen könnte. Jaja… Du schaust skeptisch drein. (Er lacht.) Wie gesagt: Ich bin ja kein Philosoph. Ich bin eher ein Pragmatiker… …aber du hast deine Erfahrungen und dun kannst sie politisch auf den Punkt bringen. Die wenigsten Politiker und Gewerkschafter sind Philosophen – ausser vielleicht Bichsel, den du einmal erwähnt hast. Aber der ist ja eigentlich auch Schriftsteller. […] Ich habe Bichsel einmal erlebt, ich weiss nicht mehr ob in Solothurn oder in Biel, da sind wir beide an einer Bar gesessen, ich hatte ein Gläschen zuviel und er auch. Damals haben wir stundenlang zusammen palavert. Ich weiss nicht mehr, auf einmal sind wir dann dort verreist, und beide waren wir ein bisschen zu. Über die GBH hat er via Ritschard natürlich schon auch viel gewusst. Ja, und er war ja dessen Redenschreiber. das war eine gute Kombination. Der Willy Ritschard hat jeweils noch den Witz hineingebracht. Er hatte viel viel so markante Sprüche. Die sind in der Regel von ihm selber gewesen. Und der Rest der Rede hat dann der Bichsel geschrieben. In den Reden von Willy Ritschard ist das ausgesprochen gut gewesen. Ein Bild habe ich immer im Kopf, von dem Affen, der auf einem Baum oben sitzt und du siehst von ihm nur den Arsch… (lacht). Von diesem Affen oben auf dem Baum hat er mal einen Spruch gemacht. [20.3.2012, 49900 Zeichen] |
| Zitationsvorschlag | Video: Gewerkschaft UNIA/F 1021-908F_preview |