Datenbank Bild + Ton

mehr Suchoptionen…Hilfe

Interview mit Roland Roost vom 12.01.2012 (Fredi Lerch), Teil 4/6; (weitere Unterlagen sind vorhanden: Inhaltsverzeichnis des Interviews [PDF] und Fotos der Interviewten - kontakt@sozialarchiv.ch) Das gesamte Interview ist im Lesesaal des Schweizerischen Sozialarchivs abrufbar.


Objekt nur auf Anfrage verfügbar
SignaturF 1021-908D_preview
BestandF_1021 Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen erzählen - UNIA Oral History Projekt [TON]
Bestandesbeschrieb

Die Gewerkschaft UNIA hat 2013 das Projekt "Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen erzählen" lanciert. Serie 1 (entstanden 2013) umfasst 16 Interviews, Serie 2 (entstanden 2015) umfasst 8 Interviews, Serie 3 (entstanden 2016/2017) umfasst 17 Interviews. Die ausführlichen Gespräche geben Auskunft über Herkunft, politische Sozialisierung und die praktische Gewerkschaftsarbeit. Ebenfalls diesem Bestand zugeordnet sind 6 Interviews, die Rita Schiavi 1982 und 1983 mit wichtigen Gewerkschaftsexponenten geführt hat, und das Interview, das Fredi Lerch 2011-2012 quasi als Pilot mit Roland Roost geführt hat. - Online sind aus vertraglichen Gründen nur kurze Ausschnitte zugänglich. Die Interviews können aber im Lesesaal des Schweizerischen Sozialarchivs konsultiert werden. Für publizistische Zwecke (Ausstrahlung - auch nur von Teilen des Gesprächs - in elektronischen Medien, Verbreitung von Tonträgern, Publikation von Transkriptionen etc.) ist die Einwilligung der interviewten Person einzuholen. Übersicht über die interviewten Personen: Serie 1 (16 Interviews): Yolanda Cadalbert, Henri Chanson, Heinz Dreyer, Rita Gassmann, Fernando Gianferrari; Marijan Gruden, Peter Küng, Dario Marioli, Peter Nabolz, Josiane Pasquier, Fritz Reimann, Roland Roost, Pierre Schmid , Vincenzo Sisto, Gilbert Tschumi , Max Zuberbühler. Serie 2 (9 Interviews): Christiane Brunner, Bruno Cannellotto, François Favre, Ruth Jäggi Ernst Jordi, Raffaelle Maffei, Martin Meyer, Hans Schäppi, Claude Vaucher. Serie 3 (17 Interviews): Renzo Ambrosetti, Peter Baumann, Manuel Beja, Franz Cahannes, Antonio de Bastiani, Daniel Heizmann, Francine Humbert-Droz, Bernd Körner, Fabienne Kühn, Beda Moor, Alfiero Nicolini, Vasco Pedrina, Andreas Rieger, Jacques Robert, Rita Schiavi, Fabio Tarchini, Vreny Vogt. Interviews von Rita Schiavi aus den 1980er Jahren (7 Interviews): Eduard Blank, Männi Gloor, Elsi Hasler, Walter Kobi, Elsi Hasler, Traugott Hasslauer, Ewald Käser. Interview von Fredi Lerch, 2011-2012 (1 Interview): Roland Roost.

Die Gewerkschaft UNIA hat 2013 das Projekt "Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen erzählen" lanciert. Serie 1 (entstanden 2013) umfasst 16 Interviews, Serie 2 (entstanden 2015) umfasst 8 Interviews, Serie 3 (entstanden 2016/2017) umfasst 17… — mehr...

Serientitel
  1. Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen erzählen - UNIA Oral History Projekt
Urheber
  1. Gewerkschaft UNIA
Copyright
Geopolitik
  1. Europa
  2. Schweiz
Periode
  1. Neuzeit
  2. 20. Jh.
Personen
  1. Roost, Roland (1931-2017)
Objektträger
  1. Tonaufnahme
  2. digitale Tonaufnahme
  3. MP3
Sprache
  1. schweizerdeutsch
DetailinformationGespräch IV, Bahnhofbuffet Zürich, 12. 1. 2012

1. Nachtrag zu linker Kultur
[Roland Roost übergibt mir einen nicht abgeschickten Brief vom 25.12.2011 mit Ausführungen zum Begriff der Arbeiterkultur. Darüber reden wir, als ich das Gerät einschalte.]
…Zweiten Weltkrieg ist das gewesen?
So ungefähr, ja. Vielleicht noch ein bisschen später. Zuvor gab es ja Arbeitersängerbund, Arbeitermusik und alles. Die sind damals zum grossen Teil in bürgerlichen Organisationen aufgenommen worden.
Wegen Subventionen, sagst du?
Zum grossen Teil, ja. Die Arbeiterkultur hatte im Gegensatz zu den bürgerlichen Vereinen fast keine Subventionen.
Aber sie haben auch beantragt?
Ja gut, weißt du… geh mal als Arbeiterverein zu einem Unternehmer und versuch, etwas flüssig zu machen. Das ist viel schwieriger als für einen normalen Verein.
Und der Staat hat natürlich auch nichts gegeben, der ist ja auch bürgerlich gewesen.
Was es heute noch gibt… es gibt noch einige. Zum Beispiel der Satus ist immer noch vorhanden, aber natürlich gegenüber früher auch stark reduziert.
Ich musste letzthin mal Rote Falken porträtieren…
…zum Beispiel…
…und die gibt’s nur noch in der Stadt Zürich und in Bern ein bisschen.
Fast nichts mehr. Und das früher mal eine recht grosse Organisation.
Die organisatorischen Strukturen von der Kulturarbeit, die sind mehr oder weniger z’Bode ggange in den letzten fünfzig Jahren.
Ja. – Und dann sind die elektronischen Medien gekommen, Fernsehen und Handy und alles mögliche, was dann auch wieder viel an Kultur weggenommen hat.
[Wir nehmen uns vor, die zwölfteilige Serie über Genossenschaften , die das neuste Migros-Magazin ankündigt, mitzuverfolgen – den ersten Teil hat Roland mitgebracht. Er überlässt ihn mir mit eigenen Anstreichungen.]
Es kommt jetzt manches zusammen: Das, was wir reden; das, was wir lesen; das, was ich in den Archiven finden. Es gibt eine reichhaltige Sache.
Ich bin gespannt, ob’s etwas Gescheites ergibt (lacht).

2. Zu den Fotos und zum BAHOGE-Prospekt
(Roland Roost bringt neun Fotos und eine Prospekt mit, die ich anschliessend mitnehme und digitalisieren lasse.)
• Das hier ist der Gewerkschaftssekretär Arnold Schwammberger, der Sekretär, der während dem Streik mitgeholfen hat.
• Das ist das einzige Foto, das mich als Gipser am Arbeiten zeigt, links im Bild, aus der Zeit bei Bindella.
• Dann einige Fotos von mir aus der Zentralsekretär-Zeit, zwei während eines Kurses.
• [Gruppenbild: Treffen zweier Delegationen] Dann hier während einer Auslandreise zusammen mit Ezio Canonica. Ich stehe hinten am Fenster mit dem Glas in der Hand. Der kleine Mann neben mir (links), das ist Ströbele, der damalige Redaktor unserer Zeitung. Dann auf der anderen Seite von mir Max Zuberbühler, dann Canonica, den nächsten kenne ich auch nicht, möglicherweise ein Österreicher, und ganz Rechts Willi Heindel[?], mein Vorgänger als Zentralsekretär Baugewerbe. Vis à vis, das sind Mitglieder der ausländischen Delegation. Canonica war eine markante Figur der Gewerkschaften.
• [Familienfoto] Kannst raten, welcher ich bin. – Du bist der Kleine. – Genau. Vorn rechts der zehn Jahre ältere Bruder, daneben die fünf Jahre ältere Schwester, der Kleine bin ich und mein kleinerer Bruder hat’s damals noch nicht gegeben. Und der Vater ist ein Jahr später gestorben. – Eines der wenigen Bilder, das du von deinem Vater hast? – Genau. – Hier scheint es ihm noch gut zu gehen. – Er hatte Blasenkrebs und ist schon hier auf dem Bild krank. Wir waren damals in einem Einfamilienhäuschen, in einem schönen Quartier in Glarus. Das haben wir dann durch seine Krankheit verloren. – Hat er das kaufen können, das Einfamilienhäuschen? – Ja, das hat uns gehört. Aber dann hat die Krankheit so viel gekostet, dass wir danach kein Geld mehr gehabt haben.
• Und das ist noch der BAHOGE-Prospekt, in dem du aktuell siehst, welche Siedlungen die BAHOGE hat.

3. Die Zeit als Zentralpräsident: Die Regierungserklärung (BAU + HOLZ, 1.10.1987)
Erinnerst Du dich an den Kongress, an dem du zum Zentralpräsident der Gewerkschaft Bau und Holz gewählt worden ist?
Eigentlich wenig. Ist weit weg. Sehr weit weg. Muss studieren.
War es überraschend, dass du gewählt worden bist?
Nein. Es gab eine ziemlich lange Vorbereitung. Es hatte zuvor eine Ausschreibung stattgefunden in den Sektionen. Die Sektionen konnten Vorschläge mache. Der Zentralvorstand und die Geschäftsleitung haben dann mich vorgeschlagen. Schliesslich waren wir zu dritt, und die anderen beiden sind dann abgesprungen, und ich bin übriggeblieben.
Die haben quasi zurückgezogen?
Ja. – Ich bin dann praktisch der letzte Kandidat gewesen und bin ohne weiteres auch gut gewählt worden.
Dann war die Wahl mehr eine Formsache.
Jaja.
Offenbar habt ihr dann an diesem Kongress ein Arbeitspapier verabschiedet, auf das du dich in deiner «Regierungserklärung» beziehst.
Da müsste man auch in den Akten nachsehen, was alles dort noch zur Diskussion gestanden ist. Das wüsste ich nicht mehr.
Mir ist beim Lesen aufgefallen, dass du gleich zu Beginn davon ausgehst, dass es um «ganzheitlich gewerkschaftliche Zielrichtungen» gehen solle, was über «die Absicherung der materiellen und sozialen Bedürfnisse der Arbeitnehmer» hinausgehe. Du postulierst also eine Ausweitung des gewerkschaftlichen Arbeitsfeldes.
Das ist immer eine Idee gewesen von mir. Dass man eine Gemeinsamkeit der Arbeiterbewegung zusammenbringt, nicht diese Aufteilung in weltanschauliche und konfessionelle und was weiss ich was [Gruppierungen].
Du hattest also so etwas wie die heutige Unia schon damals im Kopf?
Ja, wobei: Ich habe auch die Probleme gesehen. Ich habe dir das glaub ich schon gesagt: Mit dem Smuv hätten wir damals nie eine Zusammenarbeit gefunden, höchstens eine im Rahmen des Gewerkschaftsbundes, aber an eine Fusion wäre nie zu denken gewesen. Das hat sich dann erst im Lauf der Jahre ergeben.
Du äusserst dich in der Rede auch in dem Sinn, man solle «den Arbeitsfrieden nicht als Selbstzweck» sehen.
Das war gegen die Friedenspflicht gerichtet, die dazumal einfach immer im Vordergrund gestanden ist von der Smuv-Seite her, mit dem Friedensabkommen [vom 19.7.1937]. Und wir sind eher der Meinung gewesen, die Friedenspflicht sollte man aus dem Gesamtarbeitsvertrag eliminieren können. Weil: der Arbeitnehmer muss einfach die Gewähr haben, dass er kämpfen kann, wenn er ein Anliegen hat, und kämpfen kann er nur, wenn er seine Arbeitskraft verwendet, also praktisch streikt. darum ist die absolute Friedenspflicht an und für sich ein Hemmnis gewesen für die Gewerkschaftsbewegung. Solche Stellungnahmen sind vom Smuv schon nicht unbedingt goutiert worden.
Hast du mit dem Smuv-Chef Reimann einmal darüber diskutiert?
Wir hatten schon Gelegenheit. Ich bin ja mit Fritz zusammen im Gewerkschaftsbund-Vorstand gewesen. Da hatten wir schon auch Gelegenheit, etwa mal über das zu diskutieren.
Wie hat er denn eure Position kritisiert?
Er hat sich natürlich berufen auf die langjährige gute Zusammenarbeit im Sinn vom Friedensabkommen. Dass das ihnen auch viel gebracht habe. Dass man gute Verträge habe abschliessen können, auch ohne Arbeitskampf, und so weiter.
Möglicherweise stimmt das ja in seiner Branche eher…
Es war auch halt eine andere Arbeitgeberschaft. Man muss das sehen: Die Baumeister, das sind sehr hartnäckige und zum grossen Teil anti-gewerkschaftliche Leute. Hingegen auf der Arbeitgeberseite im Metallgewerbe und Metallindustrie, also vis à vis des Smuv, das sind aufgeschlossene Arbeitergerber, die auch einen anderen Bildungsgrad aufgewiesen haben.
Mit geht jetzt noch durch den Kopf: Metallindustrie, das sind natürlich viel grössere Betriebe al im Baugewerbe. Die Metaller waren Industrielle, die Baumeister waren KMU’ler. und die Grossbetriebe haben natürlich auch mehr Möglichkeiten zu rechnen, umzuverteilen, querzusubventionieren.
fas ist schon so. Und in der Industrie haben sie gewusst oder gemerkt, dass sie eine Gewerkschaft brauchen, damit sie Frieden haben im Laden. Die haben die Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft auch gesucht, weil die Gewerkschaft einen Haufen Unfrieden zum vornherein besänftigt hat. Da spielt auch die Frage der Arbeiterkommissionen in den Betrieben mit hinein. Die sind in der Industrie normal gewesen. Hingegen im Gewerbe gab es das praktisch nicht. Wir haben bei uns immer schauen müssen, dass einer, der sich stark gewerkschaftlich engagiert hat, vom Arbeitgeber nicht entlassen worden ist.
Das würde die Vertrauensleute betreffen?
Ja. Dass die einen gewissen Schutz gehabt haben. das ist auch schwierig gewesen. Die Arbeitgeber haben nie Hand geboten, die Vertrauensleute im Gesamtarbeitsvertrag zu schützen. Das haben wir immer wieder probiert, aber gelungen ist es nie.
In dem Sinn sind die Vertrauensleute viel exponierter gewesen als auf der Smuv-Seite. In den Personalkommissionen wird ja den Aktiven zum Teil der Aufwand vergütet, dass gewisse Stellenprozente des Lohns für die Gewerkschaftsarbeit reserviert werden können.
In Grossbetrieben gibt es sogar vollamtliche Arbeitnehmervertreter. Das ist ein Beispiel aus der Montanunion: In der Metallbranche war das festgelegt, dass auf so und so viele Arbeiter in einem Betrieb das Anrecht auf einen vollamtlichen Arbeitnehmervertreter, der sie gegenüber dem Arbeitgeber vertritt. Er muss nicht gewerkschaftlich organisiert sein, aber in der Regel war es dann ja so, dass die Gewerkschaften das organisiert haben. Und dann kommt in der Montanunion dann auch die Frage der Mitbestimmung. Das ist dort eine ganz wichtige Frage. In der Schweiz hat das auch nie funktioniert. Mitbestimmung ist ein rotes Tuch gewesen für alle Arbeitgeber.
Also auch auf Smuv-Seite?
Jaja. Den Grundsatz der Mitbestimmung haben die Arbeitgeber immer abgelehnt. Sie haben schon gesagt: Wir reden ja mit den Leuten. Aber von einer eigentlichen Mitbestimmung, die in Reglementen und Statuten auch festgelegt ist, das gibt’s bei uns nicht.
Wenn man Mitbestimmung ernst nimmt, kann man natürlich von unten mithelfen zu steuern, ob man immer nur Gewinnmaximierung oder ob man sinnvolle Projekte – zum Beispiel ökologisches Bauen – machen will.
Ja, natürlich. Mitbestimmung geht unter Umständen weit. Und darum bin ich ja auch immer Anhänger gewesen der Genossenschaftsidee. Die Genossenschaft ins die Organisationsform, in der die Mitbestimmung wie nirgends sonst gewährleistet ist.
Noch einmal zurück zum Friedensabkommen: Hat sich denn eigentlich nur der Smuv wirklich strikt an die Friedenspflicht gehalten?
Nein, Friedenspflicht war schon eine Doktrin des Gewerkschaftsbundes, mehrheitlich. Mit Ausnahme von uns und der GTCP, der Gewerkschaft Textil, Chemie, Papier, die waren auf unserer Linie. Aber die anderen waren schon eher alle auf der Smuv-Linie.
Darum hat sich dann die GBH auch mit der GTCP zur GBI zusammengetan?
Ja, das hat sich dann ergeben, weil wir politisch auf einer sehr ähnlichen Spur gelaufen sind.
Auch über die Friedenspflicht hinaus? Oder war die zentral?
Nein, das war nicht das Zentrale. Sondern: Die GTCP hatte auch Mitgliederprobleme und dadurch finanzielle Probleme …
…die Textilbranche ist zusammengefallen…
… ja, genau. – Und darum haben sie natürlich auch über die Friedenspflicht hinaus eine Anlehnung gesucht. Das war ein anderer Punkt, wo wir einander nahe gestanden sind. Aber die direkten materiellen Interessen sind natürlich im Vordergrund gestanden.
Du hast dann in deiner Rede ausgeführt, um was es bei den neuen Arbeitsfeldern der Gewerkschaft gehe. Ich habe mir dann gedacht, dass du da möglicherweise auf Kulturarbeit in einem eher bürgerlichen Sinn zu sprechen kommen würdest. Aber du hast dann anderes erwähnt: «Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz»…
…das war immer ein wichtiger Punkt.
«Ökologisch sinnvolles Bauen», was ja heute noch völlig aktuell ist…
…wobei wir auf dieser Ebene als Gewerkschafter wenig Einfluss haben nehmen können. Das war ein schwieriger Punkt, weil das immer wieder mit wirtschaftlichen Problemen zusammenhängt: Kann man ökologisch bauen? Kommt’s teurer oder kommt’s günstiger? Wie ist der Fortschritt im Bauwesen? Für die Gewerkschaften ist die Ökologie schon ein wichtiger Punkt, auch. Aber nie, dass man hätte Einfluss nehmen können auf einen Gesamtarbeitsvertrag, zum Beispiel.
Dass man in diese Richtung etwas hätte in den Vertrag hineinschreiben können?
Das wäre nicht denkbar gewesen.
In diesem Bereich haben die Arbeitgeber einfach gesagt: Ökologie bestimmt der Markt? Wenn’s das Publikum will, machen wir’s dann schon, in diesem Sinn?
Ja, genau, und ich meine, es ist ja heute nicht anders. Der Markt bestimmt. Der Fortschritt der Technisierung, das macht alles der Markt. Wo wir noch Einfluss genommen haben, das ist beim Verbot von Asbest, das war ein wichtiger Punkt.
Das hat man damals als Problem schon gekannt?
Ja. Wir waren bei der Eternit AG, um zu verhandeln mit ihnen, dass endlich mal ohne Asbest Eternit gemacht wird, dass Asbest abgeschafft wird. Sie haben es dazumal versprochen, dass es im Tun sei, sie seien am Suchen [von Alternativen], aber trotzdem ist dann noch jahrelang mit Asbest produziert worden, all die Röhren und Tafeln und so weiter.
Man hat schon damals gewusst, dass Asbest krebserzeugend ist oder einfach, dass es krank machen kann?
Man hat schon damals die ersten schweren Fälle gehabt von diesem Lungenkrebs. – Und ein anderer Punkt ist gewesen: die Arbeitsbelastung des Handwerkers, zum Beispiel des Maurers. Weil zum Beispiel beim Bauen die Backsteine immer grösser und schwerer geworden sind. Dagegen haben wir uns gewehrt. Damals sind diese Klötze gekommen, die über zehn Kilo schwer gewesen sind, die der Maurer dann mit einer Hand hat hochnehmen müssen. Ein weiterer Punkt war das Gewicht der Zementsäcke, fünfzig Kilo sind einfach zu viel. Da machst du dir den Rücken kaputt, wenn du die herumschleppen musst. Da haben wir immer die Halbierung des Gewichts verlangt, Fünfundzwanzigkilo-Säcke.
Seid ihr durchgedrungen?
Jää… es war auch etwas, das im Fluss gewesen ist. Das hing auch mit der wirtschaftlichen Situation zusammen, ob die Industrie bereit und in der Lage ist, etwas verbessern zu können. Weil auf der anderen Seite die Arbeitgeber gesehen haben, dass sie Probleme haben damit. Aber für den Bauunternehmer steht im Vordergrund: So schnell wie möglich fabrizieren. Das kann er besser mit grossen Backsteinen, dass es tifig geht. Später hat sich dieses Problem gelöst insofern, dass der Zement fast gar nicht mehr in Säcken auf die Baustelle kommt, sondern in Silos. Das hat sich alles verändert.
Das heisst: Man transportiert jetzt mit Maschinen, nicht mehr von Hand?
Genau. Da kommen grosse Silowagen, und von denen wird der Zement auf der Baustelle in ein Silo gepumpt. So muss der Arbeiter keine Säcke mehr herumschleppen. – Das Backstein-Mauerwerk ist möglicherweise auch heute noch ein Problem, wobei: Die riesengrossen Backsteine gibt es nicht mehr. Die sind eliminiert worden. Zwar sind sie immer noch gross, aber nicht mehr so gross, wie sie mal gewesen sind. Und auch da geht es unterdessen in Richtung Fertigproduktion, dass ganze Wände vorfabriziert und danach aufgestellt werden, so dass der Maurer nicht mehr Backstein für Backstein mauern, sondern nur noch ganze Wände einsetzen muss.
Quasi Fertigprodukte, die man mit dem Kran an die richtige Stelle stellt, und dann muss man die Mauer nur noch fixieren.
Das ist so.
Wie hat man denn zu Deiner Zeit die Kälte und die Hygiene auf den Baustellen diskutiert? War das ein Thema?
Allerdings, das war sogar ein altes Thema. Ich habe sogar mal einen Streik produziert auf einer Baustelle, weil dort die WC in einem himmeltraurigen Zustand gewesen sind. das waren bloss Plumpsklos in Holzkästen gewesen, für den Arbeitnehmer fast unzumutbar, sie überhaupt zu benützen. Das war dann auf einer Baustelle oben in Höngg. Die Installation von WC-Anlagen war immer die Aufgabe des Baumeisters. Wir haben dann als Gipser zusammen mit den Anschlägern einen Streik produziert. Wir sind zum Bau hinaus und haben gesagt: So, und jetzt gibt’s ein anderes WC, sonst betreten wir die Baustelle nicht mehr.
Und wie hat der Baumeister reagiert?
Innert zwei, drei Stunden war ein anderes WC da. Das hat funktioniert. Aber eben, das war typisch. Weil weit verbreitet auf den Baustellen gab es katastrophale hygienische Zustände. Heute ist das auch besser. Heute haben die meisten Baumeister Installationen praktisch wie Wohnwagen, mit WC und Wachgelegenheiten, in denen sich die Arbeiter anständig befinden können.
Wie habt ihr euch denn seinerzeit gewaschen?
Auf dem Bau nicht. Beim Gipsergewerbe war es immer schlecht. Wir haben nur so behelfsmässige Garderoben gehabt irgend in einer Ecke des Neubaus. Und im Winter mussten wir jeweils in ein gefrorenes Übergewand steigen…
…das vom Vorabend her noch feucht gewesen ist.
Ja, und über Nacht nicht trocknen konnte, weil es einfach im offenen Bau geblieben ist. Früher hat man ja die Neubauten nicht zugemacht, wenn es kalt geworden ist. Einfach von gewissen Kältegraden an – sagen wir drei, vier, fünf Grad unter Null – ist der Bau eingestellt worden. Dann haben wir praktisch nicht mehr arbeiten können. Heute werden die Bauten alle schon frühzeitig verschlossen, die Fenster werden provisorisch oder schon endgültig eingebaut, damit man inwendig heizen und vorwärts schaffen kann. Das ist heute ganz anderes organisiert. Und die Handwerker haben auch bessere Garderoben, in denen sie sich umziehen und ihre Pausen verbringen können, Znüni- oder Mittagspausen.
Ich finde solche Aspekte ganz wichtig, weil die jungen Leuten von heute wissen einfach nicht, dass sich jemand gewehrt hat, wenn es heute besser ist als seinerzeit. Die haben das Gefühl, es sei immer so gewesen.
Die heutigen Jungen würden das wohl auch gar nicht mehr mitmachen.
Ausser man würde sie zwingen. Dann müssten sie.
Gut, zwingen kannst du einen Stift heute auch nicht mehr. Dann würde er Adieu sagen und verreisen.
Das stimmt. – Den «Gesundheitsschutz», wie du ihn in der Regierungserklärung angesprochen hast, ist demnach eine Priorität gewesen.
Ja, es geht alles ein bisschen in diese Richtung.
Ein weiteres Arbeitsfeld, das du damals angesprochen hast: «Strategien gegen technologische Entwicklungen zugunsten einer einseitigen Gewinnmaximierung», Entwicklungen, die die Arbeitnehmer nur noch als «notwendiges Übel sähen. Und später sagst du hierzu, es gebe eine «unantastbare Souveränität des Produktionsfaktors Mensch».
Ja, gut. Ich denke, das hat man im Zusammenhang mit der technischen Entwicklung – grössere Backsteine und so weiter –, da hat man schon immer eine Auge darauf gehabt.
Sind denn die Arbeitgeber im ganzen in diesem Bereich sehr hart gewesen? Oder hat’s da Unterschiede gegeben?
Sie haben ein offenes Ohr gehabt, aber sie haben oft gesagt: Wir können es nicht ändern, weil die Entwicklung in diese Richtung geht. Diese Sicht war natürlich auch materiell bedingt. Für sie war es ein Zugewinn, wenn schneller gebaut worden ist.
Hatten sie denn keinen Schaden, wenn einer wegen der Backsteine mit Rückenproblemen ausfiel? Das betraf ja dann nicht nur zwei, drei Tage.
Aber dafür war ja dann die Suva da.
Sie konnten die Kosten des Ausfalls auslagern und einen Neuen nehmen, der wieder schnell arbeitet?
Ja, genau. Es ist ja auch typisch, dass die Bauarbeiter in der Regel mit 55, 60 verbraucht gewesen sind. Oder heute noch verbraucht sind. Du findest heute in diesem Alter kaum einen Bauarbeiter, der nicht riesige Rücken- oder Knieprobleme oder Arthrose hat. das sind alles Folgen von dieser strengen, nasskalten Arbeit. Das hat alles einen Zusammenhang. Ich behaupte: Meine Hüftgelenke sind nicht vom Bürostuhl gekommen, sondern davon, dass ich als Gipser gearbeitet habe.
Du hast ja erzählt, wie du Wasser in Hochhäuser hinaufgetragen hast.
Zum Beispiel. ja. Und Zement. Wir haben ja auch Zement gebraucht, weil der Gipser immer zuerst einen Zementansprutz macht. Das ist der Haftgrund, an dem der Gips danach anhaftet. Auf dem Beton würde der Gips nicht halten. Es wir d also eine ein, zwei Zentimeter dicke Schick Verputz aufgetragen, und darauf kommt der Gips. Das brauchte also Zement, Wasser, Sand.
Und solche Gewichte treffen dann den Rücken oder die grossen Gelenke.
Ich vermute, das bei mir die Hüftgelenke auch Schaden genommen haben durch die strenge Arbeit.
Wann musstest du sie operieren lassen?
Die rechte Hüfte, das war vor fünfzehn Jahren, die linke vor zwölf Jahren.
Also kurz nach der Pensionierung. Bist du schlecht gelaufen oder hattest du einfach immer Schmerzen?
Du kriegst einfach Schmerzen im Bein. Du kannst praktisch nicht mehr richtig gehen, wenn du im Hüftgelenk Arthrose hast. Du kriegst so starke Schmerzen, dass eine Operation notwendig wird.
Ist der Schmerz beim Abliegen weg oder nicht?
Es war auch beim Liegen schmerzhaft.
Dann musstest du dauernd Schmerztabletten schlucken?
Mit Medikamenten kannst du den Schmerz eine Zeitlang im Rahmen behalten. Aber nur eine Zeitlang.
Gehen wir zurück zur «Regierungserklärung». Du kommst danach auf die Bildungsarbeit zu sprechen und sagst, es brauche viele Wissen, auch viel neues und spezialisiertes Wissen, und Wissen muss vermittelt werden. Danach differenzierst du, einerseits habe die GBH viel Gutes erreicht, Bildungseinrichtungen, eine leistungsfähige Bildungsabteilung und so weiter, andererseits gebe es auch ein Manko und einen Nachholbedarf, und hier kommst du im speziellen auf die Schulung der Vertrauensleute zu sprechen, dort fehle «eine breite Vertrauensleutebildung».
Das war immer ein Problem. Im Baugewerbe war es wahnsinnig schwierig, Vertrauensleute zu finden, weil die sich gegenüber dem Arbeitgeber einfach exponieren mussten. es gibt viele gute Gewerkschafter, die sich aber nicht exponieren wollen. Das ist auch begreiflich im Sinn des einzelnen Arbeitnehmers, der nicht der Böse im Betrieb sein will. Der mit dem Arbeitgeber anständig auskommen will.
Und du riskierst ja dann auch eher die Kündigung.
Das auf alle Fälle, ja.
Da wird es ja sicher Geschichten gegeben haben, dass Vertrauensleute auf dem Bau entlassen worden sind.
Das hat’s immer gegeben, ja. Und wenn einer entlassen werden ist, dann war es sehr schwierig, dagegen etwas zu unternehmen. Das wurde dann in einer Art begründet, gegen die du nichts machen konntest. Man findet ja immer einen Grund.
In dem Sinn ist die Vertrauensleutebildung eine grosse Forderung, wenn das Problem bereits war, sie überhaupt zu finden.
Es war immer sehr aufwändig, überhaupt eine Bildungsorganisation auf die Beine zu stellen, bei der dann entsprechend auch genügend viele Leute mitgemacht haben. Die Kurse, die ich als Zentralsekretär durchgeführt habe, sind nicht übermässig gut besucht gewesen. Schon anständig, aber nicht übermässig. Es ist nicht von den Leuten her ein Drang gewesen zu kommen, sondern man hat sie überzeugen müssen, dass es gut wäre, wenn sie kommen würden.
Kannst du dich erinnern, dass man von der GBH her vis à vis vom Arbeitergeber etwas zustande gebracht hätte zum Schutz der Vertrauensleute?
Praktisch nicht, nein.
Die sind gar nicht erwähnt im Gesamtarbeitsvertrag?
Nein. Wir haben bei den Verhandlungen schon versucht, einen gewissen Schutz hineinzubringen, den Kündigungsschutz zum Beispiel, aber da ist immer starker Widerstand gewesen. Da sind wir nie durchgekommen.
Dann muss man eigentlich sagen: Wer Vertrauensmann gemacht hat, der musste sich das auch leisten können. Wenn einer Familie gehabt hat, dann konnte er sich das eigentlich gar nicht leisten.
Das stimmt schon. – Und ich hatte ja das Glück, dass ich in einer Genossenschaft gearbeitet habe. Die Kollegen von der Genossenschaft haben mir die Freiheit gegeben, alle die Kurse zu besuchen und an die Verhandlungen zu gehen.
Du hast in dem Sinn wirklich fortschrittliche Arbeitsbedingungen gehabt.
Genau.
Und eigentlich hast du versucht, das, was du dort erlebt hast, auch auf die Gesamtbranche zu übertragen.
Ja.
Im Verlauf der «Regierungserklärung» zählst du dann noch weitere wichtige Probleme auf, unter anderem die «Arbeitszeitflexibilisierung». War die auf dem Bau damals auch ein Problem?
Eigentlich weniger. Da war mehr die Arbeitszeitverkürzung im Vordergrund.
Aber punkto Flexibilisierung sind andere Branchen mehr unter Druck gekommen.
Ja.
Weitere Punkte: «Rationalisierung, Umschulung und Weiterbildung, persönliche und betriebliche Mobilität». Dann «Umweltgerecht Produktion. Humanisierung der Arbeit» und noch einmal «Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz». Und als weiteres Feld noch die «Sozialversicherungen».
Die Versicherungen waren auch immer ganz wichtige Punkte, praktisch in allen Verhandlungen. Zum Beispiel die Altersversicherung. Hierzu ein Beispiel: Wir wollten in Zürich bei den Gipsern eine eigene Pensionskasse einrichten. Mit den Arbeitgebern wären wir einig gewesen, dass sie 2 Prozent und die Gipser 2 Prozent einzahlen, damit es genug Geld gibt, um ihnen später eine Aufstockung auf die AHV zu bezahlen. Dieser Vorschlag ist dann von den Gipsern abgelehnt worden. Und zwar abgelehnt worden mit der Begründung: Wir wollen keine eigene Pensionskasse, wir wollen einen Ausbau der AHV. Jaja, dasch verruckt, wäisch. Alle Branchen haben eine Pensionskasse aufgebaut. Das hat zu einer guten Branche gehört, dass man für die Leute eine Pensionskasse macht, und unsere Gipser haben das abgelehnt.
Ist das jetzt eine Hintergrundsepisode im Zusammenhang mit der Volkspensionsinitiative der PdA [1972]?
Das hat natürlich einen Einfluss gehabt, weil bei den Gipsern viele PdA-Leute gewesen sind. Sie haben schon mobilisiert und dann in der Versammlung auch dagegen geredet, und in der Abstimmung ist die Pensionskasse dann abgelehnt worden. Leider,
Realpolitisch hätte man das, was du sagst, machen müssen,…
…auf alle Fälle…
…die anderen haben quasi fundamentalistisch argumentiert. Aber wenn man heute die Probleme mit dem Kapitaldeckungsverfahren der Pensionskassen sieht, dann kann man sagen: Vielleicht wäre es gescheiter gewesen, das Umlageverfahren der AHV zu stärken.
Ja, natürlich. Vom Grundsatz her sind wir in den Gewerkschaft schon dafür gewesen, die AHV weiter auszubauen. Aber dieser Weg ist schon gloffe gsi (im Sinn von unmöglich geworden]. Die Zweite Säule mit den Pensionskassen, in allen Betrieben, überall, sind die Pensionskassen aufgebaut worden. Bloss die Gipser hatten das Gefühl, sie seien dagegen.
In welcher Zeit spielt diese Episode?
In meiner Erinnerung war das kurz nach dem Streik, also vielleicht 1964/65.
Und du hättest das Resultat fertig ausgehandelt gehabt und hast von den eigenen Leuten aufs Dach bekommen.
Genau.
Das sind dann wohl jene Momente, in denen man über den Rücktritt nachdenkt.
Nicht unbedingt. Ich bin so Demokrat, dass ich auch einen negativen Entscheid zur Kenntnis nehme. Und dann geht’s weiter.
Du hast das akzeptiert?
Jaja.
Mich hätte das recht angeschissen.
Mich hat das auch angeschissen, aber… (lacht).
Aber heute gibt es eine Pensionskasse bei den Gipsern?
Klar. Später ist ja dann die zweite Säule gesamtschweizerisch gekommen mit dem Dreisäulenprinzip mit AHV, Pensionskasse und privater Dritter Säule. Die Pensionskasse war die Zweite Säule und wurde mit der Volksabstimmung vom Dezember 1972 obligatorisch eingeführt. – Vorgesehen war im Bereich der Pensionskasse ein obligatorisches Minimum [wir suchen das Wort, finden es aber nicht], das die Gipser dann erhalten haben. es hat dann aber auch Gipserbetriebe gegeben, die für ihre Leute eigene Pensionskassen eingerichtet haben.
Und später ist beim Baugewerbe dann die frühzeitige Pensionierung gekommen. Dort ist gesamtarbeitsvertraglich festgelegt worden, dass sich die Maurer mit 60 [Roland sagt 62] pensionieren lassen können. Das ist jetzt seit einigen Jahren in Kraft .
Noch einmal zur «Regierungserklärung». Gegen Schluss kommt dann dein Plädoyer für den gewerkschaftlichen Zusammenschluss, den du anfangs schon erwähnt hast. Mit den christlichen ist man ja bis heute noch nicht zusammen.
Wenigstens hat sich die Zusammenarbeit verbessert. Eine Fusion [wäre nicht möglich].
Du sprichst davon, den «Gewerkschaftspluralismus» zu überwinden. – Ich habe dir ja einen Packen Papier geschickt zu deiner Präsidiallegislatur, die du gemacht hast. Ich habe das Dossier noch einmal durchgeblättert auf Themen, die mir in die Augen springen. Aber ich habe keine Ahnung, ob das Material repräsentativ ist für die Arbeit, die du damals wirklich geleistet hast. Ich fand Auseinandersetzungen, die die Arbeit auf den Baustellen betrifft, Schwatzarbeit, Kurzaufenthalter, dann Asyl- und Ausländerpolitik, dann die Europapolitik mit der EU-Abstimmung im Herbst 1992, dazu im Zusammenhang mit internationaler Solidarität unterlagen zu einer Nicaragua-Aktion.
Das sind natürlich immer auch Themen gewesen während meiner Präsidialzeit, die einen beschäftigt haben.
Aber diese Themen waren nicht die Hauptsache?
Nein. Das waren Themen, die mitgelaufen sind mit der ganzen gewerkschaftlichen Arbeit.
Wie würdest du denn das Kerngeschäft von dir als Gewerkschaftspräsident umschreiben? Wo hast du in diesen vier Jahren am meisten Zeit liegen lassen?
Kerngeschäfte waren schon personelle Fragen innerhalb der Gewerkschaft, die Betreuung der 42 Sektionen, die wir gehabt haben. Das war eine richtig grosse Aufgabe. Und dann eben die gesamtarbeitsvertragliche Arbeit. Das war ein wesentlicher Teil. Daneben den Aufgaben, die von der Gesamtgewerkschaft her gekommen sind, also vom Gewerkschaftsbund her, wo wir als eine der grossen Gewerkschaften überall ein [wichtiges] Wort mitgeredet haben.
Im Gewerkschaftsbund hattest du einfach ab und zu eine Sitzung? oder wie lief das?
Im Vorstand des Gewerkschaftsbundes hatten wir regelmässig Sitzungen. Zeitweise bin ich pro Woche dreimal nach Bern gefahren. Ich habe viel dort zu tun gehabt. Alles, was mit Behörden gewesen ist, fand gewöhnlich in Bern statt.
Aber so, wie man heute von Lobbying in den Wandelhallen spricht… du bist nicht im Bundeshaus verkehrt.
Nein, nein. Vor allem war ich beim Gewerkschaftsbund. Eine schöne Zeit war mit Ruth Dreifuss zusammen im Komitee, mit Fritz Reimann natürlich und mit Beat Kappeler – der war damals Sekretär im Gewerkschaftsbund und hat schon damals manchmal strube Ideen hineingebracht. Das war eine gute Zeit.
Ruth Dreifuss war auch beim Gewerkschaftsbund?
Sie war Sekretärin, ja.
Welchen Eindruck hattest du von ihr?
Sehr gut. Wir sind sehr gut zäme z’Schlag cho. Wir sind auch jedes Mal nach der Sitzung noch zusammen Nachtessen gegangen. Sie war damals eine tolle Frau.
Und sie hat’s ja dann auch im Bundesrat gut gemacht.
Momoll.
Dann hast du mehrere Bundesräte gekannt. Mit dem Willy Ritschard hast du doch gejasst, hast du einmal gesagt.
Es hat’s etwa gegeben, dass ich mit ihm es Jässli gemacht habe im Zentralvorstand.
Er war auch GBH?
Ja, er war Lokalsekretär in Solothurn, aber auch Mitglied in GBH-Zentralvorstand. Dazu war er Nationalrat und Regierungsrat und ist dann eben Bundesrat geworden. – Das ist eine gute Zeit gewesen.
Aber du hast schon eine grosse Veränderung der Arbeitswelt erlebt. Wenn man denkt: Von den Baustellen her in den fünfziger und sechziger Jahren zum Zentralpräsidenten: Das war ja wohl nur noch Schreibtisch und Sitzungen.
Ja. Aber es war schon eine sehr aufwändige Zeit, diese vier Jahre. Die Familie hat mich in jener Zeit wenig gesehen. Viel unterwegs. Viel abends weg. Viel Samstag, Sonntag weg.
Wie alt sind deine Kinder damals gewesen?
Sie waren in der Pubertät damals. Aber es ist gut gegangen.
Deine Frau hat das im Griff gehabt?
Sie, sie hat das gut gemanaged.
Aber ein Problem ist es schon, wenn der Vater so stark fehlt.
Es ist interessant: Bei ihr ist die Reaktion erst nachher gekommen, als ich dann nicht mehr in der GBI gewesen bin. Plötzlich hat sie dann alles abgelehnt, was von den Gewerkschaften gekommen ist. Das ist bis heute so: die Partei, die Gewerkschaft, die BAHOGE, das wird nun von ihr alles abgelehnt. Wie eine Reaktion auf ihren Verzicht, den sie früher gehabt hat. Es kann sein, dass es so ist.
Es sind jene Organisationen, die dich ihr weggenommen haben.
Zum Beispiel. Kann schon sein. Unterdessen sind wir 54 Jahre verheiratet. Und in den letzten Jahren ist sie von ihrer Haltung her wirklich komisch geworden.
Und früher war sie eher pro Gewerkschaften?
Ja. Sie reiste mit mir auch oft weit ins Ausland, an Kongresse. Sie war dabei, sie hat mitgemacht und hatte nie eine solche Aversion. Schon komisch.
Merkwürdig. Sie ist ja vermutlich nicht einfach unsozial geworden.
Doch, heute schon. Heute könnte man manchmal meinen, sie stehe der SVP nahe. Gegen alle Ausländer und… jaja. Sie hat eine starke Wandlung mitgemacht.
Wie ist es denn mit deinen Kindern? Haben die ein Verständnis gehabt für deine Arbeit?
Sehr, ja. Die Tochter ist ja noch ein paar Jahre Präsidentin gewesen der Sektion Zürich der Bauarbeiter. Sie heisst Gabi Sieger. Heute ist sie nicht mehr Funktionärin. Sie haben jetzt im Aargau unten ein Häuschen gekauft. Da hat sie das Präsidium ab gegeben.
Wieso ist sie denn zum Bau gekommen? Hat sie in diesem Bereich eine Lehre gemacht?
Nein. Eigentlich merkwürdig. Sie ist sie zu dem gekommen? Von Kollegen angefragt worden, ob sie mitmachen wolle in der Sektion. Das war für mich auch überraschend. Auf einmal hat’s geheissen, die Gabi sei im Vorstand der Sektion Zürich. Sie war Mitglied, sie hat den Beitritt gegeben zur Gewerkschaft und schlussendlich haben sie sie zur Präsidentin gemacht.
Wie kam sie denn zu Baugewerkschaft? Was hat sie gelernt?
Aus Sympathie hat sie mitgemacht. Sie hat auf einer Bank gearbeitet und bei Versicherungen. Und der Bub ist Filial[leiter?] bei der Bank Von Tobel. Ist aber auch gewerkschaftlich organisiert, in seiner Branche.
1991 hast du das Präsidium der GBH abgegeben. Bist du damals pensioniert worden?
Es war so: Mit 62 hätte ich zurücktreten müssen, weil wir in der GBI das Pensionsalter 62 hatten.
Du sprichst von der GBI. war das 1991 nicht noch die GBH?
Nein GBI, GBH war vorher .
Aber als du gewählt norden bist, war es noch die GBH. Dann wäre ja der Zusammenschluss mit der GTCP zur GBI unter deiner Präsidentschaft passiert.
Nein, die ist dann Nach meinem Rücktritt gekommen. Aber ich habe das noch aatäiget gha. – Gut, als ich 61 gewesen bin, 1991, war ein Kongressjahr. Das war mein viertes Jahr. und ich hätte mich damals noch für ein Jahr neu stellen müssen. Und das haben wir nicht gewollt. Drum habe ich gesagt: dann gehe ich ein Jahr früher in die Pensionierung und habe das im Herbst 1991 dann so gemacht.
Und noch einmal für ein Jahr zurück auf die Baustellen, das wäre ja unsinnig gewesen .
Nein, undenkbar. Undenkbar. – Ich bin auch froh gewesen. Ich hatte meine Pensionierung schon Jahre zuvor im Kopf gehabt und habe mir überlegt, was ich dann noch machen würde. Ich habe dann innerhalb von unserer Genossenschaft noch drei verschiedene Kochclubs gegründet. Kochen ist eines von meinen Hobbys, heute noch. Dann haben wir einen Hund zugetan.
Wer ist in der Gewerkschaft dein Nachfolger geworden?
Vasco Pedrina. Das ist eine gute Ablösung gewesen. Er ist danach auch ein sehr guter Präsident gewesen. Und ein sehr guter Typ.
Du kennst ihn noch heute?
Jaja. Aber ich sehe ich nur noch bei gewissen Veranstaltungen. Nicht dass wir da privat Kontakt hätten.
Erzähl mir jetzt noch geschwind, wie du das erlebt hast bei dieser spektakulären Besetzung eurer Büroräume [«Refugium», Ende April 1989]?
Das ist im Prinzip eine kleine Sache gewesen. Es ist mehr Wirbel darum herum gemacht worden als an und für sich gewesen ist. Wir hatten zuoberst im GBH-Zentralsekretariat einen Saal. Und sie haben diesen Saal besetzt und haben sich dort eingerichtet. Und wir haben dann mit ihnen diskutiert und gesagt: OK, ihr seid jetzt a, aber nicht lange. Ihr müsst etwas anderes suchen. Es ist unmöglich, dass ihr da bleiben würdet. Und sie haben auch Verständnis gehabt dafür. Aber es ist viel darum herum diskutiert worden, was gar nicht so dramatisch gewesen ist.
Ihr seid euch relativ schnell einig gewesen?
Jaja. Es war mehr ein symbolischer Akt von ihnen.
Gut, sie wollten natürlich die Öffentlichkeit für ihre Anliegen.
Das ist klar. Dafür hatten wir auch Verständnis.
Aber sonst ist die Ausländerpolitik nicht im Zentrum deiner Arbeit gewesen
… doch, schon auch…
…das Saisonnierstatut, hat’s das noch gegeben?
Das hat’s nicht mehr gegeben. Das wurde früher abgeschafft . Aber das ist auch ein langer harter Kampf gewesen, bis das Saisonierstatut eliminiert worden ist. Es ist ein unhaltbarer Zustand gewesen, dass man einfach Leute für ein paar Monate in die Schweiz holt und dann wieder heimschickt.
Und die durften ja ihre Familie nicht mitbringen.
Ja. Sie sind schnell nach Hause, haben ein Kind gemacht und sie dann wieder gekommen. Eine Katastrophe, wenn du denkst, was das für Familienverhältnisse gewesen sind. Die Kinder haben ja ihren Vater kaum gekannt. Er kam nur vorbei, um das Geld zu bringen.
Was sind denn Kurzaufenthalter? Ich lese da eben «Stopp de[n] Kurzaufenthaltsbewilligungen» (Bau + Holz, 27.10.1988], mit einem Pressekonferenz bild von Dir und Pedrina.
Kurzaufenthalter waren wie Saisonniers hier. Die durften drei bis sechs Monate hier sein. Dann mussten sie wieder nach Hause.
Eine Art Kurz-Saisonniers.
[ad. undatierter Zeitungsartikel (vermutlich aus Bau+Holz) mit grossem Bild und dem Titel «Die Überraschung ist gelungen»]
Dich sieht man hier mit Zigarette.
Ich habe viel geraucht.
Hier «der neu gewählte Sekretär Sandro Simonitto», sagt dir das etwas?
Das war ein Italiener aus der Sektion Lenzburg. Und rechts im Bild, das war Herbert Zehnder, auch Sekretär in Lenzburg und Vorgänger von Simonitto.
Und du bist von der Zentrale her an Simonittos Wahl gegangen?
Richtig, ja.
Siehst ein bisschen müde aus auf diesem Foto. (Er lacht.) Ich kann mir vorstellen, dass das schon vier sehr intensive Jahre gewesen sind.
Es war schon intensiv. Aber auch gut.
Wie weit hat man den eigentlich als Zentralpräsident einer Gewerkschaft mit der Politik zu tun?
Relativ wenig. Weil die politische Arbeit ist mehr vom Gewerkschaftsbund gemacht worden. Die Einzelgewerkschaften haben sich wohl im Rahmen des Gewerkschaftsbundes auch geäussert und mitgemacht. Aber sie waren nicht direkt involviert.
In deiner Gewerkschaft hat’s jetzt nicht noch zwei, drei Nationalräte gehabt, zum Beispiel?
Nein. – Wobei doch, der Zehnder da auf dem Bild ist Nationalrat gewesen.
Und jetzt ist Corrado Pardini für die Unia im Nationalrat.
Corrado ist noch dank mir Sekretär geworden bei der GBI. Und zwar ist er in der Sektion Lyss zur Diskussion gestanden als Sekretär. Und ich habe vernommen, dass sie ihn nicht wollen, weil er Italiener gewesen ist. Der Vorstand hat gesagt, man wolle keinen Italiener als Sekretär [Pardini ist ein Secondo mit breiten Berndeutsch]. Und dann bin ich nach Lyss gereist und habe mit denen eine Sitzung gemacht und habe gesagt: Der Corrado ist ein guter Typ. Ich hatte ja schon seinen Bruder Giorgio gekannt, der auch bei uns Sekretär gewesen ist, in Luzern. Ich hatte Corrado im Zusammenhang mit seinem Bruder kennengelernt. So habe ich gesagt: jetzt nehmt ihr den als Sekretär. und er ist dann auch gewählt worden. Dort hat er dann seine Karriere angefangen.
Du hast quasi ein bisschen direktiv…?
Ja, ich musste. Ich musste ein bisschen auf den Tisch hauen. Dass man einen mit italienischen Wurzeln nicht gewollt hat, war nicht nur dort so. Ich musste auch an anderen orten intervenieren, wenn’s um einen Ausländer gegangen ist. Auch zum Beispiel innerhalb der Genossenschaft. Einmal ist es darum gegangen, einen Hauswart einzustellen. Und die haben gesagt: Wir wollen keinen Tschingg als Hauswart. Und ich habe als Präsident der Genossenschaft habe gesagt: und der wird eingestellt. Und es sind dann keine drei, vier Wochen vergangen, hätten sie ihn nicht mehr hergegeben.
Aber das ist einfach fremdenfeindlich.
Das ist halt überall vorhanden.
Das, was du gemacht hast, ist dann quasi jemand mit Zivilcourage durchzusetzen.
Aber das musstest du. Weil: Sobald du irgendwo Fremdenfeindlichkeit gerochen hast, musstest du eingreifen.
Und das hat’s also auch auf der linken Seite gegeben?
Ich habe ja seinerzeit mit dem Schwarzenbach – vor der Abstimmung um die Schwarzenbach-Initiative – Gewerkschaftsversammlungen gehabt, ich als Contra-Referent, er als Pro-Referent. Das war jeweils schlimm: Die Leute haben, obschon sie Kollegen von mir gewesen sind, bei Schwarzenbach geklatscht. Ich habe aber als Zentralsekretär vor meinen eigenen Leuten gegen Schwarzenbach gesprochen und niemand hat geklatscht. Das war im Volkshaus in Bern, organisiert von unseren Leuten. Dort habe ich praktisch aufs Dach bekommen von den eigenen Leuten. es gab keine Abstimmung, aber aus der ganzen Stimmung im Saal war das klar. Verrückt, das war verrückt.
Wobei, ich muss sagen, Schwarzenbach ist ein phantastischer Redner gewesen. Der konnte… Blocher ist ein Dreck dagegen, obschon Blocher die Leute begeistern kann. Aber Schwarzenbach konnte das noch viel besser. Mit Sprüchen nahm er die Leute in den Sack. Gottseidank ist jene Abstimmung bachab, wenn auch knapp . Das wäre ein Drama gewesen.
Es ist natürlich eine Tatsache, dass in den letzten Jahrzehnten, zum Beispiel in Bern Bümpliz, Arbeiterquartiere nach rechts abgeschwommen sind und heutzutage ist das eine SVP-Hochburg.
In Zürich ist das mit Schwamendingen gleich. Auch eine Hochburg der SVP.
Die SP hat die Arbeiterschaft verloren.
Es gibt eben die Arbeiterschaft auch nicht mehr, wie es sie früher gegeben hat. Die ursprüngliche Arbeiterschaft ist nur noch zum Teil vorhanden. Die eigentlichen Fabrikarbeiter gibt es immer weniger. Und sofort, wenn einer kein Übergwändli mehr anhat, ist er etwas Besseres.
Er meint’s auf jeden Fall.
Ja (lacht).
Ich finde das interessant, was du mir zur Fremdenfeindlichkeit sagst. Das sie in der Gesellschaft weit verbreitet gewesen ist, ist mir schon klar. Aber dass sie auch innerhalb der Gewerkschaft so stark war…
…doch, doch. Wobei: es hat sich nach der Schwarzenbach-Initiative schon auch geändert. Danach sind ja dann sehr viele Italiener in die Schweiz gekommen, Spanier, Portugiesen. da hat’s dann eine Durchmischung der Gewerkschaftsmitgliedschaft gegeben, auch auf dem Bau, durch die die Fremdenfeindlichkeit stark abgenommen hat.
In den Jahren, als du Sekretär gewesen bist, gab es da auf den Baustellen zwischen schweizerischen und ausländischen Büezern Probleme, dass man von der Gewerkschaft her hätte intervenieren müssen.
Nein, das hat’s eigentlich nie gegeben. Natürlich, vielleicht mal persönliche Sachen, aber niemals in einem grösseren Rahmen. und als Gewerkschaft haben wir natürlich die ausländischen Arbeitnehmer sehr stark gefördert. Sie sind ja unser grosses Glück gewesen, durch sie hatten wir starke Mitgliederzunahmen. Sie sind in die Schweiz gekommen mit Grundkenntnissen der gewerkschaftlichen Arbeit von ihrem Land her. Hier sind sie bei uns ohne weiteres Mitglied geworden und haben danach mitgemacht bei uns. Das hat unserer Gewerkschaft gut getan. Dafür haben wir dann auch eine starke Ausländerabteilung aufgebaut mit ausländischen Zentralsekretären und Betreuern, die die Sektionen regelmässig besucht und dort Versammlungen durchgeführt haben mit den Ausländern. Auf italienisch, spanisch, portugiesisch. Später auch mit den Leuten aus Jugoslawien, Türkei dann weniger, auf dem Bau gibt es fast keine Türken. Wir haben eine wirklich gut Infrastruktur aufgebaut, um die Leute auch betreuen zu können.
Vermutlich kann man schon sagen, dass das Baugewerbe immer die internationalste Arbeiterschaft gehabt hat.
Doch, doch, das ist schon so.
(3.2.2012, 45800 Zeichen)
ZitationsvorschlagVideo: Gewerkschaft UNIA/F 1021-908D_preview
Hinweise auf unvollständige oder fehlerhafte Objekt- und Bildinformationen nehmen wir gerne entgegen. Senden Sie uns mit folgendem Link via E-Mail ihre